Das Nasen-Problem: Fokus bei Porträtaufnahmen

Die Schärfentiefe ist ein grossartiges Gestaltungsmittel. Mit zunehmender Brennweite verlangt sie aber einen exakt gesetzten Fokus – und das wird bei Porträts für Amateure zur Falle.

yoda - einfach so!

Wir hatten es in dieser Leserfoto-Kritik davon, dass der Fokus der Aufnahme, die mit weit offener Blende und langer Brennweite entstanden war, nicht im Gesicht der Echse, sondern irgendwo vor ihr im Sand lag.

Dabei ist mir aufgefallen, dass ich das Problem kürzlich bei einem privaten Portät-Shooting erlebt habe:

Yoda, scheinbar scharf - der Fokus liegt aber auf dem rechten, weiter entfernten Auge...
Yoda, scheinbar scharf – der Fokus liegt aber auf dem rechten, weiter entfernten Auge…

Die Schärfentiefe nimmt ab, je weiter die Blende geöffnet ist. Sie nimmt ausserdem ab, je länger die Brennweite ist – Teleaufnahmen verlangen grade bei mittelmässig guten Objektiven aber schon des Lichtes wegen eine offene Blende.

Und schliesslich nimmt die Schärfentiefe ab, je näher der Fokus bei der Kamera liegt.

Diese Situation ergibt sich also vor allem dann, wenn man kleine Objekte statt mit einem Makro mit einem Teleobjektiv aufnimmt – oder aber bei Personenporträts.

Bei meinem Shooting stand ich relativ dicht an der Person, nutzte eine (wohl zu lange) Brennweite, um den Hintergrund völlig zu verwischen, und aus purer Bequemlichkeit stellte ich jeweils auf die Nase des Porträtopfers scharf.

...was zur Folge hat, dass das näher liegende rechte Auge des Jedi-Meisters bei der hohen Brennweite und offener Blende in der Unschärfe liegt.
…was zur Folge hat, dass das näher liegende rechte Auge des Jedi-Meisters bei der hohen Brennweite und offener Blende in der Unschärfe liegt. (Fotos P.Sennhauser)

Das hat unter Umständen schwerwiegende Folgen. Auf dem Winzmonitor der Kamera nicht sichtbar, werden so nämlich Teile des Gesichts unscharf, denn die Schärfentiefe beträgt möglicherweise nur noch ein paar Zentimeter, vor allem aber ist alles, was vor dem Fokus liegt, sofort unscharf.

Was bei Weitwinkelaufnahmen kein Thema ist und selbst bei Teleaufnahmen auf grosse Distanz kaum zum Tragen kommt, spielt hier plötzlich eine Rolle: Jeder Millimeter, um den der Fokus zu weit hinten, aber auch zu weit vorn liegt, kann extreme Auswirkungen haben. Wohl ist Schärfe im Bild vorhanden, aber allenfalls am völlig falschen Ort.

Die wichtigsten Teile des Gesichts, die unbedingt scharf sein müssen, sind die Augen und nicht die Nasespitze. Also begann ich, mit dem Spotfokus auf eines der beiden Augen scharf zu stellen – aber für weite Strecken der Aufnahmen idiotischerweise auf das falsche: Das, welches weiter hinten in der Tiefe der Aufnahme lag.

Das füht dazu, dass das vordere Auge des leicht von mir abgewinkelten Gesichts in der Unschärfe lag – und das sieht einfach eigenartig aus.

Besonders leicht kann das auch passieren, wenn man den automatsichen Matrix-Fokus der Kamera benutzt, welcher das der kamera m nächsten stehende Objekt (die Nasenspitze!) für den Fokus heranzieht.

Yoda, Scharfstellung auf das näher liegende, rechte Auge: das Linke Auge liegt noch im Bereich der allerdings sehr niedrigen Schärfentiefe.
Yoda, Scharfstellung auf das näher liegende, rechte Auge: das Linke Auge liegt noch im Bereich der allerdings sehr niedrigen Schärfentiefe.

Meine aktuelle Gegenmassnahme ist die Scharfstellung auf das mir näher liegende Auge – als absolute Grundregel. Hat jemand bessere Regeln?

4 Kommentare
  1. Peter Sennhauser sagte:

    Tim, Wachergeist: In diesem Beispiel sind meine Probleme wohl mit der überlangen Brennweite zu erklären. 300mm (200mm real) sind halt nicht grade das, was man für ein Portrait benutzen würde – und auf die grosse Nähe führt das zu extrem niedriger Schärfentiefe. Mit Yoda hab ich das natürlich zu Demozwecken auf die Spitze getrieben.

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    • Karl Mertens sagte:

      Du weißt, dass der Cropfaktor keinen Einfluß auf die Bildwirkung hat, sondern eher mit dem Ausstechen des Mittleren einer Pizza vergleichbar ist? Die Schinkenstücke liegen dann immer noch da wo sie vorher auch lagen nur dein Stück von der Pizza ist kleiner. ;)

      Ein 200er bleibt ein 200er bleibt ein 200er. Auch an einer Cropkamera.

  2. tim sagte:

    Kann ich mir jetzt auch nicht erklären – die oben beschriebene 1/3 + 2/3-Regel gilt ja und eigentlich sollte alles scharf sein , wenn man auf dem vorderen Auge scharfstellt. Mögliche Fehlerquelle: scharfstellen, Entfernung speichern und dann noch nachträglich den Bildausschnitt verändern.

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  3. awokenMIND sagte:

    Je nach Aufnahmeabstand und Brennweite variiert natürlich noch der Bereich der Schärfentiefe, so dass es eigentlich bei Portraitshootings immer ratsam ist, sich das Ausmaß der Schärfentiefe einmal vor Augen zu halten. Schnell ist es passiert, dass man dichter herangeht oder aber heranzoomt und somit die Schärfentiefe vergrößert oder verkleinert. Dann ist auf einmal doch nur 1 Auge scharf und der toll eingefangene Moment ist technisch eher schlecht umgesetzt.

    Mit einem Schärfentieferechner lässt sich der Bereich schnell ausrechnen, so dass man Gefahren direkt erkennen und Blende/Brennweite anpassen kann. Wenn ich genau weiß, dass sich im Moment die Schärfentiefe in einem Bereich von 1,5cm abspielt, ist mir bewusst, dass bei Fokussierung auf das Auge definitiv die Nase unscharf sein wird und evtl. sogar das entsprechend andere Auge. Mit dem Schärfentieferechner kann man sich also auch entsprechend andersherum zu einem gewünschten Schärfentiefeausmaß die nötige Blende suchen. Schärfentieferechner gibt es auch für Handys, was den Einsatz natürlich extrem mobilisiert. Außerdem hilft es manchmal sogar, bewusst auf die Nase (im oberen Bereich des Nasenrückens, nicht die Nasenspitze) zu fokussieren, da sich die Schärfentiefe in etwa zu 1/3 VOR und zu 2/3 NACH dem Fokuspunkt ausbreitet. Also beim Fokussieren auf die Nase auch das vordere UND das hintere Auge mit scharf wird.

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