Landschaft mit Vordergrund:
Wählerisch sein

In der Landschaftsfotografie gilt in Abwandlung von Capas berühmtem Zitat: Ist die Komposition nicht perfekt, hast Du zu wenig Zeit investiert.

 

Sonnenaufgang im Grand Teton Nationalpark, Wyoming.

Sonnenaufgang im Grand Teton Nationalpark, Wyoming. © David Stein Canon EOS 5D Mark III, 1/25s bei Blende 11 mit 17mm Brennweite und ISO 100

David Stein aus Hergolshausen schreibt zu diesem Bild: Dieses Bild habe ich bei meinem aktuellen Trip durch die USA aufgenommen. Zu sehen ist der Grand Teton im gleichnamigen Nationalpark, der sich im Jenny Lake reflektiert.
Die Teton Kette läuft ziemlich genau von Norden nach Süden, weshalb mir klar war, dass ich morgens sehr schönes Licht auf den Bergen haben sollte, wenn das Wetter mitspielt.
Das Bild ist aus drei Aufnahmen zusammengesetzt, die mit Lightroom zusammengefügt wurden. Dabei ging es mir vor allem darum, dass ich die Zeichnung in den Bäumen im Vordergrund im Bild haben konnte, aber auch den vergleichsweise sehr hellen Himmel.
Die restliche, wenn auch tatsächlich recht spärliche Bearbeitung erfolgte in Photoshop (Kontrast, Sättigung und Schärfe)

Landschaftsfotografie bietet einen grossen Vorteil gegenüber allem, was an fotografischen Genres mit Menschen und Tieren zu tun hat: Landschaften bewegen sich selten. Umso mehr kann es dafür der Fotograf oder die Fotografin tun und einen perfekten Bildausschnitt wählen.

Diese Farbfotografie eines Sees mit schneebedecktem Gebirge ist offensichtlich am frühen Morgen entstanden, die Berggipfel auf der anderen Seeseite leuchten in rosa Alpenglühen. Ihr Spiegelbild im ungefähr im oberen Drittel der Aufnahme liegenden Seespiegel bringt die Farben noch mehr zur Geltung. Den linken Bildrand säumt eine kleine, in der Komposition angeschnittene Tanne, eine weitere ist ungefähr im Drittel vom rechten Bildrand entfernt zu sehen. Im Vordergrund erkennen wir noch Teile des kiesbedeckten Ufers und in der linken unteren Ecke die Bestandteile eines massiven Rundholz-Weidezauns.

F>otografische Komposition des Teton-Nationalparks

Drittelseinteilung der Komposition

Bergseen wie der Jackson Lake hier im Teton Nationalpark in Wyoming, südlich des Yellowstone Nationalparks, laden zumSpiegelbild-Landschaftsfoto, weil sie meistens eine imposante Kulisse hinter dem Wasser bieten, die sich darin spiegeln kann. Du hast Dich für konservative technische Einstellungen entschieden: 17mm Weitwinkel ist ein gangbarer Werg für Landschaftsfotografie, und mit einem Stativ schafft man sich die Freiheit, bei geringer ISO-Zahl mit langen Zeiten zu fotografieren oder gleich, wie Du es hier getan hast, ein HDR aus mehreren Fotos aufzubauen.  Wobei ich mich frage, ob das bei einer Kamera wie Deiner Canon EOS 5D Mark III (Affiliate-Link) überhaupt nötig gewesen wäre und Du nicht einfach in Lightroom mit einem Anheben der Tiefen einen ähnlichen Effekt hättest erzielen können. Jedenfalls ist zu begrüssen, dass Du das HDR sehr zurückhaltend entwickelt hast.

Mit Deinem Kommentar beweist Du, dass Du nicht kopflos drauf los geknipst, sondern die Aufnahme geplant und den frühen Morgen gewählt hast, um dieses Licht der in Deinem Rücken aufgehenden Sonne einzufangen. Solche Planspiele können sich in der Landschaft durchaus lohnen, wenn es um Lichteinfall, Mondaufgang oder Wolken/Gewitter im Bild geht.

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Auch den Standort hast Du mit einem gewissen Bedacht gewählt: Die Tannen im Vordergrund sind ein wichtiges gestalterisches Element, das viele Landschaftsfotografie-Anfänger auslassen, weil sie möglichst viel der spektakulären Ferne abbilden wollen – und damit auf die Tiefe verzichten, die so ein Bild unbedingt mitbringen muss, damit es nicht flach wirkt.

Mein «Aber» kommt mit dem Zaun und dem Uferstreifen im Vordergrund, und einmal mehr wundere ich mich über einen scheinbaren Mangel an Sorgfalt in einer ansonsten doch recht aufwändig erstellen Fotografie.

Beschnitt statt Standort der Kamera zu ändern.

Das Bild im Beschnitt, der den Zaun eliminiert – besser wäre eine andere Kamerastandortwahl.

Der Zaun stört mich hier sehr, und das ungeachtet der Frage, ob man in Landschaftsfotografien von Menschen geschaffene Strukturen abbilden will oder ob man als absoluter Purist nur natürliche Objekte im Bild hat. Auf jeden Fall hätte entweder mehr oder nichts von dem Zaun im Bild sein müssen, und Du scheinst für eine entsprechende Anpassung ausreichend Zeit und Raum gehabt zu haben.

Wenn es wirklich keinen anderen Standort mit ähnlichen Tannen im Vordergrund gegeben hat, hättest Du das Bild auch beschneiden können, um die unattraktive Uferzone und den Zaun loszuwerden. Bei der Gelegenheit hätte man auch gleich die angeschnittene Tanne links besser inszenieren oder weglassen und die kleine Tanne rechts ganz ins Bild rücken können. Der schneidest Du hier nämlich auch noch die Spitze ab.

Das Bild mit weiterer Aufhellung, einem beschnitt und dem versuch, die ins Bild ragenden Bäumchen am Ufer wegzuklonen (Grobversion...)

Das Bild mit weiterer Aufhellung, einem Beschnitt und dem Versuch, die ins Bild ragenden Bäumchen am Ufer wegzuklonen (Grobversion…)

Weil Landschaften wie erwähnt nicht davonrennen, lohnt es sich doppelt, bei der Aufnahme wählerisch zu sein und die Komposition so lange anzupassen, bis sie perfekt erscheint. Denn inzwischen sind wir alle so fotografisch geschult, dass wir bei einer Street- oder Event-Aufnahme gerne eine kleine Unschärfe oder ähnliches übersehen, aber in einer Landschaftsaufnahme ebenso technische wie kompositorische Perfektion erwarten.

Staubflecke im Bild

Staubflecke im Bild

Dazu noch eine Anmerkung: In der aufgehellten Version sind mir im Himmel Staubflecke aufgefallen. Diese werden natürlich nur in den hellen Teilen des Bildes sichtbar. Trotzdem lohnt es sich, das Bild auch auf der Suche nach andern kleinen Fehlern in Lightroom in zweifacher Vergrösserung oder noch mehr regelrecht «abzuscannen». Ich habe das zu einem typischen Schritt relativ spät in meinem Bearbeitungsprozess gemacht.

4 Antworten
  1. Martin Kaufmann says:

    Schreibfehler: „Mit dem Kommentar beweist der Fotograf, dass er nicht kopflos drauflos geknipst…“

    Es heißt: drauflosknipst.

    Antworten
  2. dierk
    dierk says:

    David,
    zu den Bäumen und dem Zaun vorne ist schon genug gesagt worden. Weiter unten nahe am Wasser wäre vielleicht ein guter Standpunkt gewesen, vielleicht mit einem toten Baumstamm davor.
    Bei dem Licht kann ich mir wie Peter auch nicht vorstellen, dass man HDR braucht, du solltest es mal mit der besten Belichtung versuchen in LR mit dem Tiefenregler die Tiefen anheben. Da sollte bei einer modernen EOS genug drin sein. Ich bin immer wieder überrascht, was da alles heraus kommt.

    Ich finde, dass die Farben zu „verwaschen“ sind, mir fällt keine bessere Beschreibung ein. Wie ich auf deiner HP sehe, machst du Landschaften gerne bei flacher Sonne, wohl meisten abends und. da es dir wohl auf die Farben ankommt, alle in Farbe. Farbaufnahmen bei dem Licht werden für meinen Geschmack zu schnell wie Postkartenmotive. Die S/W Aufnahmen bei den Landschaften sind leider nicht zu erreichen, der link zu Chicago funktioniert nicht. Die Schottland – Ergänzungen habe ich nur durch Zufall entdeckt und da dann faszinierende S/W Aufnahmen gesehen!!

    In dem bei den Stillleben erwähnten Buch „Sehen und Gestalten“ schreibt David duChemin:
    „Eine Frage, die ich in meinen Workshops ständig stelle, ist: »Hast du es in
    Schwarzweiß probiert?« Es ist schon zu einem Running Gag geworden. Mein
    Glaube, dass jedes Element in einem Foto etwas bedeutet – und so vom
    Betrachter des Fotos auch gelesen wird –, trifft auch auf die Verwendung
    oder das Weglassen von Farbe zu. Wenn das Element nichts zum Bild beiträgt,
    dann lenkt es nur ab, und für kein Element trifft dies mehr zu als für Farbe.“

    Ich habe es einmal versucht, bin aber nicht zufrieden damit. Dafür sind richtige Wolken erforderlich. Was man dabei aber besonders sieht, sind die vielen Sensorflecken.

    Darüber hinaus rege ich immer wieder an, es mal mit stitchen zu versuchen. Ich schrieb hier vor einiger Zeit darüber. Gerade bei Landschaften ist das für beliebige Bildformate und Auflösungen einfach ideal und meistens auch aus der Hand machbar (dann natürlich nicht für HDR).

    GrandTetonHDR-sw

    Antworten
  3. Frank says:

    Ich habe grosse Probleme mit der Komposition. Irgendwie hätte ich die lange dürre Tanne rechts im Bild lieber weggelassen, zumindest in der Spitze. Sie ragt wie eine Antenne oben aus dem Bild heraus. Dazu wäre ich ein wenig nach links gegangen, vielleicht einen halben Meter. Dort war noch etwas Platz bis zum Zaun. Also dorthin mit dem Stativ und die Kiesel am Ufer wären auch noch weg wenn ich das Stativ über die Zaunstangen erhöht hätte … Ich hätte dann die linke Tanne zu 60 % – also ein bisschen mehr als zur Hälfte mit auf das Bild genommen (statt jetzt nur angeschnitten) und die „Draht“tanne rechts schliesslich so beschnitten, dass ihre Antennenwirkung nicht das Bild verdirbt. Damit wäre auch ein bisschen mehr von den Gipfeln am rechten Rand mit im Bild …

    Naja, über Komposition lässt sich streiten, aber dort war wirklich ein schöneres Bild zu haben. Ein toller Platz, zu einer sehr fotogenen Zeit.

    Ein bisschen mehr Kontrast und sattere Farben täten dem Bild auch gut.

    Antworten

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