Will Steacy: Nicht geschossene Fotos

Will Steacy, einer der jungen amerikanischen Fotografengeneration, hat ein neues Projekt gestartet: Geschichten von Fotos, die nicht gemacht wurden – „The Photographs not Taken“.

Will teacy Rodeo Wall
Will Steacy: Rodeo Wall, Hailey, ID, 2004

Wir haben schon einmal über eine Website berichtet, wo nicht verwirklichten Fotos im Mittelpunkt stehen: Unphotographable. Hier berichtet Michael David Murphy von seinen verpassten Bildern – ein Tagebuch von Irrtümern, Fehlern, verpassten Gelegenheiten.

Im Unterschied dazu sammelt Will Steacy die Geschichten von vielen verschiedenen Fotografen, durchwegs Amerikaner wie die hier schon besprochenen Amy Stein und Nina Berman, Magnum-Fotograf Alec Soth oder Brian Ulrich.

Jeder Fotograf, jede Fotografin erinnert sich an Momente, an denen ein unwiederbringlicher Moment verpasst oder auch ein Bild bewusst nicht gemacht wurde. Diese Augenblicke bleiben dennoch haften, als Erinnerung und Erfahrung. In den Geschichten über solche Erinnerungsbilder würden die Regeln der Fotografie umgedreht, meint Will Steacy: Statt durch die Linse in die Welt hinauszuschauen, blickten sie in der Erzählung zurück in das Auge des Fotografen, in seine Seele.

Als Beispiel ein übersetzter, etwas gekürzter Text von Matt Salacuse, einem New Yorker Fotografen, der für Magazine viele Prominente ablichtet – Musiker, Politiker, Manager.

Als Fotograf wirst du nur nach einem Kriterium beurteilt: Ob du das Bild im Kasten hast oder nicht. Alles sonst ist subjektiver Bullshit. Wenn du das Bild nicht hast, bist du kein Fotograf, sondern schlicht ein Gaffer. Was Fotografen von Augenzeugen abhebt, ist, dass wir eine Kamera haben. Es ist so, wie Garry Winogrand den Fotojournalismus beschrieb: „Blende 8 und da sein.“

Mitte der neunziger Jahre war ich ‚da‘, versuchte, Fotograf zu werden und schleppte eine Starter-Pentax K1000 überall mit mir rum für den Fall, dass ‚dort‘ etwas wäre. Eines Abends war ich mit meinem Vater im Ritz Carlton verabredet. Als ich in der Lobby wartete, sah ich meine Gelegenheit, ein Fotograf zu werden, und kein Gaffer. Meine Aufregung war so groß wie die von Robert Capa am D-Day. Mein Bild der Soldaten, die die Bucht stürmten, kam in Form von Tom Cruise und Nicole Kidman auf mich zu – das Paar mit seinem neugeborenen, adoptierten Baby. Ich sah mein Foto des Neugeborenen in den Armen von Tom Cruise und seiner Frau schon mit mit der Schlagzeile versehen: „Klatsch-Fotograf macht Schnappschuss vom CruiseMan-Baby und rettet die Welt“.

So schlich ich mich hinaus und wartete darauf, dass sie zu einer Limousine geleitet werden würden. Ich drehte mich mit dem Rücken zur Tür und kontrollierte, ob meine Kamera richtig eingestellt war. Blende 8, perfekt. Sie kamen. Über meine Schulter äugte ich verstohlen, wo sie sich befanden und wie ich die Schärfe am besten einstellen musste. Dann stand Tom Cruise nur einen Meter weg und schaute mir direkt ins Gesicht. Er senkte das Kinn, blickte mir in die Augen und sagte: „Das machen Sie nicht.“ Es muss irgendein seltsamer Voodoo-Scientology-Trick gewesen sein, denn ich sagte zu ihm: „Sie haben recht, ich mach das nicht.“ Und ich fotografierte sie nicht. Ich weiß nicht, ob er gefühlt hatte, dass ich nicht dieser Typ Paparazzo war oder „Top Gun“ ein dutzendmal gesehen hätte. Aber es hat funktioniert. Und alles, was ich vorweisen kann, ist diese Geschichte.

All die schönen Stories sind in englischer Sprache geschrieben. Wieder ein wunderbarer Grund, seine Sprachkenntnisse aufzufrischen und zu lernen. Zum Beispiel: „Blende 8 und ‚da‘ sein.“

The Photographs not Taken

Will Steacys Bilder

Matt Salacuse

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