Fotos lesen:
Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte

Fotografien müssen gelesen und interpretiert werden wie Texte. Um das zu üben, lohnt es sich, es gelegentlich schriftlich zu machen. Oder einer Führung in einem Museum beizuwohnen.

Fotos "lesen": Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte

Der Interpretation einer Fotografie sollte das «Lesen» des Inhalts vorausgehen.

Dieses Thema beschäftigt mich, und andere Fotografen, wie die Kommentare unter meinem letzten Artikel zeigen, schon längere Zeit.
Ein Werbespruch eines bekannten Kameraherstellers (Affiliate-Link) lautet: „Wer sehen kann, kann auch fotografieren. Sehen lernen kann allerdings lange dauern“. Im ersten Augenblick wird das vielleicht dem einen oder anderen merkwürdig vorkommen, können die meisten von uns fast seit der Geburt sehen. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn mit „sehen“ ist nicht die reine Umwandlung von Licht in Nervenimpulse gemeint.

Ob nun klassisch auf Papier, moderner auf einem Monitor oder auf welchem Medium auch immer, ein präsentiertes Foto besteht immer aus Farbpunkten auf einer Oberfläche. Mit geschriebenem Text verhält es sich ähnlich. Buchstaben auf einem Blatt Papier bestehen auch aus vielen Farbpunkten, die dicht beieinander liegen und sich teilweise überlappen, so dass Linien entstehen.

Im Prinzip ist der Text auf einem Blatt Papier auch nur ein Bild. Irgendwann lernt man, welche Bedeutung die einzelnen Buchstaben haben, dass sie zusammengesetzt Wörter und diese Wörter wiederum Sätze bilden. Hinzu kommen noch andere Regeln, wie z.B. Grammatik, die auf den ersten Blick nicht ersichtlich, aber essentiell für das Verständnis des Textes sind. In extremen Fällen kann ein falsch gesetztes oder fehlendes Komma den Bedeutung eines Satzes komplett ändern oder sogar umkehren („Ich begnadige, nicht töten!“ oder „Ich begnadige nicht, töten!“). Fotos, oder Bilder allgemein, und Texte sind einfach nur verschiedene Ausprägungen der Konservierung von Informationen. Wenn man jemandem begreiflich machen möchte, was z.B. ein Mensch ist, so kann man demjenigen Bilder von Menschen zeigen, oder einen Text darüber verfassen. Beide Medien werden vermutlich nicht den selben Informationsgehalt haben, je nach dem, wie ausführlich man ist.

Inhaltsangabe

Stellen wir uns mal vor, wir möchten einen Roman, vielleicht einen Krimi lesen. Ein Autor benötigt viel Zeit und Aufwand, um ein Buch zu schreiben. Man kann davon ausgehen, der Autor hat sich daher schon genaue Gedanken darüber gemacht, wie er seine Geschichte aufbaut und welche Informationen er dem Leser zum Verständnis zur Verfügung stellt. Hinzu kommen die Informationen, die der Autor zwar nicht explizit geschrieben hat, die man aber aus dem Kontext entnehmen kann. Umgangssprachlich auch „zwischen den Zeilen lesen“ genannt.

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Man kauft sich selten ein Buch, liest sich die Überschrift und vielleicht noch den Einband durch, und meint, man wäre fertig und hätte den Inhalt des Buches verstanden. Wenn man so ein Buch liest, dann weiß man im Vorfeld auch nicht, welche Informationen besonders wichtig sind, und welche nur Beiwerk. Daher ist man gezwungen, das Buch von Anfang bis Ende komplett zu lesen. Bei einem Krimi kann man natürlich nur das letzte Kapitel lesen, und weiß, wer der Mörder ist. Dennoch kann man nicht behaupten, man kenne das Buch wirklich.

Bei Bildern ist es sehr ähnlich. Bilder können aus nur wenigen Elementen bestehen, sie können aber auch sehr komplex aufgebaut sein. Der menschliche Sehsinn besteht nicht nur aus dem Auge und dessen Funktionalität. Vereinfacht gesagt, wandelt das Auge einen bestimmten Teil des Lichtspektrums in für unser Gehirn verwertbare Nervenimpulse um. Das, was allgemein unter „Sehen“ verstanden wird, findet zum großen Teil im Gehirn statt. Dort werden diese Impulse in Verhältnis zueinander gesetzt, es findet eine Mustererkennung statt. Es wird assoziiert, interpretiert, bewertet. Das sind ganz schön viele Informationen. Hinzu kommen auch noch die Informationen der anderen 4 Sinne. Um diese Informationsflut bewältigen zu können, bewertet und filtert unser Gehirn permanent diese Informationen.

Evolutionsbiologisch ist das ein Vorteil, denn wer von unseren Vorfahren den Tiger eher gesehen hat als den Baum daneben, der konnte eher seine Haut retten. Dieser Mechanismus ist nicht wirklich steuerbar oder abschaltbar, arbeitet also auch bei Bildern weiter. Bei Bildern ist dieser Mechanismus jedoch oft hinderlich. Hinzu kommt, dass wir in der heutigen Zeit mit so vielen Informationen und Bildern geflutet werden, dass wir der einzelnen Information, z.B. einer Nachricht, kaum noch Beachtung schenken und nur noch Schlagzeilen lesen.

Bilder kann man ähnlich wie Bücher „lesen“. Man kann ganz bewusst nacheinander alle Teile des Bildes betrachten und sich selbst bewusst machen, was man da eigentlich sieht. Ich empfehle das mal schriftlich zu machen, denn dieser Filtermechanismus steckt tief in uns drin und wir sind stark daran gewöhnt. So kann die Inhaltsangabe eines vermeintlich simplen Bildes einiges an beschreibenden Text zur Folge haben. Vieles kann uns unwichtig vorkommen, aber wie beim Buch, ist eine solche schnelle und einfache Bewertung oft irreführend.

Die Inhaltsangabe kann sogar auf verschiedenen Metaebenen stattfinden. Welche Farben sind zu sehen, welche geometrischen Figuren, wie stehen diese zueinander, Anzahl von gleichen oder ähnlichen Elementen, Fehlen von erwarteten Elementen (z.B. Menschen in einer Großstadt), Größe der Elemente, usw. Am besten man stellt sich vor, man muss ein Bild jemandem, der das Bild nicht kennt und sieht, durchs Telefon beschreiben. Man könnte sagen, dass auf dem Bild ein Auto zu sehen ist. Das wird dem Zuhörer vermutlich aber nicht reichen, um sich eine Vorstellung von dem Bild zu machen. Mir als Zuhörer würden sofort viele Fragen in den Sinn kommen: PKW oder LKW? Farbe? Marke? Model? Alt oder neu? Welche Seite ist zu sehen? Wo befindet es sich? Fährt es oder steht es? Was ist außer dem Auto noch zu sehen? usw.

Ohne diese Informationen weiß ich nicht, ob es ein Sportwagen auf der Rennstrecke, ein Oldtimer auf einer Ausstellung, ein Krankenwagen im Einsatz oder ein Spielzeugauto, mit dem ein Kind in seinem Zimmer spielt, ist. Je genauer die Beschreibung ist, desto einfacher ist später die Interpretation. Allerdings empfehle ich mit der Interpretation zu warten bis man die Beschreibung fertig hat.

Auch fototechnische Aspekte sollten hervorgehoben werden, wenn sie erkennbar sind. Das ist bei Fotos allerdings nicht so einfach. In einer Ausstellung stehen Exif-Daten eher selten neben den Bildern, und Laien können eh nichts damit anfangen. Oft kann man nicht mal sagen, ob die Bilder analog oder digital aufgenommen wurden. Bestimmte Aspekte sind aber durchaus erkennbar und beschreibbar (z.B. Farbe vs. Schwarzweiß Tiefen(un)schärfe, usw.).

Interpretation

Die Inhaltsangabe ist im weitesten Sinne «objektiv». Das Bild ist ja da, man beschreibt nur was darauf zu sehen ist. Die Interpretation hingegen hängt von sehr vielen Faktoren ab, die nicht mal etwas mit dem Bild zu tun haben. Im Mittelalter war die antike griechische Mythologie ein beliebtes Motiv der alten Meister. Selbst wenn man eine perfekte Inhaltsangabe dieser Bilder anfertigt, ohne eine Kenntnis dieser Mythologie bleiben diese Bilder unverstanden. Farben haben oft eine Bedeutung („gelb vor Neid“, „im grünen Bereich“).

Doch in anderen Kulturkreisen können die selben Farben eine andere Bedeutung haben. Gleiches gilt für Farbkombinationen (z.B. die Farben eines Sportclubs) und Kombinationen aus Farben und Formen (z.B. Logos). Farben haben eine Temperatur. Die Verschiebung des Weißabgleichs kann bewirken, dass wir das Bild als kalt oder warm interpretieren.
Es gibt noch mehr solcher Faktoren, es geht mir nur darum zu verstehen, dass eine Interpretation sehr schwierig ist. Obwohl wir alle das selbe sehen, können wir doch zu unterschiedlichen Interpretationen kommen.

Ein Foto ist ein konservierter Augenblick. Das bedeutet, der Betrachter weiß zunächst nicht, wie es zu der Situation auf dem Foto gekommen ist oder was danach passiert ist. Es obliegt dem Fotografen uns Hinweise auf dem Bild zu geben. Manche Fotografen lassen nur wenig unklar, andere wiederum bieten bewusst viel Spielraum.Das hängt oft vom Zweck des Bildes ab. In einer Museumsbroschüre wird man sehr nüchterne und sachliche Darstellungen von Exponaten finden. Der Zweck ist zu zeigen, wie die Exponate aussehen. In der Werbung geht es meist auch um kurze und prägnante Botschaften („Das Produkt ist toll“, „Du willst es“, „Kauf es“), denn diese Botschaft muss schnell (z.B. Plakatwerbung aus einem fahrenden Auto sehen) und prägnant übermittelt werden. Hier geht es jedoch weniger um eine nüchterne Darstellung. Das Produkt wird oft „von seiner besten Seite“ gezeigt, bietet also schon einen gewissen Spielraum.

Andere Bilder wiederum bieten so viel Spielraum, dass sich jeder Betrachter eine andere Geschichte dazu ausdenkt. Wenn man sich mit anderen Betrachtern darüber unterhält, kommen dabei die lustigsten Geschichten raus. Ich z.B. habe so meine Probleme mit Fotos von jungen, hübschen, (halb-)nackten Frauen, die irgendwelche merkwürdigen Verrenkungen in Industrieruinen vorführen. Meine Fantasie rennt automatisch los und versucht sich vorzustellen, wie es zu einer solchen Situation gekommen sein kann. Oft komme ich auf harte Drogen oder psychische Krankheiten. ;)

Bei der Interpretation sollte man außerdem darauf achten, in welchem Gesamtkontext das Bild steht. Viele Fotografen kreieren keine Bilder, die für sich alleine stehen, sondern im Kontext eines Projekts, einer Serie stehen.

Manches Kunstwerk hat sich mir erst nach einer Interpretation durch einen Experten erschlossen

Ob man nun Bilder mit viel Interpretationsspielraum mag oder die mit eher strikter Vorgabe, ist wohl Geschmackssache. Ich würde das auch nicht so streng sehen, denn es gibt Bilder beider Lager, die ich mag. Viele Bilder sind eh nicht scharf abgrenzbar. Ob man nun Spaß dran hat, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen oder lieber konsumiert, ist auch jedem selbst überlassen. Es lohnt sich aber in Museen und Ausstellungen hin und wieder bei einer Führung mit zu machen.

Bei mir haben sich schon öfters Kunstwerke von „Was ist das für ein Quatsch?“ zu „Coole Idee“ gewandelt, nachdem mir Fachleute (Fotografie kann man studieren) erklärt haben, worum es eigentlich geht. Gerade die Bilder mit Spielraum zwingen den Betrachter seine Hirnzellen in Gang zu bringen und sich selbst mit einem Thema auseinander zu setzen und regen zum Nachdenken an.

Ein Besuch einer Ausstellung kann bei diesem Vorgehen durchaus viel Zeit in Anspruch nehmen. Wer sich aber für Fotografie interessiert, vielleicht selbst fotografiert, der möchte doch auch, dass seine Bilder mehr als nur einen Augenblick Aufmerksamkeit bekommen. Gerade unter Fotografen ist das auch ein Zeichen von Respekt.

Nun könnte man meinen, dass „gute“ Bilder so weit vereinfacht sein sollten, dass das alles nicht notwendig ist. In manchen Fällen mag das auch zutreffen (siehe z.B. Werbung). In anderen Fällen ist das aber manchmal nicht möglich oder nicht wünschenswert. Göthe und Schiller haben auch längere und komplexe Texte geschrieben, die viele nicht verstehen. Trotzdem kommt keiner auf die Idee, dass die Autoren diese Texte lieber einfacher hätten schreiben sollen.

Es müssen nicht genau 1000 Worte sein, aber wenn man Inhaltsangabe und Interpretation mal zu Papier bringt, und dabei gewissenhaft arbeitet, kommt man bei vielen Bildern schnell auf sehr viele Wörter. Und unter diesen Gesichtspunkten kann man sich als Fotograf einiges davon hinter die Ohren schreiben für die eigenen Bilder. Was will ich eigentlich mit meinem Bild aussagen? Was ist für die Aussage förderlich, was hinderlich? Wie setze ich das am besten um, dass es auch so ähnlich beim Betrachter ankommt?

Manchmal hilft ein Perspektivenwechsel.

12 Antworten
  1. Richard says:

    Playboy Günter Sachs hat sich für einen Kunstmäzen gehalten. Er war auch einer. Irgendwo wurde er auf den (zur Zeit unbekannten) Andy Warhol aufmerksam. Er hat ihm eine Ausstellung organisiert und Leute eingeladen. Es war ein Eklat, es war peinlich, weil sich keiner für Warhols Arbeiten interessiert hat, es wurde nicht mal ein Werk verkauft. Um die Blamage zu vertuschen, hat Sachs selbst alles gekauft. In diesem Moment waren die Werke das 10 oder sogar 100-fache wert. Egal ob die wirklich gut waren, egal was da drauf war, egal war alles, die Werke hat doch Sachs selbst gekauft also es muss was dran sein. So entsteht sog. „große Kunst“. Es muss (ohne geht absolut nichts) einen Förderer, einen Sponsor geben. Wenn er gut genug ist, dann verkauft er auch beliebige Sch…

    Mit anderen Worten, ein Mann entscheidet was sog. Kunst ist und was nicht. Ob ein Bild mehr als 1000 Worte sagt, spielt keine Rolle. Ob ein Bild Zufallsprodukt oder mühsam ausgearbeitetes Werk ist, ist unwichtig. Oft, zu oft, schaffen ganz nach oben Werke, die das nicht verdient haben aber dafür irgendjemand verdient hat. Und darum geht es, um Geld.

    Was will ich mit allen den Beispielen (auch Picasso und Beltracchi) sagen? Also, das Leben selbst zeigt uns ziemlich nüchtern „wie der Hase läuft“. Die „geistliche“ Seite „was möchte uns der Autor sagen?“, in die man sich so oft und gerne hineinversetzt kann dann nur lächerlich erscheinen. Manche wenige nutzen die Naivität von den meisten und „interpretieren“, „auslegen“ und „deuten“ irgendwelche Märchen …

    Und die Welt ist so wie sie ist.
    Ich kann nichts dafür.

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    • Peter Sennhauser says:

      Du meinst den Kunstmarkt und redest von Kunst. Der erste könnte ohne die zweite nicht existieren, umgekehrt aber schon. Vielleicht war Warhol ein genialer Betrüger, vielleicht war er ein Langzeit-Performance-Künstler und sein Rohstoff war der Kunstmarkt und dessen Protagonisten – ist das wichtig? Hauptsache, er bringt Dich zum Nachdenken. Die „Aussage“ darfst Du gerne selber machen. Die „Kunst“ steckt nicht so sehr im Objekt als in der Vielzahl an Geschichten, die es generiert (wenn es sie generiert). Wenn es keine generiert, ist es wahrscheinlich keine Kunst und kann weg.

    • Frank says:

      Tolle Antwort, Peter! Danke, dass Du es so klar gemacht hast: das Bedürfnis nach Kunst in unseren Leben wird nie vom Kunstmarkt berührt …

  2. Richard says:

    Bild ist nicht gleich Bild.

    Fotografie hat im Allgemeinen, meiner Meinung nach, verschiedene Zwecke zu erfüllen – sie soll bestimmte Momente festhalten (Reportage, Presse, Dokumentation …), sie soll durch Bild informieren und lehren (Sachbücher, Enzyklopädie, Lexikons …), sie soll erinnern (Familienfotos in Familienalben …) und erst am Ende kommt die Kunstfotografie, also das, was man darunter versteht oder auch nicht versteht.

    Dabei gibt es Macro, Portrait, Presse (Dokument), Stillleben, Produkt, Erinnerung … Die Fotos (Bilder) sind größtenteils nicht vergleichbar. Man hat, im Laufe der Geschichte, festgestellt, dass bestimmte Merkmale besonders in einem Bild wirken. Erstmal in der Architektur dann in der Malerei hat man verschiedene Techniken benutzt, um diese Effekte (Wirkung) zu erreichen. Mit der Entstehung der Fotografie hat man sie übernommen.

    Zum Beispiel:

    „die meisten leute versuchen zu viel in ihre bilder zu integrieren. wenn ihr ein kind fotografieren wollt, dass auf der wiese spielt, dann fotografiert das kind und nicht die bäume, das haus und alles andere rundherum. fotografie ist eine einfache aussage und je klarer desto besser.“ (eliot elisofon)

    Hier ist die Rede von der Komposition, von der Gestaltung, von der Perspektive, vom Spiel Schärfe/Unschärfe … Man hat bemerkt, dass ein Kind anders wirkt wenn es auf Augenhöhe fotografiert wird, anders wenn der Körper seitlich gezeigt wird, wenn der Kopf leicht nach vorne gekippt ist und anders wenn die Kleidung unauffällig ist. Solche „Tricks“ (Methoden, Techniken, Vorgehensweise …) gibt es viele. Alle sind greifbar, nachvollziehbar und so zu sagen real und zusammen mit dem Motiv bilden ein Bild.

    Das war aber manchen zu wenig. Sie wollten, dass man (der Betrachter) sich mehr anstrengt und ähnlich wie beim Lesen seine Fantasie (Fiktion, Utopie …) benutzt und zwar ohne Grenzen. Dabei kommt manchmal zum Irrsinn (meiner Meinung nach), was der Physiker Donald W. Olson bewiesen hat. Er behauptet zu wissen, dass Edvard Munch beim Malen vom Vulkanausbruch auf Insel Krakatau inspirriert war und in mehrseitigem Bericht … Ein bekannter Zahnarzt hat wiederum eine Arbeit geschrieben, dass das angebliche Lächeln bei Mona Lisa auf fehlende Frontzähne (!) zuzuführen ist. Solche „Thesen” werden in den Medien laut, man liest davon und denkt, dass man im Bild mit Pilzen unbedingt auch Zwerge sehen muss, die Leben doch im Wald, oder?

    Antworten
    • Frank says:

      Richard,

      Du zitierst : Zum Beispiel:

      „die meisten leute versuchen zu viel in ihre bilder zu integrieren. wenn ihr ein kind fotografieren wollt, das auf der wiese spielt, dann fotografiert das kind und nicht die bäume, das haus und alles andere rundherum. fotografie ist eine einfache aussage und je klarer desto besser.“ (eliot elisofon) ‚

      Das Fazit ist dann: „fotografie ist eine einfache aussage und je klarer desto besser.“ Klingt gut, ’nicht die Bäume, nicht die Wiese, nicht alles drumherum.‘ Toll für Anfänger. Aber warum nicht richtig? Was, wenn man das reine Chaos sieht. Darf man dann knipsen? Oder ist die Umgebung immer falsch mitaufzunehmen?

      Ich glaube der Teufel steckt hauptsächlich in all den Regeln, die Du aus der Geschichte aufzählst, die aber unsere Sehenskraft beschneiden (wollen) und nur Regel konforme Bilder erlauben; sonst ist es halt knipsen …, so habe ich es hier von Dir und anderen so oft gehört. Immer alles akademisch sauber aufgebaut und fotografiert, halt nicht das Chaos geknipst.

      Sieht man sich Bild aus Afrika (von lokalen Fotographen) an, oder aus Asien oder Kuba oder … oder, so hat jede Region ihren eigenen Kanon, was Fotografie ist und was aufgenommen wird. Und was dort wunderbar ist, geht oft gegen den Europäischen Strich, ist eben falsch. Afrikanische Kleidung und Muster sind halt ‚untragbar‘ in Europa, nicht wahr? Sind aber doch auch Menschen, die leben, bluten und weinen wie wir, aber eben andere Regeln kennen. Na so etwas! Patz, nicht alles ist eben pan-deutsch im Geschmack, in der Kultur, nicht weiss, nicht Renger-Patzsch, nicht artig.

      Es gibt halt noch viele andere lebendige Möglichkeiten mit einer Kamera umzugehen als nur Regeln abzuarbeiten. Kunst lebt, dehnt unsere Horizonte. Eliot ist ein Beschneider.

      Erstes Bild: ein misslungenes Bild, halt nur geknipst; Aussage = 0, in den Müll!

      2tes Bild: totales Chaos, beschneide das Bild! 2 Kartonecken sind fast schon zu viel, bitte. Einfacher, bitte. Fotografie ist nur für einfache Bilder von Wert und Nutzen (Eliot, paraphrasiert)

      U170610069

    • Richard says:

      Wir liegen nicht auf gleicher Welle, Frank.

      Du sollst wissen, dass ich großer Verfechter von folgendem Spruch bin: „Die Regeln sind da, um sie zu brechen“. Aber … gekonnt, bewusst (!), nachvollziehbar, mit einem Ziel, mit Verbesserung …

      Zweitens, eliot hat auch geschrieben: „wenn ihr ein kind fotografieren wollt“. Dann fotografiere das Kind. Wenn Du Chaos fotografieren willst, dann fotografiere Chaos. Das hat er gemeint.

  3. Richard says:

    Für alle, die nach höheren Werten suchen, für die, die Geschichte nur zählt, für die, die Experten brauchen, für die, die unbedingt immer alles interpretieren müssen, für die, die Bilder als Bücher sehen, für die, die prosaischen Elementen höhere Bedeutung vergeben, für die …

    … für die empfehle ich das Leben von Wolfgang Beltracchi.

    Es gibt einen Film, es gibt unzählige TV-Sendungen und viele Presseartikel. Sein Leben zeigt wie die sog. Kunstszene funktioniert, was sind sog. Kunstwerke wert, was Bilder so angeblich erzählen können, was wirklich zählt … Nach vorher zitiertem Picasso, ein weiteres lebendiges Beispiel. Heute schon als Legende gefeiert. Nicht von allen.

    Antworten
  4. oli says:

    „Man kann nicht nicht kommunizieren“. (Paul Watzlawick)
    Also spricht ein Bild immer. Die Frage ist: Höre ich auch zu?
    Will ich die Meta-Ebene lesen?
    Wem sich Hesse/Mann/Tucholzky/etc. inhaltlich nicht erschließt, der kann immerhin die Kommafehler suchen&finden.
    Ähnlich kann der Betrachter eines Bildes/Fotografie den um 0,5° geneigten Horizont finden und kritisieren.
    Die Formale (Bild-)Sprache ist am Ende immer „verbindend“.

    Antworten
  5. Richard says:

    Ich fange mit einem Zitat an.
    Von Picasso.

    „Seit die Kunst nicht mehr die Nahrung der Besten ist, kann der Künstler seine Talente für alle Wandlungen und Launen seiner Phantasie verwenden. Alle Wege stehen einem intellektuellen Scharlatanismus offen. Das Volk findet in der Kunst weder Trost noch Erhebung. Aber die Raffinierten, die Reichen, die Nichtstuer und die Effekthascher suchen in ihr Neuheit, Seltsamkeit, Originalität, Verstiegenheit und Anstößigkeit. Seit dem Kubismus, ja schon früher, habe ich selbst alle diese Kritiker mit zahllosen Scherzen zufrieden gestellt, die mir einfielen und die sie um so mehr bewunderten, je weniger sie ihnen verständlich waren. Durch diese Spielereien, diese Rätsel und Arabesken habe ich mich schnell berühmt gemacht. Und der Ruhm bedeutet für den Künstler: Verkauf, Vermögen, Reichtum. Ich bin heute nicht nur berühmt, sondern auch reich. Wenn ich aber allein mit mir bin, kann ich mich nicht als Künstler betrachten im großen Sinne des Wortes. Große Maler waren Giotto, Tizian, Rembrandt und Goya. Ich bin nur ein Spaßmacher, der seine Zeit verstanden hat und alles, was er konnte, herausgeholt hat aus der Dummheit, der Lüsternheit und Eitelkeit seiner Zeitgenossen.“

    Man kann reinfallen (reinfallen – das richtiges Wort) und irgendwelcher Blödsinn als Wahrheit (hier meine ich die Hilfe von sog. „Experten“) nehmen und dann „Wow!“ schreien als hätte man gerade Erleuchtung erlebt.

    Was ich sehe das sehe ich. Die Märchen, die mir irgendjemand erzählt, müssen nicht stimmen, müssen nicht der Wahrheit entsprechen, können zu diesem Zweck (den Betrachter „bezaubern“ oder einfach vera…) erfunden werden …

    Ich glaube, es ist Skepsis angebracht, man kann, behaupte ich einfach, auch im Kunstbereich rational denken, man soll und kann mit gesundem Menschenverstand dran gehen. Es ist doch nicht alles Gold nur, weil jemand das gesagt hat.

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  6. Frank says:

    Lieber Darius,

    du hast mir meine Arbeit abgenommen. So gut hätte ich mein Anliegen, damals vor einem Monat zum „guten Bild“, nicht beschreiben können. Besten Dank!

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  1. […] hatten hier bei fokussiert vor einiger Zeit ausgiebige Diskussionen über das „Lesen von Bildern“. Wenn ich mir dieses Bild ansehe und es auf mich wirken lasse, würde ich das nicht als […]

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