„Kontaktabzüge“: Nan Goldin und Nobuyoshi Araki

„Kontaktabzüge“ zeigt jeweils sonntagabends auf Arte TV eine halbe Stunde das Werk von einem oder zwei Fotografen. Abschließend kommen Nan Goldin und Nobuyoshi Araki zu Wort.

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Jimmy Paulette, the taboo. 1991 (Bild: Arte France / Nan Goldin)

„Kontaktabzüge“ – das waren im teuren Analogfotozeitalter unvergrößerte Probeabzüge, um vorab zu bestimmen, welche Bilder es wert waren, überhaupt vergrößert zu werden. Damit waren sie auch so etwas wie das persönliche Tagebuch der Fotografen.

Die 2002 entstandenene französische Dokumentationsreihe „Kontaktabzüge“ nimmt die Bilder und die Arbeitsweisen bekannter Fotografen der Gegenwart unter die Lupe – kommentiert von den Fotografen selbst. Heute zum Abschluss der Reihe: Die Amerikanerin Nan Goldin und der Japaner Nobuyoshi Araki.

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Aufnahme der Fotokünstlerin Nan Goldin (Bild: Arte France / Nan Goldin)

Seit Anfang der 70er Jahre fotografiert Nan Goldin ohne Grenzen und Tabus ihr Leben und ihre Abenteuer im wilden New Yorker Underground – Liebe, Lust, Sexualität und Tod sind ihre Themen, Drag Queens und Transvestiten sind unter anderem ihre Motive. Zuletzt geriet sie ins Gespräch, als eins ihrer Fotos, „Klara and Edda belly dancing“, heute im Besitz von Elton John, als kinderpornografisch diskutiert wurde – inzwischen hat ein Gericht dies verneint.

Ihre Kindheit verbrachte die Fotokünstlerin in Boston. Nach dem Selbstmord ihrer Schwester begann sie als 18-Jährige ihre Laufbahn mit einer Reportage über ihre Familie. 1986 veröffentlichte sie in New York den Fotoband „Die Ballade von der sexuellen Abhängigkeit„, eine Chronik, deren Protagonisten ihre Freunde und Verwandten waren.

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Aufnahme der Fotokünstlerin Nan Goldin (Bild: Arte France / Nan Goldin)

1992 wurde aus der seit 1982 zusammengetragenen Fotosammlung ein 45-minütiger Diavortrag, der sowohl die unumkehrbar verronnene Zeit als auch die harte Wirklichkeit vor Augen führt. Der Zuschauer wird mit der Verarbeitung persönlicher Schicksalsschläge und Schwierigkeiten konfrontiert.

Auf die Erfahrungen der Beat Generation und Andy Warhols „Factory“ zurückgreifend, beschreibt die Künstlerin den Zeitgeist einer amerikanischen Kultur, die sich zwar von ihren Tabus befreit hat, in der die Moral jedoch einen hohen Stellenwert hat.

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Fotografie von Nobuyoshi Araki (Bild: Arte France / Nobuyoshi Naraki)

Nobuyoshi Araki begreift die Kamera ähnlich wie Goldin als Mittel, um Tabus zu brechen. Er versteht die Kamera dabei als Verlängerung seines eigenen Körpers. Für ihn wird die Wahrheit in der Fotografie durch die Konfrontation des Betrachters mit den intimen Dingen des Lebens erkennbar – ein biografisches Tagebuch über Tokio, Frauen, Sex und Tod.

Während seines Fotografiestudiums begeisterte sich Nobuyoshi Araki für den Film und bewunderte Regisseure wie Dreyer, Bresson, Godard und Ozu. Sein fotografisches Debüt gab er mit einer Serie über Stadtkinder, die 1964 bei den Dreharbeiten zu seinem eigenen Film entstand.

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Fotografie von Nobuyoshi Araki (Bild: Arte France / Nobuyoshi Naraki)

1971 veröffentlichte er den Fotoroman „Sentimental Journey“ über seine Hochzeitsreise: Banale Szenen des Alltagslebens mit seiner Frau, einschließlich des Liebesaktes. Die Fotos aus seinem Privatleben, Aktfotos und Aufnahmen von Tokio, sind für Araki ein Akt des Widerstandes gegen eine von Werbebildern überflutete Welt. Mit seinen Fotos macht er sich über das etablierte System lustig und provoziert es.

Araki agiert ständig an der Grenze zwischen Realität und Fiktion, produziert eine Unmenge von Bildern, veröffentlicht etwa ein Dutzend Bildbände pro Jahr und organisiert parallel mehrere Ausstellungen und Veranstaltungen. Sein Beiname „Ararki“ (Araki + anarchy) steht eher für ein Medium als für einen Fotografen. Sein Arbeitsprinzip ist Wiedergabe und nicht Ausdruck. Das einzelne Foto erhebt nicht den Anspruch darauf, „gut“ oder „interessant“ zu sein. In Fotomontagen häuft und arrangiert er sie oft mit Techniken des Filmschnitts, um ein komplexes Bedeutungsgeflecht entstehen zu lassen.

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Fotografie von Nobuyoshi Araki (Bild: Arte France / Nobuyoshi Naraki)

„Kontaktabzüge“ ist eine Dokumentarfilmreihe, in der der Fotograf seine auf dem Vorlagentisch gefilmten Kontaktabzüge selbst kommentiert. Dabei entstehen interessante Porträts des jeweiligen beruflichen Werdegangs. „Kontaktabzüge“ interessiert sich für bedeutende lebende Klassiker der Fotografie. Dabei werden allerdings auch andere, nicht minder wichtige Strömungen berücksichtigt, die das Wiederaufleben der zeitgenössischen Fotografie in allen Facetten darstellen.

Kontaktabzüge: Nan Goldin/Nobuyoshi Araki, Dokumentation, Frankreich 2002, Regie: Jean-Pierre Krief, Synchronfassung, 28 min., Sendung auf Arte TV am Sonntag, den 11. November 2007 um 20.15 Uhr

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