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Frauenporträt extrem:
Wenig schmeichelhaft

Experimentierfreudigkeit ist lobenswert, sofern sie nicht das Ergebnis so verzerrt, dass man nicht weiß, wo man als Kommentator anfangen soll.

Zur Technik: Nikon F100, Nikkor AF-S 70-300mm f/3.5-5.6 VR bei 250mm f/5.6 1/80s, Kodak Portra 160 NC aus ISO 160, Scan vom Negativ.

Zur Technik: Nikon F100, Nikkor AF-S 70-300mm f/3.5-5.6 VR bei 250mm f/5.6 1/80s, Kodak Portra 160 NC aus ISO 160, Scan vom Negativ.

Christian Fehse aus Bramsche schreibt zu diesem Bild:

Das Foto ist aus Juni 2016. Ich würde es mal in die Kategorie „Beauty“ verorten – allerdings versehen meinem relativen rauen Look. Diese Art der Bilder kann man jetzt mögen oder nicht, aber darum geht es mir hier nicht. Fotografiert wurde dieses Portrait draußen bei natürlichem, leichtem Gegenlicht und mit langer Brennweite, um einen gesamt weichen Eindruck zu erreichen. Das Negativ ist leicht unterbelichtet und für meinen Geschmack zu grün geworden (wahrscheinlich dem 1998 abgelaufenen Film geschuldet). Mein Problem ist jetzt: irgendwas fehlt und ich weiß nicht was. Deswegen reiche ich es ein, das es mal so richtig auseinandergenommen wird.

Wir sind bei fokussiert grundsätzlich bemüht, alle Fotos positiv zu besprechen, denn nur durch konstruktive Kritik kann der Fotograf diese annehmen und etwas von dem Geschriebenen für sich verwenden. Hier ist mir das, kurz gesagt, leider etwas schwer gefallen; doch schreibst Du, es solle richtig auseinandergenommen werden, und das werde ich denn auch tun. Weiterlesen

Kompositions-Porträt:
Grundregeln beachten

Es schadet nichts, sich früh in der Fotografie mit neuen Techniken und Experimenten zu beschäftigen. Schade ist es, wenn verletzte Grundregeln das Resultat schwächen.

Nikon D750 im Studio mit einer Softbox, f/14, die darübergelegten Wolken wurden etwa in der gleichen Woche aufgenommen.

Wolkige Gedanken: Nikon D750 im Studio mit einer Softbox, 1/125s, f/14, 48mm bei ISO 100 – die darüber gelegten Wolken wurden etwa in der gleichen Woche aufgenommen.

Kamran von Kleist schreibt zu diesem Bild: Erst einmal vielen Dank für die Mühe, mit denen die Bilder hier ‚auseinandergenommen‘ werden, was gerade für Anfänger, wie mich, mehr als hilfreich ist.

Die Intention dieser Aufnahme war es, das Sinnieren über die Zukunft darzustellen, aber nicht eine schwermütige, von der Vergangenheit belastete, sondern im Gegenteil eine hoffentlich positive, die auf das Erreichte aufbauen kann.

Beeindruckend: Du bezeichnest Dich als Anfänger, aber Du lieferst ein Bild ab, das in mehrfacher Hinsicht fortgeschritten ist. Weiterlesen

Schwarz-Weiss-Porträt:
Der Dampflokführer

Bei einem Porträt sollte das Gesicht des Modells zu erkennen sein. Es ist immer das Zentrum des Motivs und der Aufmerksamkeit.

Dampflokführer in Schwarz-weiss fotografiert

Sony Nex 3, 1/25s bei Blende f/5.6, 55mm und 1600 ISO. © Michael Calcada

Michael Calcada aus Springe schreibt zu diesem Bild: Das Bild entstand während einer kurzen Pause auf einer Fahrt mit einer Dampflok.
Ich mag Bilder in SW mit diesem harten Kontrasten. Bei diesem Bild gefällt mir der Effekt besonders, da er für meinen Geschmack gut zur Lichtstimmung, zum Aufnahmeort und der Situation passt.

Die Aufnahme entstand mit einer Sony NEX-3 mit 55mm Objektiv, einer Belichtungszeit von 1/25s bei Blende f 1/5.6 und ISO 1600. An der trotz hohem ISO-Wert langen Belichtungszeit lässt sich ablesen, dass es in der Dampflok ziemlich dunkel war. Selbst wenn außerhalb der Lok die Sonne hinter Wolken versteckt war, ergibt sich dennoch ein sehr hoher Motivkontrast, der an die Grenzen dessen geht, was ein Sensor verarbeiten kann, oder auch darüber hinaus. Weiterlesen

Selbstporträt mit Wasser:
Ein langsamer Blitz

Wer kein Modell hat, muss sich was einfallen lassen – ein Selbstporträt unter der Dusche etwa. Diese Fotografie hier besticht als Low-Key-Aufnahme mit extrem nassem Wasser.

Canon EOS 60D, 50mm mit 1/250s bei F/4 mit und  ISO 100, © Manuel Stülten

Canon EOS 60D, 50mm mit 1/250s bei F/4 mit und  ISO 100, © Manuel Stülten

Manuel Stülten aus Hamburg: Ich beschäftige mich seit kurzer Zeit mehr mit der Portrait-/Peoplefotografie und habe im Zuge dessen auf unterschiedliche Weisen mit Wasser herumexperimentiert. Dieses Bild ist ein Selbstportrait, das mehr aus dem Fehlen eines Models entstand. Aufgenommen mit einem Blitz mit Standardreflektor und Wabe (Affiliate-Link) ohne zusätzliche Aufhellung in der heimischen Dusche.

Ein bärtiger junger Mann ist in dunkler Nacht in einen Platzregen geraten: Dieses Schwarz-Weiss-Foto zeigt das Gesicht des Mannes in Rembrandt-Beleuchtung von links. Der Mann blickt direkt in die Kamera. Sein Gesicht trieft von Wasser, das in wahren Sturzbächen vor allem von den Augenbrauen fliesst.

Aus technischer Sicht ist diese Aufnahme mehrfach interessant: Man kann sich fragen, wie Du es geschafft hast, den Fokus genau auf dem Auge zu setzen, und wie Du bei manueller Einstellung zur richtigen Belichtung gekommen bist. Du sagst, dass Du herumexperimentierst, und die Digitaltechnik lässt erfreulicherweise heute solche Experimente zu, bei denen man sich an das Resultat herantastet.

Was auffällt, ist die lange Belichtungszeit mit dem bereits in der Bewegung verwischten Wasser. Was das Bild zu einem guten Teil ausmacht, ist die Mischung der gestochen scharfen Tropfen, wie dem über dem rechten Auge oder des einen Rinnsals von Deiner Stirn, im Kontrast zu den Spritzern, die in der Bewegung völlig verwischt sind. Wenn man etwas kritisieren muss, dann sind es die Glanzstellen im Wasser, die vor allem auf der Stirn flächig werden und vielleicht mit einer anderen Stellung des Lichteinfalls hätten vermieden oder in der Nachbearbeitung eliminiert werden können.

ShowerShotglanz

Mich interessiert aber vor allem der Zusammenhang zwischen Belichtungszeit und Blitz. Eine zweihundertfünfzigstel Sekunde reicht aus, um fallendes Wasser zu verwischen. Aber ich hielt den Blitz für zu schnell, als dass das in so einem Bild möglich wäre:

Immerhin scheinst Du keine weitere Lichtquelle als den Blitz benutzt zu haben (wobei ich annehme, dass es in der Dusche nicht stockdunkel war). Nun ist es aber so, dass ein Elektronenblitz durchaus eine gewisse Dauer anhält. Selbst natürliche Blitze dauern ja lang genug, dass man sie mit Sensoren erfassen und die Kamera noch vor erlöschen des Blitzes auslösen kann.

Tatsächlich ist sogar die Intensität des Blitzes nicht in Form eines höheren Outputs einzustellen, sondern in der gleichen Intensität, aber über einen längeren Zeitraum, erklärt uns jedenfalls Sam in diesem Artikel über Blitz-Abrenndauer in seinem sehr interessanten Blog.

Ich Schliesse aus diesen Ausführungen, dass es innerhalb einer gewissen Bandbreite durchaus möglich ist, „Langzeitblitz“-Aufnahmen zu machen. Und zwar jenseits der Technik, bei welcher die Belichtungsdauer über den Blitz hinaus gestreckt wird und der Blitz so ausgelöst wird, dass er endet, wenn der zweite Vorhang fällt (rear flash). Gehen wir davon aus, dass fallendes Wasser mit 50mm bei einer 800stel Sekunde vollständig eingefroren wäre, dann hättest Du hier mit höherer ISO und/oder weiter geöffneter Blende und entsprechend eingestellter Zeit ein ganz anderes als das triefend nasse Bild erhalten. Vielleicht weiss jemand in der Leserschaft mehr dazu?

Womit ich nicht sagen will, dass diese Aufnahme nicht gefällt, ganz im Gegenteil. der Wassereffekt macht zusammen mit dem Low-Key ein Film-Noir-Foto daraus, das sofort auffällt.

ShowerShothoch ShowerShoteng ShowerShotaugen

Allenfalls kann man sich fragen, ob ein anderer Beschnitt das Gesicht nicht noch wirksamer werden liesse. Die Augenpartie ist nun mal das erste, was man anschaut, und dort hast Du mit den Tropfen einen starken Effekt erreicht, der beispielsweise vom Nackenansatz und der Ohrenpartie eher wieder abgeschwächt wird.

Auf alle Fälle kann man sagen, Du hast ein spannendes Setting für ein Shooting mit Modellen entdeckt. Ich kann mir vorstellen, dass eine Serie solcher Fotos mit verschiedenen Menschen äusserst einprägsam wirken würde.

Fragt sich nur, ob Du deine Modelle so ohne weiteres unter die Dusche kriegst.

 

Low Key Porträt-Fotografie:
In Gedanken

Bei fotografischen Porträts ist der Aufnahmestandpunkt wichtig, wenn die Person vorteilhaft dargestellt werden soll.

aufnahmedaten: canon d5III, 53mm (24-70mm objektiv), 1/30 sec., f/2.8, iso 400, stativ und extrem geduldige dame vor der kamera ;-) - (c) Susan Horn

aufnahmedaten: canon d5III, 53mm (24-70mm objektiv), 1/30 sec., f/2.8, iso 400, stativ und extrem geduldige dame vor der kamera ;-) – © Susan Horn

Susan Horn aus Rüti schreibt zu diesem Bild:

diese aufnahme entstand als erster gehversuch im portraitieren. zu verfügung stand mir nur eine lichtquelle die ich rechts der person positionierte und mit einem diffusor weicher werden liess. von links versuchte ich mit einem reflektor die schattenbereiche des gesichts aufzuhellen. als hintergrund wählte ich einen schwarzen stoff.

um die qualität nicht leiden zu lassen beliess ich bewusst die iso bei 400.

Ich fotografiere gerne Porträts (Affiliate-Link), es ist mit mein Liebliengsgenre. Nicht nur, weil Menschen so vielfältig sind, sondern weil man hinterher auch Feedback bekommt von dem oder der Porträtierten. Es macht Spass, Erinnerungen für andere zu schaffen. Weiterlesen

Ausdrucksstarkes Frauenporträt:
Ein Gesicht wie eine Geschichte

Wenn ein Foto den Betrachter so in den Bann zieht, dass er Mängel darüber vergisst, ist man als Fotograf am Ziel.

myanmar-elderly-pa-o-woman-portrait

Matthias Kleinmanns aus Hofheim schreibt zu diesem Bild:

Das Foto entstand auf einem Markt in einem Bergdorf in Myanmar. Bei der abgebildeten Person handelt es sich um eine Angehörige der ethnischen Gruppe Pa-O. Aufgenommen wurde das Foto mit eine Sony A7R ( ILCE-7R ) (Affiliate-Link) mit dem 90mm Voigtländer Objektiv Apo Lanthar (Blende 4.0, ca. 1/250 sek), verbunden mit einem Metabones Adapter .

Für Fotos dieser Art streife ich gerne stundenlang über Märkte in Regionen, in denen kulturelle Besonderheiten, wie landestypische Kleidung, Frisuren, Tattoos, oder ähnliches zu sehen sind. Hierbei achte ich heute zuerst auf die Lichtsituation, danach auf eine infrage kommende Person. Viele Jahre Erfahrung haben mich gelehrt, wie ich eine Kontaktaufnahme erreiche, ohne die Person zu erschrecken oder zu vergraulen. Unabdingbar für mich ist eine angenehme ungezwungene Atmophäre, die nicht zu einer Ablehnung des Fotos oder erstarrten Pose führt.

Eine freundliche Gestik und ruhig gesprochene Worte, sprachlich bedingt, oft auch unverstanden, helfen die oft anfängliche Scheu zu nehmen. Es ist nicht immer einfach die lockere Pose zu halten, da ich oft nicht mit Autofokus fokussiere, sondern mit der Einstellupe, um sicherzustellen, dass die Augen extrem scharf abgebildet werden.

Den bei diesem Foto abgeschnittenen Kopf und die nur teilweise dargestellte Hand habe ich toleriert, um den Kopf in einer bildbestimmenden Größe zu halten. Auf die Lichtpunkte oben rechts hätte ich gerne verzichtet, wollte sie aber auch nicht mittels Photoshop übertünchen.

M.E. wichtige Bildelemente sind der Bambusstamm und der Schal in satten Rottönen, die mir bezüglich Rahmung des Kopfes und Quantitäts-Kontrast sehr willkommen waren.

Als Fotografin habe ich den in den Medien vorherrschenden Jugend- und Schönheitswahn noch nie verstanden. Es ist für mich persönlich motivisch interessanter, Gesichter abzubilden, in denen das Leben der jeweiligen Person buchstäblich geschrieben steht. Nicht, dass Schönheit und Perfektion nicht fotografierenswert wären – sie sind eben nicht meins. Weiterlesen

Saxophonspieler im Gegenlicht:
Das einsame Konzert

Ein schönes Stimmungsbild musikalischer Versunkenkeit, darüber hinaus finden noch einige Aspekte der Kontrast- und Hintergrundbehandlung Erwähnung.

Ausgangsbild

Unser Leser Ueli Bühler aus Rubigen bei Bern hat uns das obige Bild unter dem Titel „einsamer Saxophonspieler” in der Kategorie ‚Schnappschuss‘ zur Besprechung eingereicht.

Der tollen Akkustik wegen übt der Saxophonspieler einsam im Tunnel unter der Autobahn mit Bach und Fussgängersteg. Auf meinem täglichen Spaziergang hörte ich sein Spiel schon Minuten zuvor. Aber erst als ich auf meinem Weg in den Tunnel einbog, gewahrte ich die Quelle der Musik. Ich schoss schnell ein paar Bilder und genoss anschliessend ein paar Minuten sein Spiel. Nachbearbeitung mit Tiefen/Lichter, Dfine2 und Silver Efex. Schwierig war der starke Kontrast des sehr dunklen Tunnel mit dem sonnenbeschienenen Hintergrund. Mich stört der fast ausgebrannte, unruhige Hintergrund, der wohl mit einigem Aufwand noch korrigiert werden könnte.

Zur Aufnahme wurde eine Nikon D300S mit Zoomobjektiv 70.0-300.0 mm f/4.5-5.6 (Sigma, Tamron?) verwendet. Die Brennweite betrug 280,0 mm (entsprechend 420,0 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.5), die Belichtungsdaten waren 1/1250 Sekunde bei Blende f/5,6 und ISO 800 .

***

Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente. Weiterlesen

Gefühlvolles Frauenporträt:
Raum zum Atmen lassen

Der vom Fotografen gewählte Ausschnitt bestimmt die Bildaussage maßgeblich mit. Manchmal ist es vorteilhaft, ein Foto weiter zu beschneiden. Manchmal hätte die Aufnahme so bleiben sollen. Das ist hier der Fall.

muttershand-3

Unsere Leserin Ileana Gega hat uns ein Porträt ihrer Mutter eingereicht. Sie schreibt,

„Habe das Bild von meiner Mutter einen Monat nach dem Tode von meinem Vater gemacht.“

Zu sehen ist das Gesicht einer Frau mit müden, traurigen Augen. Das Leben hat seine Spuren auf ihrem Gesicht hinterlassen, wie auch auf der Hand, auf die sie ihren Kopf gestützt hat. Gehalten ist das ganze in dunklem Sepia, was das Melancholische der Aufnahme noch unterstreicht. Eingefaßt wurde das Bild nachträglich noch mit einem schwarzen Rahmen.

Zunächst einmal zu dem, was mir an Deiner Aufnahme gefällt: ich habe eine Schwäche für Schwarzweißbilder, und zwar genau aus dem Grund, der hier auch deutlich wird – man konzentriert sich eher auf die kleinen Details, wie die Falten in ihrem Gesicht, oder ihre Hände und Fingernägel, die ganz klar die einer hart arbeitenden Frau sind. Die Sepiaumwandlung finde ich in dieser Hinsicht auch gelungen, sie paßt zu Deinem Modell und dem allgemeinen Charakter des Fotos. Auch wenn ich nicht wüßte, daß sie gerade jemanden verloren hat, der ihr sehr nahe stand, wäre es in ihrem Gesicht zu lesen.

EXIF-Daten konnte ich nicht einlesen, aber ich nehme einmal an, daß Du das Foto stark beschnitten hast, und diese Feststellung führt mich auch zu meinem Hauptkritikpunkt. Du hast durch den ohnehin schon sehr eng gewählten Bildausschnitt bereits kaum Raum zum Atmen gelassen, visuell gesehen, und dann hast Du es noch zusätzlich beschnitten, wohl, damit man als Betrachter gezwungen ist, sich noch mehr auf das Gesicht und die Hand zu konzentrieren.

Letztere dominiert die Aufnahme so sehr, daß es den Betrachter überwältigt. Sie nimmt mehr als die Hälfte der Komposition ein, und man fragt sich unwillkürlich, ob es die Hand war, der Dein Fokus galt, oder das Gesicht Deiner Mutter. Für ein gutes Porträt muß die Person nicht immer in die Kamera schauen, aber wenn sie es wie hier tut, schaut man unwillkürlich eben in ihre Augen – und dann ist da diese Hand.

Man kann natürlich argumentieren, daß dieses Hin und Her zwischen Augen und Hand ja visuelle Spannung aufbaut, das Foto interessanter macht. Dagegen spricht für mich das Statische der Pose; es ist meines Erachtens schlicht nicht optimal komponiert.

Wenn der Hand Dein Hauptaugenmerk galt (die Datei hast Du „mother’s hand“ genannt), hätte sie noch mehr in den Vordergrund gestellt werden müssen, etwa, indem Du mit geringerer Schärfentiefe arbeitest und das Gesicht dadurch verschwimmen läßt. Soll das Gesicht der Fokalpunkt sein (Überschrift des Bildes war ursprünglich „Mother“), muß der Ausschnitt anders gewählt werden.

Die Sache mit dem sehr engen Bildausschnitt muß Dir auch irgendwo aufgefallen sein, denn Du hast nachträglich noch diesen dicken, schwarzen Rahmen um das Foto gelegt. Oder vielleicht hat er Dir auch einfach nur gefallen. Im Sinne voller Offenheit, ich bin kein Freund digitaler Rahmen wie dieser. Sie tragen meines Erachtens zum Foto nichts bei, sind bestenfalls Spielerei, und in diesem Fall lenkt es nicht davon ab, daß das Bild keinen Raum zum Atmen hat und die Hand visuell das Gesicht überwältigt.

Mich würde interessieren, wie die Aufnahme ursprünglich aussah, und ob es noch andere Einstellungen gibt, die vielleicht vorher oder nachher gemacht wurden. Deine Mutter hat ein ausdrucksstarkes Gesicht, und sehr interessante Hände, aber hier gewinnt weder das eine, noch das andere.

Interview mit Fotograf Martin Gommel:
„Fotografie ist immer politisch.“

Nachdem er 2006 das Fotografie-Blog „Kwerfeldein“ gegründet hat, beschäftigt sich Martin Gommel seit 2014 intensiv mit den Menschen, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Seine Porträts und die sie begleitenden Lebensgeschichten und Leidenswege haben Autorin Sofie Dittmann bewegt, und er hat sich dankenswerterweise die Zeit genommen, ihr ein paar Fragen zu seinem Schaffen zu beantworten.

Martin Gommel

Martin Gommel

Wie lange fotografierst Du schon? Was hat Dich ursprünglich zur Fotografie gebracht?

Ich fotografiere seit 2005. Zur Fotografie „gebracht“ hat mich meine damalige Freundin, jetzige Ehefrau, die mich mit der Digitalkamera ihrer Eltern fotografieren liess. Die Möglichkeiten der digitalen Aufnahmetechniken begeisterten mich sofort. Bis heute ist es für mich etwas Magisches, dass ich einen Moment der Zeit mit der Kamera festhalten kann. Weiterlesen

Leserfoto – Porträt einer Tänzerin:
Der richtige Augenblick

Die Interpretation eines Fotos liegt bei jedem einzelnen Betrachter.

(c) Bernd Plumhof

Aufgenommen beim Monastir-Festival in Tunesien. Das Mädchen gehört einer russischen Tanzgruppe an. Die Veranstaltung fand unter freiem Himmel um Mitternacht in einer Burganlage statt. Die Beleuchtung kam von den Scheinwerfern. Interessant erscheint mir das Bild da es nicht, wie sonst üblich, auf Gesicht und Augen fixiert ist, sondern Hals und Haare im Blickpunkt stehen. Eine Umwandlung in Schwarz-Weiß erscheint mir durch den stärkeren Kontrast eindrucksvoller. Das Original habe ich rechts und links leicht beschnitten.
Nikon D700 mit Nikkor 70-300 4,5-5,6. Brennweite KB 270 mm; 1/60 s; f 5,6, ISO 3200.

Es kommt auch bei mir öfter vor, daß ich ein bestimmtes Thema fotografisch umsetze, und dann im Nachhinein in der einen oder anderen Aufnahme etwas entdecke, das ich bei ihrer Entstehung nicht gesehen habe, nun aber davon fasziniert bin. Das kann im besten Fall der Ausgangspunkt zu einem neuen Projekt sein, im schlechtesten ärgere ich mich, vor Ort nicht weiter darauf eingegangen zu sein. Weiterlesen