Karen Knorr:Die Fabel in der Fotografie

Die rätselhafte Fabel-Welt von Karen Knorr ist bis 11. Mai im Pariser Musée de la Chasse et de la Nature zu sehen. In ihrer Serie „Fables“ bevölkern die klassischen Fabel-Tiere die prunkvollen Räume alter Schlösser.

karen Knorr Fables Fabelfotografie
Karen Knorr: Corridor

Die Taube, der Hase, die Schildkröte, der Fuchs und der Storch: In den klassischen Fabeln von Aesop oder Jean de La Fontaine verkörpern Tiere menschliche Eigenschaften. Und ihre Geschichten dienen auf diesem Umweg der moralischen Erziehung des Menschengeschlechts.

Zum Beispiel Aesops Fabel vom Fuchs und vom Storch: Ein Fuchs lud einen Storch zum Essen ein, setzte ihm die leckersten Speisen vor, aber nur in flachen Tellern. So konnte der Storch mit seinem langen Schnabel nichts essen und der Fuchs aß alles selber auf. Der Storch zahlte ihm mit gleicher Münze heim: Als er den Fuchs zu Gast hatte, gab es die Speisen nur aus langhalsigen Geschirren. Und die Moral von der Geschicht‘: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.

Nein, keine Panik. Solcher Art sind die Bilder Karen Knorrs nicht, sie sind viel komplizierter gestrickt. Die ausgestopften Tiere scheinen aus den Wandbildern und den wertvollen Gobelins zu entspringen, wenn die Menschen in den Schlössern zu Bett gegangen sind. Ein bisschen wie nachts im Museum. Sie treten in Verbindung zur Umgebung, die ja in diesem Fall hochgezüchtete Kultur ist, höchstkultiviertes Menschenwerk sozusagen. So entstehen in der Imagination neue Geschichten, Zusammenhänge und Allegorien, die nicht sofort auf den ersten Blick erkennbar sind, wie bei Aesop. Dennoch: Karen Knorrs „Fabel-haften“ Tiere führen uns eine faszinierende Sicht auf diese eigentlich verblichene Welt vor. Und stellen Verbindungen zur Gegenwart her. Mit jedem einzelnen Bild könnten wir uns stundenlang beschäftigen wie mit einem alten Gemälde, wo jede Figur, jeder Stein, jedes Blatt seinen richtigen Platz hat und keinen anderen. Knorr beschäftigt sich stark mit der adeligen und großbürgerlichen Kultur des 18. und 19. Jahrhunderts, mit der Kunst, mit der Architektur, mit der Jagd. Das zeigt uns die Bildauswahl, die sie uns auf ihrer Homepage vorführt.

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Karen Knorr: Olympia

Karen Knorr wurde in Frankfurt am Main geboren, wuchs in Puerto Rico auf und lebt derzeit in London. Ihre sorgfältig inszenierten Bilder fotografiert sie mit der Plattenkamera. Die großen Negative scannt sie ein und bearbeitet die Bilder am Computer. Sie erreicht damit diesen Schwebezustand zwischen Realität und Illusion, in dem ihre Bilder schon fast etwas gemäldehaftes annehmen.

Karen Knorr – Fables
Musée de la Chasse et de la Nature
62, rue des Archives, 75003 Paris
Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr. Montags und an Feiertagen geschlossen.

Karen Knorr
Musée de la Chasse et de la Nature (nur französisch)
Projekt Gutenberg: Aesop

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