Schärfenverlagerung iPhone:
Eine Sache der Physik

Geringe Schärfentiefe bieten eigentlich nur sehr lichtstarke Objektive bei längeren Brennweiten – und in grossen Kameras. Der Effekt hängt nämlich auch mit der Sensorgrösse zusammen – und galt daher bisher für die winzigen Kameras in Smartphones als unerreichbar. Inzwischen schaffen sie’s doch – mit Software-Hilfe.

sttropez

Fred Germann aus Saarbrücken schreibt zu diesem Bild: Beim Sommerurlaub in St. Tropez aufgenommen, als Schnappschuss mit dem Iphone 6s mit dem Versuch der Schärfeverlagerung.

Achtung: Dies ist keine eigentliche Fotokritik. Ich fand Fred Hermanns Aufnahme einfach interessant, weil sie den Fokus (Tadaa!) auf einen grossen Unterschied der kleinen Handykameras zu den grossen Spiegelreflexkameras lenkt, den erst neue Software einigermassen zu überwinden weiss: Den Mangel der Kontrolle über die Schärfentiefe.  Weiterlesen

HDR-Kombo:
Havanna im Zeitsprung

Bisweilen kann in einer Fotografie mit bewusster Imperfektion der technischen Mittel ein zusätzlicher Stimmungseindruck betont werden. Hier ist das sehr gut gelungen.

Paseo in Havanna, HDR – © Lorenz Borsche

Paseo in Havanna, HDR – © Silke Lamek

Lorenz Borsche aus Heidelberg: Eine (von Chip als schlecht bewertete) 5 MP Handy-Knipse (Moto G LTE), dazu die HDR Pro App, so ist dieses Bild am 5.2.2016 anlässlich einer Cuba-Reise in Havanna am unteren Ende des Paseo (was in Barcelona die Ramblas ist in Havanna der Paseo) entstanden. Die Exif-Daten von jetzt hat leider die App zur Reduktion der Grösse geschrieben… In den Originaldaten stehen 4,9 MP mit ca. 1950×2500 Pixeln und 4mm? drin…

Ich finde reizvoll, das die Überlagerung der drei Aufnahmen die Menschen flüchtig erscheinen lässt in einer Architektur, der wiederum *ihre* Flüchtigkeit über einen viel längeren Zeitraum an ihrem Zustand anzusehen ist. Wir haben es uns 60×80 als Poster auf Rahmen an die Wand gehängt und ich bin immer wieder aus neue davon begeistert, denn der technische Fehler macht das Bild für mich erst lebendig und interessant.

Allzu oft versuchen wir, die Spuren der technischen Effekte zu verwischen, die wir auf ein Bild anwenden. Du hast hier das Gegenteil in einer Belichtungsreihe zu Deinem Vorteil benutzt.

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Handy-Fotografie:
Morgendämmerung

Die beste Kamera ist immer die, die man dabei hat. Heute ist das häufig das Smartphone. Dank diesem Umstand lohnt es sich auch mal, beim Joggen eine Fotopause einzulegen.

Saamsung-Waldfoto

Samsung Galaxy S7 1/33s bei Blende 2.2 mit 4.8mm Brennweite und ISO 40 © Ulla Zimmermann

Ulla Zimmermann aus Eynatten Belgien schreibt zu diesem Bild: Das Bild ist mit meinem Samsung S7 aufgenommen bei einem Morgenlauf. Die Steine sind die sogenannten Zyklopensteine…im belgischen Wald, nahe der deutschen Grenze zu Aachen

Es bietet sich ein tolles Motiv, der Moment ist flüchtig, und ich habe eine Kamera dabei: Früher kam es zu oft vor, dass der letzte Punkt nicht zutraf. Heute lohnt es sich, mal einen Stopp einzulegen und mit dem Smartphone eine richtig gute Fotografie zu machen.

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Golfplatz-Foto:
Wo ist der Spieler?

Nachdem man Golfplätze nur schwer als Landschaft klassieren kann, sie aber durchaus harmonische Ausblicke bieten, hilft ein Spieler im Bild, der Szene gerecht zu werden und dem vielen Grün einen Spannungs- und Kontrastpunkt zu geben.

Rauhreif-Fotografie Golfplatz

Golfplatz im Rauhreif © Max Riedl

Max Riedl aus Gergkirchen schreibt zu diesem Bild: Trotz winterlicher Verhältnisse hatten wir eine schöne Golfrunde an diesem Wintertag.

Das glaube ich! Gute Handschuhe an beiden Händen vorausgesetzt. Golfplätze, namentlich Parkland-Anlagen, bieten als die englischen Parks (mit Hindernissen), die sie sind, immer wieder faszinierende Pseudo-Landschaftsansichten. Pseudo deshalb, weil englische Parks eine natürliche Landschaft imitieren: Die Harmonie darin stammt von Menschenhand.

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Nacharbeitung XXL:
Was nicht zu erreichen scheint und doch so nahe …

Wenn auch Nachbearbeitung immer die Entscheidung des Fotografen ist, stellt sich dennoch manchmal die Frage nach dem „Warum“.

(c) Dirk Wenzel

(c) Dirk Wenzel

Dirk Wenzel aus Klostermansfeld schreibt zu diesem Bild:

unter der Brücke mit dem IPhone SE … der Moment der Einsicht , das Ziel nicht erreichen zu können … so find … eine auch aktuelle Situation im Weltgeschen … so nahe am Ziel und doch nicht erreichbar … in Gedanken an alle Menschen und Kinder welche das Ziel doch nicht erreichen dürfen …

Bearbeitung mit dem Handy in SW …

Ich war Dir sehr dankbar, dass Du von vorneherein auch noch das Originalfoto eingereicht hast, denn ich hätte Dich mit Sicherheit deshalb angeschrieben. Aus zweierlei Gründen: es ist bei so extrem nachbearbeiteten Bildern immer hilfreich, das Original vorliegen zu haben, denn so muss man keine Vermutungen anstellen. Und man kann selbiges noch anderweitig manipulieren, um noch weitere Möglichkeiten aufzuzeigen. Weiterlesen

Handyfotografie:
Das Gelb im Sonnenschein

Die Kameras in unseren Smartphones sind inzwischen ganz schön leistungsfähig. Da ist es erfrischend, Leute zu finden, die mehr tun als Selfies aufzunehmen.

Sonnengelb

Felix Merres aus Helmstedt hat uns dieses Bild ohne Begleittext eingereicht. Man kann sagen, der Titel sagt alles.

Diese Aufnahme ist mit einem Samsung G900F (Affiliate-Link) aufgenommen worden. Entsprechend exotisch sind die Exifdaten:1/178s bei Blende 2.2 4.8mm Brennweite und ISO 40. Die Farbfotografie zeigt die Ähren von Gräsern im Sonnenauf- oder Untergang in halbdirektem Gegenlicht. In der oberen linken Hälfte des Bildes ist die Sonne zu sehen, im Zentrum stehen einige der goldenen Grasähren im Fokus, vorne rechts ragt eine direkt in den vordergründigen Unschärfebereich.

Eine nicht ganz alltägliche Fotografie, noch dazu wenn man weiss, dass sie aus einem Handy stammt. Wir fotografieren heute alles: Weiterlesen

„Kleinkind und Corbijn“:
Dem Hauptbildgegenstand mehr Gewicht verleihen

Schnappschuss mit Kleinkind in einer Ausstellung, der noch ein wenig Nachbearbeitung benötigt.

Kleinkind in Ausstellung

Unser Leser Torsten Groth aus Bochum hat uns das obige Bild unter dem Titel „Corbijn und ein wenig Farbe” in der Kategorie ‚Schnappschuss‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „In einer Ausstellung mit Bildern von Corbijn waren meine Tochter und ich fast allein unterwegs – rote Jacke, schwarz/weißer Hintergrund, und dann „nur“ das Handy (iphone4 mit zerkratzter Linse zur Hand). Aber wenn ich die vielen Kinder-Bilder, die man (also Vater) so macht im Laufe der Zeit, durchgehe, bleibe ich immer wieder an diesem Bild hängen – habe lange überlegt, ob es anders zugeschnitten sein sollte, mich aber entschlossen, es vollkommen unverändert zu belassen. Freue mich über eine Rückmeldung.(Bilddaten: ISO 125, 4mm, f/2.8, 1/120)”

Längere Zeit habe ich überlegt, „Wie reagiere ich auf dieses Bild, wie empfinde ich es?“ Letztendlich bin ich zum Schluss gekommen, dass die Farben des Kindes in dem eher monochromen Raum alleine wirken, und dass ich den nicht vorhandenen Blickkontakt zu einem sichtbaren Bild an der Wand ignorieren kann. Besser wäre es schon gewesen, bei der Aufnahme gleich darauf zu achten, dass das Kind eines der im Foto befindlichen Bilder anschaut. Auch eine andere Perspektive der Aufnahme, von einem Standpunkt weiter rechts, würde sich dann anbieten.

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Leserfoto – „Nordische Reise“:
Mut zur Nachbearbeitung

Es ist nichts Falsches dabei, mit einem experimentellen Foto (oder an sich) weiter zu experimentieren, denn nur so lernt man und entwickelt sich weiter.

(c) Christoph Derganc

Dieses Bild ist mir zwar leider nur mit meinem Smartphone geglückt, zu schnell war die Situation in einem überfüllten Passagierbus bei der Landung in Helsinki wieder vorbei. Es blieb keine Zeit, eine bessere Kamera zu zücken. Was mir persönlich gefällt, ist das Ineinanderfließen von Grau- und Blautönen, welches lediglich von der einzigen Person auf dem Bild in neongelber Weste und dem neon-Orange des Positions-Hütchens unterbrochen wird. Durch die regennasse Scheibe wirkt das Bild zwar unruhig und nicht „auf den ersten Blick erfassbar“. Das finde ich jedoch gerade interessant, dass man einzelne Details (Flugzeug-Flügel inkl. Schatten, Passagierbrücke, Passagierbus links, die Person im Bild etc.) „hintereinander“ anschauen muss, um die Gesamtsituation zu erfassen. Das Bild ist bis auf eine Auto-Korrektur-Funktion, die etwas Grauschleier entfernt hat, unbearbeitet. Ich würde mich über eine fachlich kompetente Beurteilung freuen, eventuell auch um Verbesserungsvorschläge.

Ich hätte diesen Beitrag beinahe mit „Mut zur Schliere“ überschrieben. Seit Jahren beschäftige ich mich mit Effekten, die mit Wassertropfen und anderen „Filtern“ dieser Art spielen. Was dabei herauskommen kann, ist faszinierend. Du bist den Weg zur Hälfte gegangen, und im folgenden werde ich Dir hoffentlich Anregungen geben, ihn weiter zu gehen.

Aber zunächst zu Deinem Foto: Mir gefällt das Spontane, Experimentelle dieses Bildes. Womit es schlußendlich entstanden ist, ist Nebensache; Dein Nokia hat eine gute Kamera.

Du bist in einem Flughafenbus gesessen, draußen regnete es und Dich interessierten die blassen Farben und teilweise leicht unscharfen Formen, durchbrochen von wenigen Details und einigen Farbtupfern. Man sieht auf den ersten Blick rechts ein Flugzeug mit angedockter Treppe, links einen blauen Bus. Der Flügel der Maschine spiegelt sich auf dem regennassen Beton, einige Personen sind zu sehen. Weiterhin fällt die Spiegelung des Fensters hinter Dir in der Scheibe vor Dir auf. Eine Momentaufnahme.  Weiterlesen

Leserfoto – „Die letzte Liege“:
Ruhe und Dynamik

Aufnahmen mit einer starken Neigung nach links oder rechts sind generell eine Herausforderung an den Fotografen, wie auch den Betrachter.

Strandfoto aus Aegypten

(c) Lissi Gerhardt

 

Gesehen im Herbst 2013 in Hurghada, Ägypten. Aufgrund der Unruhen in den Städten bleiben die Touristen weg. chnappschuss mit dem Handy HTC Desire X
1000 x 598 Pixel Brennweite 3m Belichtungszeit 1/119 Sek.

Unser natürliches Empfinden geht dahin, waagrechte Linien waagrecht und senkrechte senkrecht darzustellen. In der traditionellen Architekturfotografie etwa ist es ein Muß, wenn man auch hier und da Kompositionen sieht, die sich bewußt darüber hinwegsetzen.

Du hast hier ein mit Deinem Handy gemachtes Foto eingereicht. Das HTC Desire X hat, soweit ich weiß, eine 5 MP Kamera, die für gelegentliche Schnappschüsse gemacht ist. Das wird hier deutlich am Rauschen, das auf dem Sand zu sehen ist; wahrscheinlich ist das Bild nachträglich aufgehellt worden, denn den Lichtverhältnissen nach zu urteilen ist es später Nachmittag/früher Abend. Auch die Pflastersteine im Weg zur Mitte hin sind verschwommen, was ich ebenfalls auf die technischen Grenzen der Kamera zurückführe. Man kann hier argumentieren, daß das ganze Bild auf etwas Distanz fast gemalt wirkt, und insofern stört es mich eher weniger.

Worauf ich mich hier konzentrieren möchte ist der extrem gekippte Horizont, zu englisch „Dutch Angle“, dieses Fotos. Ich denke, Du bist am Hotelfenster oder auf dem Balkon gestanden und hast diese Szene beobachtet. Du wolltest auch den Wächter rechts unten mit ins Bild nehmen, und so ist diese Komposition entstanden.

Die bestimmenden Linien im Foto (grün) sind gegenüber der Waagrechten (rot) extrem gekippt:

Vergleichsfoto 1

Der Hauptbildgegenstand ist hier der negative Raum, in dem der Mann mit der Liege Statist bleibt, aber auch als Kontext wirkt. Es strahlt eine trostlose Leere aus, die durch die blassen Farben verstärkt wird.

Die ganze Komposition ist aus dem Goldenen Schnitt heraus verschoben (gelb).

Goldener Schnitt

Der Blick des Betrachters wird nach unten rechts dem Weg entlang aus der Aufnahme geleitet (rosa), wo er schließlich auf den Wächter trifft.

Vergleichsfoto 2

Als Stilmittel hat ein „Dutch Angle“ in bestimmten Fällen seinen Platz, aber man muß ihn gekonnt einzusetzen wissen. Ich habe es mir über die Jahre zur Gewohnheit gemacht, andere Szenarien einer Aufnahme in Betracht zu ziehen, wenn Regelbrüche zur Diskussion stehen. Wenn ich zu dem Schluß komme, daß das Foto nur so, wie es präsentiert wird, „Sinn“ macht, ist der Regelbruch für mich gekonnt. Untenstehend eine verschlimmbesserte Version des Bildes, die eine unterschiedliche Variante der Szene wiedergibt. Es ist ein vollkommen anderes Foto, das zwar eine ähnliche Aussage hat, aber nicht halb so interessant wirkt:

Vergleichsfoto 3

Die Ruhe, die die Szene hätte, wäre sie anders eingefangen worden, paßt zur Trostlosigkeit des Bildes. Dort, wo sich Touristen unter Sonnenschirmen aalen sollten, ist niemand. Es könnte aber auch sein, daß eben am Ende des Tages alle Liegen weggetragen werden, und daß es sich um Ägypten handelt, sieht man nicht notwendigerweise. Man kann hier alles Mögliche hineininterpretieren.

Ein extrem kippendender Horizont bringt allgemein Dynamik ins Bild. Er unterstreicht im Foto angelegte Bewegung, etwa bei Autorennen. Das erzeugt hier eine kompositionelle Spannung in einem eigentlich ruhigen Foto und bring zusätzliches Interesse in die Aufnahme. Nur so macht sie hier Sinn, und ich finde den Ansatz durchaus gelungen.

Anzumerken wäre hier noch, daß ich persönlich das Thema aufgegriffen und noch weiter ausgebaut hätte. Oft kommen mir Gedanken zu Bilderreihen genau auf diese Weise: mir fällt etwas ins Auge, ich fange an, darüber nachzudenken, und ehe ich es mich versehe, bin ich dabei, das ganze fotografisch zu erkunden. Aus diesem einen Schnappschuß hätte so beispielsweise ein fotografisches Essay werden können.