Beiträge

Geschichten im Kopf:
Keine Kritik nötig

Ein Bild wirkt nicht durch tot-optimierte Tonwerte und Farben mit schärfsten Konturen inhaltsloser Fotos, sondern dadurch, dass seine Bilder eine Geschichte erzählen.

Ohne eine Spur von Reue verließ Frau Emma den Tatort!

Ohne eine Spur von Reue verließ Frau Emma den Tatort!

Franz Schmied aus Ottensheim schreibt zu diesem Bild: „war baden!“

Eingereicht unter der Rubrik „Bildjournalismus“, stach mir dieses Bild unter einer breiten Masse von Fotos ins Auge, ohne dass ich auf den  Namen des Autors geschaut hätte.

Ein typischer „Franz“, dachte ich, als ich das Bild sah! Franz kenne ihn schon seit ein paar Jahren aus den sozialen Medien, wie facebook und der fotocommunity, habe ihm aber leider persönlich noch nie gegenübergestanden.

Was bedeutet „typisch“? Franz Schmied, wir berichteten schon mal über ihn und seine Bilder, prägt eine deutliche Handschrift (symbolisch gemeint). So deutlich, dass seine Bilder aus der Masse von Bildern hervorstechen und erkannt werden. Sein Wiedererkennungsfaktor ist hoch! Weiterlesen

Bildjournalismus:
Direkter Inhalt

Wenn der Inhalt eines Bildes im Vordergrund steht, haben wir es mit Dokumentarfotografie oder Bildjournalismus zu tun. Ein künstlerischer Anspruch kann durchaus dazu kommen.

Fotografie von allettschuhe an Mahnmal

Sony ILCE7 M2, 1/400s bei f/9, 50mm bei ISO 400 © Adelheid Prünte

Adelheid Prünte aus Menden: An einen wunderschönen Tag im April besuchte ich San Michele, die Friedhofsinsel von Venedig. Dort sind sehr viele Prominente der vergangenen Jahrhunderte beerdigt. Unter anderem auch Serge Diaghilew, der Begründer des Ballets Russes. Am 19. August 1929 starb er in Venedig. Diaghilew war Wegweiser für das moderne Ballett. Mich haben die abgetanzten Ballettschuhe sehr angerührt.

Eine Fotografie, die den Betrachter nicht berührt, ist deswegen nicht generell schlecht. Zwischen Inhalt und Aussage aber steht vielleicht die Definition der „Kunst“. Ein schönes Bild ohne Aussage ist Fashion, Verzierung, Unterhaltung.  Und das Gegenteil ist Dokumentation oder Journalismus – diese Aufgabe kann auch eine Fotografie erledigen, die technisch und als Bild schlecht ist, aber eine wichtige Nachricht transportiert.

In dieser Fotografie ist ein Steinmahnmal oder ein Stück eines Gebäudes zu erkennen, in das mit goldenen Lettern der Name „Diaghilew“ gemeisselt ist. Die Steinfläche liegt im Schatten und nimmt zwei Drittel des Farbbildes ein, im rechten Drittel sind von der Sonne von hinten beleuchtete Ballettschuhe zu sehen, die an das Mahnmal gehängt sind. Weiterlesen

Buchrezension «Meilensteine»:
Lust auf Fotografie

In den fast 200 Jahren seit der Erfindung der Fotografie gab es Momente – und Menschen  –  die das Medium nachhaltig geprägt und richtungsweisend verändert haben. Florian Heine hat sie in seinem Buch gesammelt.

Cover - (c) Florian Heine

Cover – (c) Florian Heine

Level: Alle
Genre: Lehrbuch
Benutzbarkeit*: 8
Preislevel**:
Ein Kurzabriß wichtiger Momente – und Menschen – die die Fotografie, wie wir sie kennen, nachhaltig geprägt haben.
* 1 – eher nicht, 5 – geht so, 10 – super
** € (sehr billig) bis €€€€€ (überteuert)

Es ist nicht einfach, Meilensteine der Fotografie in einem Buch abschließend festzuhalten, und schon garnicht auf weniger als 200 Seiten. Man muß sich auf ein paar wesentliche Zeitpunkte und Fotografen/Fotografinnen konzentrieren, und es ist praktisch nicht zu verhindern, daß man ob der getroffenen Auswahl ein paar wegläßt, die andere hinzugefügt hätten.

Heine stellt auch nicht den Anspruch, ein definitives und abschließendes Werk über Fotografiegeschichte geschaffen zu haben, was sowieso eine mehrbändige Enzyklopädie füllen würde, sondern einen Querschnitt, und, in den Worten von Martin Parr, der das Vorwort verfaßt hat, Lust auf Fotografie machen. Das ist ihm meines Erachtens gelungen. Weiterlesen

Buchrezension «Eine Geschichte des Fotojournalismus»:
Die Kamera als Zeitzeuge

In einer Zeit, in der man überall mit Fotos und Video regelrecht überrannt wird, vergißt man gerne, daß es vor dem modernen Phänomen des „Citizen Journalist“ Leute gab, die sich an vorderster Front mit anfänglich primitivster Fototechnik – damals allerdings jeweils das Neueste vom Neuesten ins Getümmel gestürzt haben, und, daß das zu der Zeit revolutionär war.

Cover - (c) Wolfgang Pensold

Cover – (c) Wolfgang Pensold

Level: Alle
Genre: Lehrbuch
Benutzbarkeit*: 9
Preislevel**: €€
Eine Zeitreise durch fast zwei Jahrhunderte Fotojournalismus.
* 1 – eher nicht, 5 – geht so, 10 – super
** € (sehr billig) bis €€€€€ (überteuert)

Mit der Fotografie wurde auch der Fotojournalist geboren, und Pensold schlägt über 200 Seiten für uns den Bogen vom Krimkrieg Mitte des 19. Jahrhunderts und Roger Fenton, der damals mit Kollodiumplatten im Pferdewagen loszog, zum anonymen „Citizen Journalist“, der breiten Masse von uns, die ihre Smartphones auf alles draufhalten, was aktuell und berichtenswert erscheint. Weiterlesen

Vor dem Abriss:
Staffelung von Raum und Zeit

Um die Ästhetik und Bildwirkung von Industrieruinen soll es in der heutigen Bildbesprechung gehen.

Ausgangsbild

Unser Leser Christian Fehse aus dem niedersächsischen Bramsche hat uns das obige Bild unter dem Titel „Meisterbüro” in der Kategorie ‚Architektur‘ zur Besprechung eingereicht. Er schreibt dazu:

„Das Bild zeigt den Flur eines Meisterbüros wie man es in vielen großen Werkshallen meist oberhalb eines Tores auf halber Hallenhöhe findet. Dieser Flur wurde 1996 im Sommer vor dem Abriss des gesamten Areals aufgenommen. Zu dem Zeitpunkt war das Werk ungefähr sieben Jahre stillgelegt. Rechts die Türen zu den Büros an der Außenwand, links die Fenster zur Halle. Die Raufasertapete an der Wand bis zur halben Höhe mit glänzender Ölfarbe gestrichen (abwaschbar wegen der dreckigen Finger!). Was mich immer wieder neben der Stille und dem Frieden, den solche verlassenen Bauwerke ausstrahlen, fasziniert, ist wie schnell aus Architektur nur noch Geometrie wird. Nach sieben Jahren ist von der Funktion kaum etwas zu sehen. 40 Jahre haben Leute da gesessen, für die das ‚Werk‘ mit zu dem Wichtigsten im Leben gehört hat und nen paar Jahre später stehe ich machmittags in fast völliger Stille und fotografiere die Symmetrie des Raumes – irgendeiner hat sogar das verrostete Faß passend vor die Klotür gestellt. Ich könnte sowas jeden Tag machen. *gg* Zur Technik: Yashica MAT 124G Aufnahmeobjektiv 80mm f/3.5 (ca. 46mm kleinbild equivalent) wahrscheinlich bei f/8 oder mehr und 1/125s, Film Ilford Delta 100 ISO 100.”

Über Ausrüstung (analoges Mittelformat mit Zwillingsobjektiv als Rolleiflex-Nachbau, für 6×6-Rollenfilm) und Aufnahmedaten hatte Christian bereits berichtet.

Es ist mir eine große Freude, wieder einmal eine ‚gute alte Analogfotografie, noch dazu in Schwarzweiß‘ besprechen zu können – auch hierfür soll bei ‚Fokussiert‘ Platz sein, wie ich meine … doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente … Weiterlesen

Sensorgrössen:
Das Zollformat-Missverständnis

Der «Ein-Zoll-Sensor» in meiner Sony-Kompaktkamera hat weder eine Bilddiagonale noch sonst irgendeine Länge von einem Zoll. Die Zoll-Angaben bei Sensorgrössen beziehen sich auf alte Technologie – den Durchmesser der ursprünglichen Bildaufnahme-Röhren.

Vidicon Bildaufnahmeröhre {Wikipedia/sphl;https://de.wikipedia.org/wiki/Bildaufnahmer%C3%B6hre}

Vidicon Bildaufnahmeröhre Wikipedia/sphl

Und plötzlich geht’s nicht mehr um Megapixel, sondern um grosse Sensoren und hochauflösende elektronische Sucher: Das durfte ich feststellen, nachdem ich mich einige Zeit lang nicht mehr mit der Entwicklung der Technologie im Kamerabereich beschäftigt hatte. Die Bewegung in Richtung echter Bildqualität auch bei kompaktesten Kameras dürfte dem Umstand zu verdanken sein, dass inzwischen jede Smartphone-Kamera mit einem Sensor von der Grösse der bisherigen Kompaktkameras (16 Quadratmillimeter) im zweistelligen Megapixelbereich auflöst. Wer braucht denn also noch eine Kamera, wenn das iPhone doch schon super Bilder aufnimmt?

Jeder, der nicht mit ausgestrecktem Arm rumrennen, der oder die Bilder auch in greller Sonne sorgfältig komponieren will; ein optisches Zoom benutzen und auch im Halbdunkeln noch brauchbare Bilder machen möchte. Und jede, die Wert legt auf geringe Schärfentiefe in Offenblendenbildern. Weiterlesen

Martin Schlüter:
Im Hauptquartier des Geheimdienstes

Was immer streng geheim war, liegt nun vor unseren Augen: Martin Schlüter konnte das Hauptquartier des Bundesnachrichtendienstes in München-Pullach fotografieren.

Die BND-Zentrale In Pullach. Neuer Geländeteil, Eingang Fußgängertunnel. © Martin Schlüter / Kunstfoyer München

ie BND-Zentrale In Pullach. Neuer Geländeteil, Eingang Fußgängertunnel. © Martin Schlüter / Kunstfoyer München

Ob die aktuell in München ausgestellte Dokumentarserie (die auch als Bildband mit dem Titel «Nachts schlafen die Spione: Letzte Ansichten des BND in Pullach» (Affiliate-Link) erhältlich ist) viel mehr über den Geheimdienst BND verrät, als wir ohnehin vermuten, bleibt offen. Auch Martin Schlüter blieb erstmal ratlos.

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Tutorial Porträtfotografie (4/4):
Psychologie des Gesichts

Warum mögen wir eigentlich Porträts, was heissen sie für uns? Weshalb soll man sich mit Menschen und ihren Gesichtern aufhalten? 

Im geschichtlichen Rückblick hatte ich bereits darauf hingewiesen, daß Porträts mit zu den ersten bildnerischen Schöpfungen des Menschen gehörten – wenn auch in stilisierter Form, was die Funktion des Abgebildeten gegenüber seiner Individualität betonte.

Zugleich klangen in den vorangehenden Abschnitten – etwa bei der Vorstellung der verschiedenen Porträtarten – schon die vom Bild bzw. dem Abgebildeten ausgehenden Wirkungsaspekte (im Sinne von ‚Einzelbuchstaben eines psychologischen Alphabets‘) an. In diesem Abschnitt möchte ich mich noch mit der allgemeinen Frage beschäftigen, was Porträts ‚eigentlich mit uns Betrachtern machen‘ … Weiterlesen

Tutorial Porträtfotografie (1/4):
Das beseelte Gegenüber

Vierteiliges Tutorial zur Porträtfotografie – Geschichte, Bedeutung, Umsetzung. Dieser Teil beleuchtet die Geschichte.

Porträt 'Verloren in Gedanken' (Quelle: Maike Frisch)Wir hatten in letzter Zeit einige bemerkenswerte Porträtarbeiten unserer Leser (wie etwa die nebenstehende) in den Bildbesprechungen vorgestellt.

So möchte ich die in den Diskussionen aufgetauchten Fragen gerne zum Anlaß nehmen, Euch einen systematischen Überblick zu diesem spannenden fotografischen Genre zu geben.

2. Geschichtliches

Im Grundsatz läßt sich ein Porträt zunächst als das Abbild eines ‚beseelten Gegenübers‘ definieren. Dies sind zumeist Menschen, aber auch Tiere können porträtiert werden. Die detaillierte Darstellung von Pflanzen oder unbelebten Objekten wird demgegenüber als Stilleben charakterisiert. Weiterlesen

Margaret Bourke-White:
Das Auge ihrer Zeit

Mit dabei sein, wenn Geschichte geschrieben wird: Das war Margaret Bourke-Whites „unstillbarer Wunsch“ und sie sah sich als „Auge der Zeit“.

Margaret Bourke-White: Ein Paar zieht einen mit drei Kindern und Proviant beladenen Handkarren, Deutschland, April 1945 Margaret Bourke-White war eine der ersten Frauen, die in die männlich dominierte Welt der Fotoreporter eindrang. Sie schoss das Titelfoto der allerersten Life-Ausgabe.

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