Taryn Simon Die geheime Gesellschaft

Die amerikanische Fotografin Taryn Simon fasst jene Geschichten in Bilder, die wir nicht sehen möchten. Bis Januar zu sehen in Frankfurt.


Taryn Simon: Strahlender Endlager-Atommüll.

Wir haben bereits auf die Ausstellung hingewiesen, wollen Taryn Simon und ihren versteckten Geschichten aber noch ein weiteres Posting widmen: Sie fotografiert verstörende Szenen und unwirkliche Wahrheiten der westlichen Gesellschaft. Auf einer Fotografie eine kranke Frau, die in Wirklichkeit eine Schauspielerin ist – sie testet, ob Ärzte die richtigen Diagnosen stellen. Ein Mann hat grade im Rahmen eines Sterbehilfeprogramms ein tödliches Medikament bekommen – Simon portraitiert ihn.

Den „Amerikanischen Index des Verborgenen und Fremdartigen“ nennt die Künstlerin Simon ihre Werke, für die sie die entlegensten und ausgefallenste Orte ihres Landes bereist. Sie fotografiert in Forschungslabors und bei militanten politischen Gruppierungen. Für die Genehmigungen ihrer Fotos kämpft sie jahrelang, und selbst dann muss sie sich noch an die absurdesten Bedingungen halten. So fotografierte sie zum Beispiel die Atombrennstäbe in einem Lager für Atommüll.

„Als Fotografin war ich besessen von diesem einzigartigen blauen Licht, das durch radioaktive Strahlung entsteht, die den Zentimeter dicken Stahlmantel der Kapseln durchdringt“

Simons Fotos sind ästhetische Bilder, niemals geschmacklos oder enthüllend. Unheimlich und beängstigend werden ihre Fotografien erst, wenn die Fotografin die Geschichten dazu erzählt. Wie die eines vermeintlichen Gefangenenlagers, dessen Insassen ein Vermögen dafür bezahlen, schlecht behandelt zu werden.

„Für ein Wochenende leiden sie unter Schlafentzug. Dauernd heißt es: Aufstehen, niederknien! Sie bekommen nichts zu essen, kein Wasser. Für viele Leute ist das eine Art Fetisch. Aber es gibt auch andere: Die haben einen Freund oder Verwandten verloren, der in Kriegsgefangenschaft gestorben ist. Und jetzt wollen sie selber erleben, was er durchmachen musste.“

Ihre Motive wählt sie anhand ihrer eigenen Ängste und Unsicherheiten aus. So recherchiert sie monatelang nach unheimlichen Geschichten, deckt Skandale auf und bemüht sich zum Teil jahrelang darum, sie fotografieren zu dürfen.

„Ich will wissen, was mir Angst macht. Seit dem 11. September ist jede Art von Information sehr angstbestimmt. Bei allem, was man liest, hat man das Gefühl, dass es keine tatsächliche Wahrheit dahinter gibt, dass es nur um die Verbreitung von Angst geht. Ich will also ganz einfach hingehen und direkt persönlich erfahren, was passiert.“

Aber nicht nur die erschütternden und tragischen Geschichten dokumentiert Simons in ihren Bildern. Manchmal sind es auch nur Kuriositäten, die sie der Welt nicht vorenthalten kann. So entdeckte sie eine Blindenausgabe (!) des Playboy und kämpfte ewig darum, eben dieses Heft im Playboy-Hauptquartier ablichten zu dürfen.

Taryn Simons Fotografien tragen den Betrachter an die merkwürdigsten Orte und lassen Dinge ans Licht treten, die wahrscheinlich besser im Dunkeln geblieben wären. Die Fotografien enthüllen eine Ebene unserer Gesellschaft, von der wir sicher nicht gedacht hätten, dass sie überhaupt existiert.

Ihre Bilder sind noch bis zum 20. Januar 2008 im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt zu sehen.

Webseite: Taryn Simon

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  1. […] Grenzen enthält Werke von neun Fotografen, die wir teils schon vorgestellt haben. Die Amerikanerin Taryn Simon zum Beispiel mit ihren Bildern des Verborgenen und des Unbekannten, der Niederländer Jan Banning […]

  2. […] da ist der Liberalismus in der > > > > Defensive.” > > > > > > Man sollte erst einmal wissen, was Liberalismus eigentlich bedeutet. > > > Viele, die nun auf einmal den Liberalismus für sich […]

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