New Orleans nach Katrina Bilder einer andern Welt

New Orleans nach der Flut: Zu den Helfern der ersten Tage nach der Flut gehörte Thomas Neff, Fotografie-Professor der Louisiana State University. Jetzt erzählt er in einem Fotobuch die Geschichten von Betroffenen.

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Caroline Koch, Mandeville Street, The Bywater – 20. Oktober 2005 (Fotos © Thomas Neff)

Was auf den ersten Blick aussieht wie ein Bild aus der Zeit von Vietnamkrieg und Freier Liebe entpuppt sich als dokumentarische Aufnahme, die grade mal zwei Jahre alt ist:

Thomas Neffs Bild von Caroline Koch auf dem Dach ihres Hauses entstand in den ersten Wochen nach der Verwüstung von New Orleans durch den Sturm Katrina. Die Gruppe junger Hausbesitzer, zu denen Caroline gehörte, half rund 200 Angehörigen einer Kirchgemeidne aus dem „Lower Ninth ward“, dem durch den Bruch der Dämme völlig gefluteten Armenviertel. Die jungen Helfer erkannten bald, dass sie keine Unterstützung von Aussen erwarten durften, aber auch, dass viele der älteren Leute, die sie beherbergten, dringend Medikamente brauchten.

Mit einer Liste des Nötigsten machten sich Caroline und ihre Freunde eines nachts auf – ohne jedes Licht, um nicht von den Helikoptern entdeckt zu werden, die „Plünderer“ aufspüren sollten – und brachen in eine Apotheke ein, um die wichtigsten Medikamente gemäss ihrer Liste zu finden. Ihren Überlebensslogan, ihre Enttäuschung und ihre Wut pinselten die jungen Leute auf das Dach eines ihrer Häuser.

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Antoinette K-Doe, Mother-in-Law Lounge, Treme 2. November 2005 (Foto © Thomas Neff)

Das ist nur eine der Geschichten, die Fotografie-Lehrer Thomas Neff in seinem Buch „Holding Out And Hanging On“ erzählt. Eine andere ist die der Barbesitzerin Antoinette K-Doe, die nach der „Rettung“ aus der gefluteten Stadt in ein Pfadfinderlager in Georgia nichts mehr wollte, als zurückzukehren; in der überfluteten Stadt aber unglaubliche Verwüstung vorfand, den Mut verlor, schliesslich aber dank der Hilfe einer Freiwilligenorganisation ihre Bar wieder aufbaute.

Ich habe das Buch noch nicht gesehen, sondern erst das Presskit (dem die hier gezeigten Bilder entstammen), aber ich finde, sie sprechen aus zwei Gründen für sich: Die Fotografien sind in ihrer dokumentarischen Härte an Ausdruck kaum zu übertreffen – ähnlich der Kriegsfotografie.

Thomas Neff Holding Out and Hanging OnBesonders spannend ist hier aber, dass Neff nicht einfach nur starke Fotos aus New Orleans präsentiert, sondern die Geschichten dahinter gleich mitliefert – denn er kennt die Leute, die er fotografiert hat. Zwar erzählt eine gute Fotografie ohnehin eine Geschichte; aber erst im Vergleich mit der Realität erkennen wir vielleicht auch die Variationen, die möglich sind.

Was mich in diesem Fall allerdings auch überrascht, ist die bei amerikanischen Büchern häufig anzutreffende schlechte, ja geradezu geschmacklose Gestaltung des Buchcovers.

Thomas Neff ist Fotografie-Professor an der Louisiana State University. Er ist 1948 in Los Angeles geboren und hat in Kalifornien und in Boulder, Colorado, Fotografie studiert.

Es ist nicht anzunehmen, dass Neffs Buch in Europa verfügbar wird. Auf Amazon.com in den USA ist „Holding Out And Hanging On“ für knapp 20 Dollar erhältlich.

1 Antwort
  1. Fotograf aus Kassel sagte:

    Menschen, die zur rechten Zeit am rechten Ort sind und zu Zeitpunkten der Not an eine Dokumentation der Ereignisse denken, imponieren mir ungemein. Sie hinterlassen ein Zeitzeugnis für das was wirklich geschehen ist. Umso interessanter wird es, wenn man selber betroffen ist.

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