Lowepro Slingshot-Rücksäcke: Der Schleuderschuss für Reporter

Die Slingshot-Taschen von Lowepro setzen Masstäbe in der Klasse der kleinen Reporter-Kamerabags. Die Ein-Riemen-Tasche lässt sich leicht vom Rücken nach vorn auf den Bauch schwingen und gewährt blitzschnellen Zugriff auf die Kamera.

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Es gibt Schultertaschen, Rollkoffer und Rücksäcke: Fotografen nutzen die Transportmöglichkeiten für ihr Werkzeug je nach Aufgabe und Ausrüstung, aber auch nach persönlichen Vorlieben. Ich mag beispielsweise keine Schultertaschen. Sie sind zwar angenehm zu durchsuchen, aber ganz einfach sehr unbequem oder sogar rückenschädigend zu tragen. Rücksäcke hingegen können stundenlang geschleppt werden, senken aber die Frequenz der Fotostopps deutlich – wer mag sich denn die ganze Zeit aus- und wieder einfädeln?

Den Kompromiss bringt der kalifornische Hersteller „lowepro“ mit der Slingshot-Serie. Dabei handelt es sich um eine Tasche mit nur einem diagonalen Tragriemen, ähnlich den in den neunzïger Jahren verbreiteten „City-Bags“. Zum „Schleuderschuss“ gelangt man mit einer schnellen Schulterbewegung, welche die Tasche vor den Bauch schwingt – wo die Kamera dank der seitlichen Taschenöffnung schnell entnommen ist.

Nicht selten klingen solche Ideen zu gut, um in der harten Alltagswelt zu bestehen – aber das Slingshot-Prinzip funktioniert hervorragend. Zumindest in der Anwendungsart, für die es entwickelt wurde: Als Schnellschuss-Halfter für Fotoreporter ohne Zeit und Musse für Ausrüstungsaufbau.

Die lowepro-Slingshot-Taschen liegen gut am Rücken und lassen sich alle unabhängig von ihrer Grösse (drei Modelle sind verfügbar) leicht um den Träger als Hochachse nach vorne schwingen. Damit liegt die Slingshot seitwärts am Bauch des Trägers; die Reissverschluss-Lasche kann jetzt auf der Taschenbreitseite geöffnet und die Kamera nach oben herausgehoben werden. Damit nicht aus Versehen die ganze Abdeckung des Hauptfachs der Tasche geöffnet wird, lassen sich die beiden Reissverschlüsse mit kurzen, über der Taschenkante verschliessbaren Riemen absichern. Nach wenig Übung erweist sich der Vorgang – nach vorne schwingen, Reissverschluss öffnen, Kamera schussbereit herausheben – als effizient und jedenfalls schneller und bequemer als das Gefummel an einer Schultertasche oder gar einem Rucksack.

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Die Nikon in der grossen lowepro Slingshot 300 AW (Affiliate-Link): Ausreichend Platz, aber wieder ein Rucksack am Rücken.

Als grösstes Problem entpuppt sich schnell die gar nicht mal so griffige Rückseite der schweren Nikon, die keinerlei Halt bietet, zugleich aber so passgenau in den Trennpolstern der Slingshot-Tasche liegt, dass iman seine Finger irgendwo links oder rechts daneben tiefer in die Tasche vergraben muss. Eine Alternative besteht darin, den Kamera-Tagriemen links neben das Gehäuse in die Tasche zu legen statt ihn, wie ich das zu tun pflege, als zusätzlichen Stossdämpfer ums Objektiv herumzuwickeln. Dann liesse sich sich das Gerät am Gurt aus der Tasche heben. Das sind allerdings Details, die zwei Dinge beweisen: Die Kamera liegt gut in der Tasche, und das Slingshot-Prinzip funktioniert.

Ich habe mir zuerst die grösste der in drei Grössen verfügbaren Taschen mit der Bezeichnung Slingshot 300 AW angeschafft, weil zumindest gemäss den Grössenangaben auf der Webseite des Herstellers nur darin die wichtigsten Dinge meiner Ausrüstung von der D200 mit Batteriegriff und Objektiv, 80-400 Tele, 10-20mm Weitwinkel und Blitz Platz finden. Das „AW“ steht übrigens laut Sylvia Junge, Produktmanagerin für lowepro Deutschland, für „All Weather“ und bezieht sich auf die eingebaute Regenhülle iin einem klettverschlossenen Schlitz auf der Bodenseite der Slingshots. Sie lässt sich sehr leicht hervorziehen passgenau über die nicht am Rücken anliegenden Teile der Tasche ziehen, wobei der Trage- und der Stabilisationsgurt durch spezielle Schlaufen gezogen werden können.

Klein, mittel, zu gross

Ich stellte schnell fest, dass die lowepro 300er Slingshot (Affiliate-Link) tatsächlich Platz für eine SLR mit Batteriegriff, klobiges Tele und Zusatzmaterial bietet – aber sie ist selber auch fast schon mehr ein Rucksack als eine Schwing-Tasche: Die beiden gepolsterten Laschen am Bauchriemen sitzen schon fast wie eigenständige Stabilisatoren auf den Nieren und machen das „Nach vorne Schwingen“ der Tasche zu deutlich mehr als einer Schulterbewegung.

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Als ich dann auch noch feststellte, dass die lowepro Slingshot 300 AW trotz ihrer verhältnismässig schlanken Aussenmasse bereits nicht mehr in den Seitenkoffer meines Motorrads passt, habe ich sie gegen die kleinere Slingshot 200 AW umgetauscht, die laut Prospekt Platz bieten soll für eine SLR mit Batteriegriff und aufgebautem Objektiv sowie zwei bis drei weiteren Objektiven oder Blitzgerät.

In meiner Konfiguration sind es drei Objektive (eins davon montiert) und das Blitzgerät, wobei das Nikkor 80-400mm ein ziemlicher Platzfresser ist, der die kleine Tasche auch gewichtmässig ziemlich stark belastet. Trotzdem habe ich jetzt eine kleine tasche für den schnellen Ausflug, in der notfalls fast alles Platz findet, was ich sonst im grossen, gepolsterten Rücksack herumschleppe. Keinen Platz finden lediglich der Faltreflektor und ein Stativ – ein Monopod könnte zur Not an den Schlaufen am Taschenrücken oder an der nach dem Vorwärtsschwung unten liegenden Seite angebracht werden.

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Etwas gedrängtere Verhältnisse in der Slingshot 200 AW – aber es past alles rein: Nikon 18-200mm an der D200, das Sigma 10-20mm links, darunter der SB600 Blitz und rechts das grosse Nikkor 80-400mm.

Im Gegensatz zur Slingshot AW 300 weisen die beiden kleineren Modelle keinen klassischen Bauchgurt, sondern einen diagonalen Riemen zur Stabilisierung auf, der den Hauptgurt „unter Last“ auf der Brust des Trägers an Ort und Stelle hält. Ein Sprint mit vollbeladener Tasche ist dennoch nicht ratsam – die Slingshot tut dann nämlich ihrem Namen ungewollt alle Ehre.

Das mit Wandpolsterungen einigermassen stossichere und als rechteckige Box stabilisierte Hauptabteil lässt sich mit den Trennteilen an Klettverschlüssen beinahe beliebig neu aufteilen, wobei die Vorgabe der auf den seitlichen Objektivabteilen aufliegenden Kamera sinnvollerweise bestehen bleibt. Auf der Innenseite der Abdeckung findet sich eine kleines Seitenfach für Speicherkarten und dergleichen, auf der Unterseite ein Netz mit einem nichtfasernden eingenähten Putztuch für das Glas. Zumindest mit der eigentlich für die Taschenversion etwas zu gross geratenen Nikon mit dem Batteriegriff sind diese beiden Fächer kaum nutzbar.

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Dagegen lassen sich im aufnähten Aussenfach auf dem Taschenrücken ebenfalls allerlei Kleinteile wie Speicher, Filter und dergleichen unterbringen. Oben auf der „Box“ sitzt zudem ein kleiner „Dom“ von einem Zusatzfach, in das auch ein Picknick oder zur Not ein eng gerollter Pullover passt. Darin findet sich ein weiteres Netzfach für Kleinteile.

Nach einigen Wochen im Stadtgebrauch und auf einer Wanderung und mehreren Spaziergängen möchte ich die Slingshot nicht mehr missen: Sie ist nicht nur bequem und effizient für „Fotowalks“, sondern bietet grade dann, wenn man nicht alle Fächer mit Objektiven und dergleichen belegt, noch genug Stauraum für allerlei.

Die Verarbeitung entspricht der Garantieleistung des Herstellers: Ausser auf Verschleissteile wie Plastik- und Reissverschlüsse gewährt lowepro eine lebenslangen Ersatz im Schadenfall.

Eine für fast alles

Mein Fazit: Dieses System verleiht einem Fotografen neuen Schwung – ganz einfach deshalb, weil die Kamera so schnell zur Hand ist, dass man sie auch unterwegs viel öfter zückt und einen Hüftschuss wagt. Man könnte argumentieren, dass das gar nicht wünschenswert und nur ein gut geplantes Bild ein gutes Bild ist – aber mir sind dank dem schnellen Zugriff schon ein paar Fotos gelungen, auf die ich, hätte ich den schweren Rucksack getragen, ganz einfach verzichtet hätte. Dass ich mit der Slingshot trotz kleiner Abmessungen immer alles dabeihabe, ist einfach ein gutes Gefühl – und es ersetzt eine Kompaktkamera als Begleiter auf kleinen Spaziergängen. Auf Wanderungen und sogar als Handgepäck im Flugzeug hat sich das System ebenfalls bewährt. Nur abfahrende Züge versuch ich nicht mehr zu erreichen, wenn ich die Slingshot auf dem Buckel habe.

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All das gibts – im Herkunftsland USA – zu einem erstaunlich moderaten Preis: ich habe für die mittelgrosse Slingshot AW 200 90 Dollar plus 10% Salestax bezahlt. Die grössere lowepro Slingshot AW 300 (Affiliate-Link) kostet in den USA rund 130$, und die kleinste AW 100 ist für rund 70$ zu haben. Update vom September 2009: inzwischen gibts die Lowepro Slignshots auch in Europa zu vernünftigen Preisen um die 60 bis 75 Euro.

Aber wie so oft werden die Europäer für ein identisches Produkt ganz anders geschröpft: Der Listenpreis für die Slingshots beträgt in Deutschland knappe 120 Euro für die mittelgrosse und 150 Euro für die 300er – bei einem Kurs von 1,5 Dollar pro Euro ergibt sich daraus – Mehrwertsteuer inklusive – jeweils fast das Doppelte dessen, was die Amerikaner berappen müssen. Die Schweizer bezahlen gar 195 Franken für die mittelgrosse und 245 Franken für die 300er Slingshot – jedenfalls gemäss Richtpreis.

Da lohnt sich ein Blick über den Teich und eine Kontrolle der Versandpreise der diversen Anbieter, welche die Taschen auf Ebay etc. weit unter dem amerikanischen Richtpreis verkaufen.

Aber auch in Deutschen Landen findet sich die Tasche schnell mal zum Strassenpreis 50% unter Listenpreis.

lowepro Produktseite

lowepro Slingshot AW 200 (Affiliate-Link)
lowepro Slingshot AW 300 (Affiliate-Link)

6 Kommentare
  1. Avatar
    Peter Sennhauser sagte:

    Leider nein, Notebooks passen nicht rein – und zwar auch nicht in das (meiner Meinung nach zu gross geratene) Modell 300.
    Aber wie gesagt: Die Slingshots sind für den Alltagsgebrauch auf dem Spaziergang, dem Motorrad, dem Fahrrad.

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  2. Avatar
    Thomas Rathay sagte:

    Ich arbeite auch seit ca. 1 1/2 Jahren mit der 200AW und hatte ein Mal Materialverschleiss.Bekam dann problemlos eine Neue, da lebenslange Garantie drauf ist.
    Ist ein Klasseteil, gerade beim Radeln, Wandern und Motorradfahren.

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