Mondfotografie II/II: …und kehrt von da zurück

Den Mond zu fotografieren (morgen ist Vollmond), ist keine grosse Kunst. Aber reine Mond-Bilder sind langweilig. Es sei denn, man arrangiert den Trabanten mit einem anderen Motiv. Das wiederum macht die Sache kompliziert.

Mond Fotografie
Zufallstreffer: Mond-Fotografie in Downtown San Francisco. August 2007 (© PS)

«Mein Fräulein! Sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.“

Heinrich Heine hatte Recht: Die Sonne ist unspektakulär zuverlässig. Sie erscheint jeden Tag „voll“ und fast zur gleichen Zeit am fast gleichen Ort wie am Vortag. Der Mond hingegen ist ein unpünktlicher, torkelnder Geselle. Und das erschwert dem Fotografen die Arbeit.

Die besteht nicht so sehr in den technischen Einstellungen. Wir haben im ersten Posting zur Mond-Fotografie behauptet, eine lange Brennweite, manuelle Einstellmöglichkeiten der Kamera und die sonnig f/16-Regel reichten für gute Mondaufnahmen. Das stimmt grösstenteils. Falsch ist allerdings die Behauptung, dass die Belichtung auf den Mond von dessen Phase unabhängig erfolgen kann, weil er immer gleich hell ist (ein Halbmond steht im Seitenlicht), und die sonnig f/16-Regel ist schon laut Ansel Adams eher eine „Mond f/8 Regel“, denn seine Oberfläche ist von grauer Farbe. Aber mit wenig Experimentieren und etwas Korrektur oder Bracketing bin ich bisher mit den Werten gut gefahren.

Das bringt aber nicht viel, denn Fotos eines alleinstehenden Mondes oder gar Vollmondes am schwarzen Himmel wirken schal und zweidimensional – der Gute sieht nämlich immer genau gleich aus. Im Frontallicht der Sonne hat er noch nicht mal viel Textur zu bieten. Etwas besser sind Bilder aus einer anderen Phase, dann werfen die Krater Schatten – aber auch davon haben wir schon genug gesehen, und gegen die Nasa kommt kein Amateurfotograf an.

Das ändert sich allerdings durch die Komposition in Kombination mit einer Landschaft, einem Bauwerk oder anderer Szenerie radikal. Doch wer den Deckel von dieser Pandora-Büchse lüpft, stürzt sich in ein Abenteuer.

Vor genau einem Monat erging es mir jedenfalls so: Beim Joggen am Strand sah ich den Mond genau hinter dem markanten Sutro-TV-Turm in San Francisco aufgehen. Ich merkte mir die Position und nahm mir vor, am folgenden Tag zur gleichen Zeit für ein Shooting zurückzukehren.

Wer sich ein bisschen auskennt (oder weiter denkt als ich) kann sich vorstellen, was folgt.

Der Mond, lernte ich an diesem Abend (und schäme mich noch jetzt dafür), geht weder jeden Tag am fast gleichen Ort am Horizont noch zur gleichen Zeit auf. Und obwohl ich die Zeit des Mondaufgangs nachgeschlagen hatte, war ich dennoch zu spät – sie bezieht sich nämlich auf den theoretischen Horizont – Hügel und andere Hindernisse vor der Nase des Fotografen müssen zusätzlich einkalkuliert werden…

Das Resultat: Nicht nur stand ich zur falschen Zeit am falschen Ort – bis der Herr Mond endlich über den Anhöhen des Golden Gate Park erschien, war auch die Dämmerung vorbei.

Mond über San Francisco

Tut mir leid, ich habe (noch) nichts besseres. Andere wie Tom Field haben viele bessere Mondbilder, teilen sie mit uns und reichen uns – in seinem Fall sogar in einem handlichen Merkblatt zur Mondfotografie als PDF zum Ausdrucken! – das Wissen auch gleich weiter.

Nur, das meiste davon wusste ich schon.

  • Beispielsweise, dass sich der Mond zusammen mit einer Szenerie nur in der Dämmerung fotografieren lässt, weil die Kontrastunterschiede sonst die Dynamik der Kamera übersteigen;
  • dass der Mond bereits ab Belichtungszeiten unter einer Sekunde unscharf zu werden droht, weil er sich schnell übers Firmament bewegt;
  • dass das Zeitfenster für eine im voraus komponierte Aufnahme aufgrund dieser schnellen Bewegung und des flachen Aufnahmewinkels (Telefoto) sehr kurz ist
  • und dass man sich für eine effektvolle Tele-Aufnahme sehr weit vom „Vordergrund-Motiv“ entfernen muss, weil der Bildausschnitt einer 500mm-Aufnahme ungefähr der Fläche des Nagels des abgewinkelten Daumens bei ausgestrecktem Arm entspricht.

Das Wichtigste allerdings kenne ich auch nach diesen Tipps noch nicht: Die richtige Zeit und den richtigen Standort für die Aufnahme des gewünschten Motivs inklusive dahinter erscheinendem Mond.

Der einzige veränderbare Wert in dieser Formel ist das Motiv. Der Rest ist Astronomie und Geometrie. Ich sagte doch – die Büchse der Pandora! Vielleicht habe ich auch deshalb nirgends eine komplette, idiotensichere Anleitung zur Standortbestimmung gefunden. Für Astrofotografen sind derlei Grundlagen offenbar kein Thema, und für alle andern sind sies noch weniger…

Ich versuch deswegen hier eine Zusammenfassung meiner Recherche wiederzugeben. In drei Tagen werde ich wissen, ob sie akkurat war.

Erster Fixwert: Der „richtige“ Mondaufgang

Wir brauchen ein Datum für einen Mondaufgang in der Dämmerung. Das ist nicht weiter schwierig: Wir suchen nach einem Tag, an dem der Mond kurz nach Sonnenuntergang aufgeht. Das dürfte jeweils rund um den Vollmond herum geschehen – denn Sonne und Mond müssen sich, damit diese Bedingung erfüllt werden kann, ja gewissermassen „gegenüber“ stehen.

Auf diversen Websites zur Astronomie oder nautischer Navigation sind Berechnungsdienste für die exakten Zeiten des Sonnen- und des Mondaufgangs für jeden Ort auf der Erde zu finden.

Ich habe mich der Website des US Naval Observatory bedient, die zwar englisch, aber umfassend ist und für jeden Punkt der Erde alle benötigten Daten liefern kann.

Unter „Data Services“ im Menu links lassen sich die wichtigsten Berechnungen anstellen. Wer in der vordefinierten Liste der Standorte seine Stadt nicht findet (nur US-Städte), kann die zweite Eingabemaske benutzen und freie Koordinaten eingeben (was man bei vielen andern Webseiten ohnehin tun muss). Und wer die für seinen Aufenthaltsort nicht kennt, kann sie sich dank diesem Google-Maps-Mashup relativ leicht beschaffen: Reinzoomen, Ausschnitt verschieben und den Standort anklicken – Koordinaten werden in den Feldern Rechts ausgegeben und können ins Formular eingegeben werden.

Die Website des USNO spuckt die Tabellen für Sonnen- und Mond Auf- und Untergänge inklusive Dämmerungsdaten für jeden beliebigen Tag aus. Der Mond sollte zwischen Sonnenuntergang und Ende der Dämmerung aufgehen. In meinem aktuellen Fall in San Francisco ist dies am Freitag der Fall:

Friday
26 October 2007 Pacific Daylight Time

SUN
Begin civil twilight 7:02 a.m.
Sunrise 7:29 a.m.
Sun transit 12:54 p.m.
Sunset 6:18 p.m.
End civil twilight 6:45 p.m.

MOON
Moonrise 5:51 p.m. on preceding day
Moon transit 12:55 a.m.
Moonset 8:12 a.m.
Moonrise 6:28 p.m.
Moonset 9:32 a.m. on following day

Der Mond geht genau zehn Minuten nach Sonnenuntergang auf, die Dämmerung hält noch fünfzehn Minuten an. Das scheint eher knapp, zumal mein Horizont, wenn ich beispielsweise die Golden Gate Brücke als Vordergrund wähle, die Hügel von Oakland sein werden, die für eine „Verspätung“ des Mondes sorgen. Ich muss also damit rechnen, dass mir das gleiche passiert wie bei obigem Bild: Bis der Mond effektiv sichtbar wird, ist die Dämmerung bereits so weit fortgeschritten, dass der Kontrastumfang zu gross wird.

Also mache ich am Donnerstag einen Testlauf: Da geht der Mond allerdings eine halbe Stunde vor Sonneuntergang auf. Das heisst, dass er bis zur sonnenfreien Dämmerung bereits sehr hoch am Himmel stehen dürfte. Wie hoch und wo, lässt sich ebenfalls mit dem Webdienst des USNO als Tabelle für beliebige Zeitintervalle eruieren. Aber die Anwendung dieser Daten spare ich mir für nächsten Monat…

Zweiter Fixwert: Die Himmerlsrichtung des Mondaufgangs

Jetzt kennen wir den idealen Tag und die Zeit des Mondaufgangs. Was wir als nächstes brauchen, ist der Azimut des Mondes zum Zeitpunkt des Aufgangs. Das ist der Winkel in Grad, gemessen von Norden (manchmal auch von Süden), auf dem der Mond am Horizont auftauchen wird. Oder, einfacher gesagt, die genaue Himmelsrichtung, in die wir blicken müssen, um den Mond aufgehen zu sehen.

Die Tabelle „Altitude and Azimuth of Sun or Moon“ liefert diese Daten – plus, wie bereits erwähnt, die Höhe in Grad vom Horizont für die Zeit nach dem Aufgang. Eine Einfache Erklärung mit Schema findet sich auf der Webseite von Jürgen Giesen – leider in der Wissenschaftersprache Englisch.

Die Auflösung: Der Standort

Mit Hilfe der Geometrie und einer Landkarte lassen sich jetzt, sofern das Motiv feststeht, die möglichen Standorte für den Fotografen bestimmen. Auf einer Landkarte kann der Azimut des Mondaufgangs von der Senkrechten Nord-Südachse aus bestimmt werden; diese Gerade lässt sich parallel so verschieben, dass sie durch das Motiv hindurch verläuft – und die möglichen Standorte des Fotografen, an denen er zum Zeitpunkt des Mondaufgangs den Mond zusammen mit dem Motiv im Sucher haben kann, liegen allesamt links vom Motiv auf dieser Geraden.

Natürlich kann er zu nah am Motiv sein, es können Hindernisse den freien Blick verdecken – das sind die Dinge, die man wohl nicht nur auf der Karte, sondern einen Tag vor dem Fototermin in der realen Landschaft abklären sollte.

Dabei hilft ein Kompass mit Visier wahrscheinlich enorm (weil der Azimut auf geografisch Norden und nicht auf den magnetischen Norden gemessen wird, muss dabei allerdings je nach Standort eine Korrektur von mehreren Grad eingerechnet werden!), weshalb ich mir heute einen gekauft habe – damit lässt sich lange vor Aufgang des Mondes die richtige Stelle am Horizont anvisieren. Zu viel Zeit sollte man darauf aber nicht verwenden:

Tom Field etwa weist in seinen Tipps ausrücklich darauf hin, dass man einen Standort wählen sollte, an dem man sich problemlos nach links und rechts verschieben kann – denn die Bestimmung des Blickwinkels mit Karte und Kompass ist niemals so genau zu bewerkstelligen, dass keine Korrektur nötig sei, und das Zeitfenster für das wirklich ideal belichtete Foto – Field nennt dies die „fotografische Dämmerung“ – ist nur wenige Minuten lang. „Ich bin mehrfach buchstäblich zur neuen Position gerannt“, sagt Field. Seine Bilder zeigen, dass sich das lohnen kann.

…und die simple Variante für clevere Leute

Schliesslich gibt er auch noch einen simplen, aber naheliegenden Hinweis, wie man sich die nervenaufreibende Wartezeit vor dem Mondaufgang sparen kann, bevor man weiss, ob man am richtigen Ort steht: Indem man statt des Mondaufgangs den Monduntergang fotografiert. Dabei kann der Fotograf nämlich den Weg des Mondes am Himmel über Stunden verfolgen und sich per Augenmass und ständige Korrektur gemächlich auf den richtigen Moment vorbereiten.

Aber dazu muss man früh aufstehen, weshalb es für mich kaum zur Option wird.

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