RAW-Entwicklung: Die digitale Dunkelkammer

Was hat es eigentlich mit diesem RAW-Format auf sich? Es ist das Format der Profis, und Sie wollen natürlich ein Profi sein? Das wäre der falsche Grund, es zu nutzen. Doch erlaubt es einiges, das mit JPG-Bilddateien nicht machbar ist.

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Kahler Baum im Föhnsturm im Winter. Ohne Nachbearbeitung des RAW-Bilds kaum richtig zu belichten. (Bild: W.D.Roth)

Man kann damit „Verschlimmbesserungen“ der Kamera umgehen und das Originalbild des Kamerasensors nach eigenen Vorgaben neu bearbeiten. Oder verpfuschte Aufnahmen retten. Aber auch ganz normale Aufnahmen optimieren:

Das RAW-Format ist sozusagen das Negativ des Digitalfotografen. In der klassischen chemischen Fotografie gab es zumindest in den letzten Jahrzehnten für die Gelegenheitsfotografen die Möglichkeit, einen Film, wenn er belichtet war, zur Entwicklung abzugeben und gespannt abzuwarten, was denn wohl nach einer Woche in der Überraschungs-Labortüte für teuer abgezogene Bilder zu finden waren.

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Auch die gewöhnliche Bildbearbeitung kann viel bewirken: die Trübung und der Grünstich dieser aus einem Glasbodenboot geschossenen Aufnahme lassen so nicht den Eindruck aufleben, den der Fotograf selbst sah… (Bild: W.D.Roth)

Profis entwickelten ihre Filme dagegen selbst in einer Dunkelkammer und machten auch ihre Abzüge selber. Das war keinesfalls billiger, deutlich zeitaufwendiger und im Ergebnis nur dann besser, wenn man schon halbwegs Erfahrung gesammelt hatte.

Dann allerdings waren so einige Tricks möglich, von der gezielten Höherentwicklung des Films („Pushen“), um eigentlich unterbelichtete Aufnahmen sichtbar zu machen, bis zum sogenannten „Abwedeln“ des Bilds beim Erstellen des Abzugs, dem zeitweisen Abdecken von Teilen des Bilds, die damit schwächer belichtet wurden als andere. So ließen sich partiell zu hell geratene Teile einer Fotografie bei der Übertragung auf den Abzug korrigieren.

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…doch Trübung und Grünstich sind nach der (in diesem Fall rein automatisch, nicht manuell optimierten) Bildverbesserung mit Paint Shop Pro 8 wie weggeblasen, so als ob jemand mal eben frisches Wasser eingefüllt hätte. (Bild: W.D.Roth)

Derartiges kann man heute ganz ohne Chemie in der Bildbearbeitung machen, ob mit Photoshop oder preiswerteren und einfacher bedienbaren Konkurrenzprodukten: Bildbetrachtern mit Zusatzfunktionen wie ACDSee, oder Bildbearbeitungsprogrammen wie Paint Shop Pro, Photoimpact oder der einfacheren Version von Photoshop, Photoshop Elements. Damit können Bilder aufgehellt, nachgedunkelt, verzerrt und sogar verfälscht werden: viel einfacher als früher in der Dunkelkammer – und am besten, wenn die Aufnahme in RAW geschossen wurde.

RAWenthält mehr Information als JPG

Denn keine Bildbearbeitung der Welt kann einem Digitalfoto Informationen entlocken, die es nicht mehr enthält, weil die Aufnahme überbelichtet, unterbelichtet oder überschärft abgespeichert worden ist. Schließlich handelt es sich bei den üblicherweise von digitalen Kameras abgespeicherten JPEGs bereits um komplett fertige Bilder.


Der bereits vorgestellte mißlungene Schnappschuß zweier Kollegen im Gegenlicht (Bild: W.D.Roth)

Diese wurden von der Kamera – so wie früher im Labor – nach bestimmten Kriterien bearbeitet, um nicht zu sagen „entwickelt“: die Kamera enthält nämlich bereits eine komplette Bildbearbeitung, sozusagen eine digitale Dunkelkammer, die aufgrund eigener Berechnungen und der Einstellungen des Fotografen beispielsweise ein Foto etwas heller abspeichert, dabei von einer tageslichtähnlichen Beleuchtung ausgeht, das sRGB-Farbmodell benutzt und das Bild etwas nachschärft.

Pech, wenn es sich dabei um eine Aufnahme bei Kerzenschein handelte, bei der die Tageslichteinstellung zwar eine romantische Atmosphäre schafft, das Nachschärfen allerdings nur unnötig das Bildrauschen des Sensors verstärkt.


Der Schnappschuss in einer Bildbearbeitung (Paint Shop Pro 8) optimiert: Nun erkennt man immerhin ein bißchen was, die beiden Personen haben Gesichter erhalten, aber ein akzeptables Foto ist auch so nicht entstanden. (Bild: W.D.Roth)

Bildbearbeitung kann zwar versuchen, dies wieder in Ordnung zu bringen, doch manche Feinheiten könnten unwiderruflich weg gefiltert worden sein.

Die Alternative ist es, das von der Kamera aufgenommene Bild 1:1 abzuspeichern, also ohne jede Bearbeitung, und diese erst später im PC nachzuholen. Genau dies geschieht mit RAW-Aufnahmen.

An sich halst man sich so also mehr Arbeit auf, da man überhaupt keine fertige Bilddatei von der Kamera erhält. Vielmehr ist im Computer das nachzuholen, was normalerweise die Kamera erledigt: aus den vom Sensor aufgenommenen Daten ein JPEG zu erzeugen.

Dafür hat man allerdings den Vorteil, auf die Originaldaten des Sensors zugreifen zu können, die natürlich deutlich mehr Informationen enthalten als das später daraus errechnete Bild. Einerseits, weil sie noch unbearbeitet sind – und jede Bearbeitung bringt ja Datenverlust, die JPEG-Kompression ohnehin. Andererseits haben die kameraspezifischen RAW-Formate auch eine höhere Tiefe: Statt den bei JPG üblichen 8 Bit, also 256 Helligkeits- bzw. Farbstufen, sind 10, 12 oder 14 Bit verfügbar.

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Als RAW in Adobe Camera Raw entwickelt kommt doch noch Licht in diese dunkle Angelegenheit. Allerdings stört in höherer Vergrößerung starkes pickliges Farbrauschen auf den Gesichtern – und die Farben sind auch noch etwas merkwürdig. (Bild: W.D.Roth)

Daraus ergeben sich schon einmal zwei typische Merkmale des RAW-Formats: es ist als Datei deutlich größer als das spätere JPEG, und es ist für jeden Hersteller und Kamerasensor anders aufgebaut. Man kann ein RAW deshalb auch nicht an ein Labor zur Ausbelichtung geben: das Labor weiß mit diesen Daten überhaupt nichts anzufangen und es weiß auch nicht, wie sich der Fotograf das Ergebnis gewünscht haben könnte.

Nur der Kamerahersteller kennt alle Details seines Bildsensors, er muss also einige der Betriebsinterna seine Kamera preisgeben, damit ihr RAW-Format benutzbar ist.

Grenzen von RAW

Das klingt jetzt etwas kompliziert und zeitaufwendig, und das ist es auch. Es ist deshalb im Normalfall auch nicht sinnvoll, wirklich jedes Bild vom RAW-Format ausgehend selbst zu entwickeln, obwohl es durchaus möglich ist, Standardeinstellungen in den Programmen zu hinterlegen und dann nach „Schema F“ zu arbeiten und ebenso, mehrere Bilder mit einer Einstellung zu bearbeiten. Doch ist es dann sinnvoller, die Kamera parallel in RAW und JPEG abspeichern zu lassen, sodass man ein sofort verfügbares Ergebnis hat. Danach kann man immer noch schauen, ob man sich den weiteren Zeitaufwand spart und mit diesem „Standardvorschlag“ der Kamera bereits zufrieden ist, oder ob man es selber noch einmal besser versuchen will. Nachbearbeitungsprogramme wie Adobe Lightroom importieren allerdings, wenn das Shooting in der Kombination RAW & JPEG abgehalten wurde, immer nur die RAW-Daten.

Problematische Aufnahmen mit großen Kontrasten, ungewöhnlichen Lichtverhältnissen oder sogar leichten Fehlbelichtungen kann man auf diese Art jedoch deutlich mehr entlocken, als die Kamera mit ihrem Standardvorschlag geliefert hat. Typischerweise kann aus einer RAW-Aufnahme eine Variation von +/- zwei Lichtwerten (also bis zu zwei Blenden-/Zeitstufen mehr oder weniger) ohne Qualitätsverlust herausgeholt werden, womit sich sogar deutliche Fehlbelichtungen noch korrigieren lassen, ebenso wie ein misslungener Weißabgleich. Auch die Frage, wie stark das Bild für eine optimale Wirkung geschärft und entrauscht werden muss, kann so in Ruhe nachträglich experimentell ermittelt werden.

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Mit Silkypix 3.0 geht schon fast die Sonne im Saal auf – und es kann auch deutlich mehr entrauscht werden. (Bild: W.D.Roth)

Die Toleranz bei der Belichtung ist allerdings ähnlich Diafilm nach unten größer: Unterbelichtung, wie sie bei Gegenlicht oder bei ersten Nachtaufnahmeversuchen leicht entsteht, st ziemlich weit korrigierbar, wobei allerdings das Rauschen deutlich ansteigt, Ein typisches Beispiel: der verpatzte Schnappschuss der beiden Journalisten:

Mit RAW-Entwicklung kann doch noch Licht ins Dunkel dieser massiv fehlbelichteten Aufnahme gebracht werden. Adobe Camera Raw erreicht bereits eine akzeptable Helligkeit bei allerdings etwas merkwürdigen Farben und vor allem starkem Bildrauschen, Silky Pix kann dagegen sogar solche Aufnahmen von Taschen-Digitalkameras vorzeigbar entrauschen – in diesem Extremfall natürlich unter leichtem Schärfeverlust. Dennoch erstaunlich, was aus diesem normalerweise als hoffnungslosem Fall abzuschreibendem Bild noch herauszuholen ist.

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Massiv überbelichtet – die Bäume sind fast zu Scherenschnitten geworden, der Himmel ist fast durchgehend weiß übersteuert. Kann RAW-Entwicklung hier noch etwas retten? (Bild: W.D.Roth)

Dagegen sind wirklich überbelichtete Partien beispielsweise im Himmel nicht restaurierbar: Ist der Bildsensor einmal übersteuert gewesen, so ist hier auch dem RAW keine Information mehr zu entlocken, was dann bei der Korrektur zu abreißenden Farbverläufen führt. Nur wenige Kameras, beispielweise von Fuji, versuchen mit einer Mischung aus zwei Sensortypen – ähnlich den Stäbchen und Zäpfchen im menschlichen Auge – dieses harte Übersteuern normaler Bildsensoren zu vermeiden.

RAW ist also nicht wirklich dazu gedacht, wie es mitunter durchaus beworben wird, sich beim Fotografieren Arbeit zu sparen und weniger auf die Belichtung achten zu müssen, da die Nachbearbeitung dann deutlich mehr Zeit benötigt und die Ergebnisse mitunter trotzdem an Qualität verlieren, aber es ist eine geschicktere Alternative zu Belichtungsreihen, wenn der optimale Belichtungswert unklar ist und oft ein Rettungsanker, um eigentlich verpatzte Schnappschuss-Aufnahmen noch halbwegs zu retten. Ebenso ist es geeignet, um aus technisch durchaus gelungenen Aufnahmen noch ein etwas besseres Bild herauszuholen.

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Zwar lassen sich der RAW-Datei noch etwas mehr Informationen entlocken, die Bäume werden klarer, doch der Himmel bleibt posterartig solarisiert: Er hat nur wenige Helligkeits- und Farbabstufungen. (Bild: W.D.Roth)

Es spricht daher eigentlich nichts dagegen, prinzipiell alle Aufnahmen im RAW-Format abzuspeichern; man weiß schließlich im Vornherein nicht, bei welchen Aufnahmen man später die zusätzlichen Möglichkeiten brauchen kann. Allerdings ist hierzu eine entsprechend große Speicherkarte notwendig, da die Rohdaten des Sensors deutlich mehr Platz belegen als das spätere Bild, bei der Olympus E-330 sind es typischerweise 13 MB pro RAW-Aufnahme, bei der Olympus E-510 reduziert es sich trotz eines Sensors mit mehr Pixeln auf neun bis zehn MB, die kleine Panasonix LX-2 legt dafür sogar 20 MB RAW-Daten auf ihre SD-Card.

Die Speicherkarten sollten auch ausreichend schnell sein: bei sehr langsamen Speicherkarten sorgen die größeren Dateien für erhebliche Verzögerungen beim Abspeichern, was dann die mögliche Aufnahmerate begrenzt. Ebenso wird die Festplatte des Computers wesentlich schneller gefüllt als mit JPEGs und ist es daher sinnvoll, RAW-Dateien nach der Bearbeitung auf CD-ROMs oder DVD-ROMs auszulagern, sodass sie im Falle eines Falles noch verfügbar sind, und auf dem Computer nur die JPEG-Ergebnisse zu belassen, um diese vorzuführen oder auszudrucken.

Mehr Details zu einigen RAW-verarbeitenden Programmen schreiben wir auf fokussiert.com in den nächsten Wochen.

8 Kommentare
  1. Joerg sagte:

    RAW-Formar, das unbekannte Wesen…

    Hab meine Knipse seit Jahren nicht mehr auf jpg umgestellt, allerdings gibts viele die sich das nicht trauen weil sie diesen Schritt des „entwickelns“ scheuen. Sei es aus Bequemlichkeit oder Unwissenheit.
    Klären Sie auf! :)

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Trackbacks & Pingbacks

  1. […] übrigens) gewiß nicht über das JPG-Format mit seinen kamerainternen Automatismen, sondern über das RAW-Format mit der Möglichkeit (und Notwendigkeit) der manuellen Ausarbeitung einschließlich einer wohldosierten […]

  2. […] deutlich mehr Informationen zur Verfügung, doch ist z.B. der Weißabgleich schon eingebrannt. RAW-Dateien sind fast alle proprietär, das heißt, nur der Hersteller der jeweiligen Kamera weiß, wie diese […]

  3. […] Dynamik-Umfang unseres Auges. Deswegen ist bei heiklen Aufnahmen mit hohem Kontrastumfang eine Speicherung im Rohformat (RAW, ist bei vielen Kompakten leider gar keine Speicheroption) unbedingt nötig. In diesen Dateien ist […]

  4. […] dritte Möglichkeit, die besonders effektiv ist, wenn das Foto in RAW aufgenommen wurde, ist, die Tiefen im digitalen Fotolabor aufzuhellen. In Photoshop, aber auch in lightroom […]

  5. […] ist noch im Betastadium und online, lehnt sich optisch an die RAW-Entwicklungs- und Bildverwaltungssoftware Adobe Lightroom, funktionell dagegen eher an Photoshop an […]

  6. […] den 100 neuen Funktionen wurde auch die Verarbeitung der Fotos im RAW-Format optimiert. Gerade in sehr hellen Bildbereichen konnte ich damit, bei einem ersten Test, mehr […]

  7. […] Belichtung, manueller Fokus) und die Möglichkeit, Bilder im nativen Format des Bildsensors als RAW zu […]

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