Wenn Kamerahersteller Autos bauen würden…

Was löst beim Käufer eines technischen Gerätes Freunde oder Ärger aus? Die technischen Daten? Das Aussehen? Nein, es ist die Bedienbarkeit. Gerade bei schnell, spontan und manuell bedienten Geräten wie Kameras macht die „Haptik“, das Bediengefühl aus, ob ein Gerät nach dem Kauf geliebt oder gehasst wird.

Was tun Sie, wenn Sie in ein Auto steigen, das Sie noch nie zuvor gefahren haben? Vermutlich den Schlüssel rechts von dem großen Rad vor Ihnen in ein dafür geeignet erscheinendes Schloss einstecken, das ganz linke Fußpedal mit dem linken Fuß durchdrücken, das rechts davon mit dem rechten Fuß etwas drücken, Schlüssel umdrehen, bis der Motor anspringt, Gang einlegen, das mittlere Pedal loslassen, das ganz rechte Pedal leicht drücken und das ganz linke langsam loslassen. Dann am großem Rad vor Ihnen drehen, um die Richtung zu bestimmen und dabei gleichzeitig mit steigender Geschwindigkeit die Gänge wechseln, in den Rückspiegel schauen, den Blinker betätigen etc.

Korrekterweise wäre vor dem Losfahren auch noch Rückspiegel einstellen und Sitz einstellen dazugekommen – und bei letzterem kommt der Autofahrer meistens schon ins Zögern: wie zum Kuckuck geht das denn bloß bei diesem Modell?

Ähnliches könnte passieren, wenn er das Licht einschalten will. Doch der Zündschlüssel ist eigentlich immer rechts vom Lenkrad, und nur wenige Autos wie der „Trabbi“ haben noch zusätzliche Bedienelemente wie den Benzinhahn, um sich vor Diebstahl durch nichtsahnende „Wessis“ zu schützen, die auch einmal ein so schönes Auto besitzen wollen. Auf keinen Fall wäre aber plötzlich bei einem Auto die Bremse rechts oder das Gas links – die Folgen wären lebensgefährlich.

Infolgedessen kann jeder eigentlich auch mit einem unbekannten Auto losfahren, auch wenn es vielleicht etwas ruckelt. Die ersten Komplikationen treten allerdings auf, wenn ein normalerweise Schaltgetriebe fahrender Autofahrer in einem Wagen mit Automatik sitzt, aus Gewohnheit zum Schalthebel greift und im selben Moment reflexartig die Kopplung durchtreten will – das endet garantiert mit der Nase an der Frontscheibe.

Über die Jahre hat sich die Automobilindustrie deswegen extrem konservativ verhalten – Joysticks statt Lenkräder begeistern nicht einmal Geeks und lassen das letzte bisschen Vertrauen zur Maschine schwinden. Die PKW-Hersteller trauen sich daher nicht einmal, das heutige manuelle Schaltgetriebe gegen andere, technisch längst vorhandene Lösungen auszutauschen, die nicht die Nachteile der heutigen Automatikgetriebe haben und nur beispielsweise in Traktoren verbaut werden.

Der Kamera-Standard entstand erst in den siebziger Jahren

Kameras hat dagegen lange Zeit jeder Hersteller so gebaut, wie es ihm gerade gepasst hat und wie es technisch notwendig war. Erst mit der in den 70ern entstandenen Bauart der Spiegelreflexkamera bildeten sich gewisse Standards bei allen Herstellern heraus.

Andere Dinge waren aus technischen Gründen seit der ersten Leica-Kleinbildkamera immer gleich geblieben – wie das Gehäuse auf beiden Seiten des Objektivs für den aufzurollenden und abzurollenden Film. Der Fotograf gewöhnte sich daran, die Kamera hieran mit beiden Händen zu halten und dann mit den rechten Zeigefinger irgendwie den normalerweise in Reichweite befindlichen Auslöser zu drücken, auch wenn der bei der einen Kamera auf der Oberseite und bei der anderen auf der Frontseite angebracht war. Kameras für Linkshänder wurden übrigens nie gebaut – vermutlich ist es auch mit der „falschen Hand“ kein Problem, eine Kamera vernünftig zu bedienen.

Als mit den Digitalkameras kein Film mehr im Gehäuse untergebracht werden musste, verschwand der linke Wulst sehr schnell von den Kameragehäusen. Der rechte blieb, da er sich als praktisch erwiesen hatte, um die Kamera sicher zu halten und den Akku darin unterzubringen. Niemand störte dies ernsthaft, niemand kam auf die Idee, dass sich nun um keine richtige Kamera mehr handeln würde, weil etwas fehlte.

Anders war es dagegen bei den eher wie Handys oder Gameboys aussehenden Casio-Knipsen der Anfangszeit: Diese hatten sich von einer normalen Kamera in der Bedienung und im Aussehen so weit entfernt, dass sie nur bei bislang fotografisch unbelecken Käufern gut ankamen, zumal auch technische Daten wie Auslöseverzögerung zu wünschen übrig ließen.

Meine ersten digitalen Fotografieerfahrungen – abgesehen von der Verwendung einer Videokamera als Standbildkamera, die dank großem 3CCD-Chip sehr lichtempfindlich war, aber gerade einmal 640 x 480 Pixel bieten konnte – startete ich deshalb mit einer der ersten Kameras, die wieder wie eine solche aussah. Ein Modell von Olympus. „Endlich eine vernünftige Digitalkamera von einem erfahrenen Kamerahersteller, der sich mit sowas auskennt“, dachte ich mir.

Welch ein Irrtum!

Das Gerät sah nämlich zwar aus wie eine Kamera, war aber ganz offensichtlich von jemand konstruiert worden, der vom Fotografieren wenig Ahnung hatte. Das größte Manko: der Ein-/Ausschalter war als Druckknopf ausgebildet und genau da platziert, wo bei einer Kamera üblicherweise der Auslöser ist. Dieser war dagegen unauffällig einige Zentimeter weiter montiert. Warum vier von fünf Aufnahmeversuchen mit dieser Kamera fehlschlugen und stattdessen mit einer ausgeschalteten Kamera endeten, muss ich wohl nicht erklären.

Dass die Kamera noch einige andere ergonomische und technische Mängel hatte – beispielsweise wurden die Bilder extrem langsam über eine serielle Schnittstelle übertragen, weshalb hierfür die Benutzung eines Netzteils Vorschrift war, welches aber nur als Sonderzubehör verfügbar war – kam dazu: diese Kamera wanderte sehr schnell wieder zurück in den Redaktionsschrank, keiner wollte mit ihr arbeiten, ich auch nicht.

Heute ist Olympus dieser Vorfall ziemlich peinlich, und man versichert, derjenige, der damals diese originelle Idee mit dem Einschalter gehabt habe, sei gefeuert und vorher noch geteert und gefedert worden. Doch im Kleinen finden sich solche Unstimmigkeiten auch heute noch an manchen Kameras wieder. Sie führen dazu, dass Fotografen manche Marken einfach innerlich ablehnen, weil ihnen die Bedienung haptisch unangenehm ist.

Manchmal kann dies ein Umstellungsproblem von einer anderen Kamera sein – beispielsweise, wenn man bei dieser zum Einschalten ein Rad drehen musste und dann beim neuen Modell auf diese Art ständig irrtümlich die Betriebsart verstellt, weil hier zum Einschalten zwar auch gedreht werden muss, der Knopf dazu aber nicht mehr mit dem großen Drehrad identisch ist.

Manchmal hat aber auch einfach jemand nicht nachgedacht, wie bei den kastrierten Live-Views der Olympus E-410 und E-510, der sich aber ebenso schon bei der weit teureren Panasonic Lumix DMC L1 fand, bei denen der Autofokus erst beim Auslösen stattfindet. Diese Geräte bescheren uns bei Nutzen des Live-View allesamt einerseits ein ständig unscharfes Live-Monitorbild und andererseits geht ausgerechnet in dem Moment, wo man auslösen und sein Bild machen will, eine längere Spiegel-Klapperorgie los, bei deren Ende das Motiv oft schon die Flucht ergriffen oder der Fotograf die Kamera bereits wieder abgesetzt hat, weil ihm nicht klar war, dass diese immer noch beim Vorspiel war.

Hier erwartet man nun einmal, in dem Moment, wo man den Auslöser drückt, möglichst schnell zu einem Foto zu kommen, ohne langwierige Autofokus-oder sonstige Einstellungen. Eine Kamera, die in diesem Fall allerdings kurzerhand ohne Autofokus auslöst und unscharfe Bilder produziert, wie die Minolta Dimage 7Hi , ist auch nicht die Lösung.

Gute Bilder macht nicht die Kamera, sondern der Fotograf. Die Kamera muss nur technisch soweit den heute üblichen Standards entsprechen, dass sie nicht übermäßig große Bildfehler einbringt. Eine Kamera, deren Bedienung jedoch so eigenwillig ist, dass sie den Fotografen irritiert und dadurch zu Ergebnissen führt, die dieser nicht beabsichtigt hat, verärgert jedoch.

Das heißt nicht, dass man nun sklavisch alles so machen muss, wie es immer schon war, und deswegen einen Spiegelreflexsucher in Prismenbauweise einbauen muss, nur weil der Käufer sonst seinen „Buckel“ vermisst, wenn andere Optionen wirklich bessere Ergebnisse bringen. Es ist jedoch klar, dass die Kamerahersteller neue Modelle erst einmal von erfahrenen und auch weniger erfahrenen Fotografen vortesten lassen sollten, um zu sehen, wie diese mit dem Gerät klarkommen. Ebenso sollte ein Fotograf eine neue Kamera vor dem Kauf erst einmal in einem Fachgeschäft ausprobieren, um festzustellen, ob diese ihm liegt – das kann ihm kein Testbericht verraten.

So manche später unerklärliche, emotionale Ablehnung eines Geräts, das doch eigentlich gute Bilder macht und vom Preis-Leistungs-Verhältnis gute Daten bietet, ließe sich so vermeiden.

1 Antwort
  1. Hannes sagte:

    Naja, ich habe neulich ein Renault Megane fahren müssen. Der hatte keinen Schlüssel, kein Zündschloß, nix! Von wegen einfach losfahren. Start drücken ging auch nicht. Mußte im Handbuch nachschauen: Keyless Entry am Leib tragen, die Kupplung ODER Bremse treten und dann den Startknopf drücken!
    Aja….

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