Steinert und die Jungen: Die Absage an die Wirklichkeit

Otto Steinert, Begründer der Subjektiven Fotografie, trifft auf junge Fotografen, die sich von der Darstellung der Wirklichkeit verabschiedet haben. Die beiden parallelen Ausstellungen in der Erfurter Kunsthalle bieten direkte Vergleichsmöglichkeiten.

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Otto Steinert: „Die eiligen Touristen“, 1950er Jahre
Copyright Stefan Steinert, Essen; Courtesy Galerie Kicken, Berlin

Otto Steinert setzte den „subjektiven Gestaltungswillen“ des Fotografen über die Bemühungen, eine Wirklichkeit möglichst getreu abzubilden. Auf diesem Weg sind heute viele Fotokünstler, darunter ganz ausdrücklich die Gruppe unter dem programmatischen Namen „Absage an die Wirklichkeit“. Dazu bedienen sie sich der digitalen Möglichkeiten, die Otto Steinert nicht mehr erleben konnte – er starb im Jahr 1978.

Die Ausstellung „Absage an die Wirklichkeit – Subjektive Positionen zeitgenössischer Fotografie“ wurde in ganz Deutschland bereits mehrfach gezeigt. In Erfurt treffen die neun Fotokünstler der jüngeren Generation mit neuen Arbeiten nun auf den Mann, von dessen Ideen sie maßgeblich geprägt wurden.

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Michael Strauss: Maria Magdalena

In der Auseinandersetzung mit radikalen Positionen avantgardistischer Kunst der zwanziger Jahre und der Reflexion der Subjektiven Fotografie in den fünfziger bis sechziger Jahren bis heute erweitern sie das „fotografische Denken“ und formulieren eine persönliche Sehweise, die das Verhältnis der Fotografen zur Welt zeigt, so teilt die Kunsthalle Erfurt mit. Trotz verschiedener Produktionsmethoden und bildnerischer Strategien gilt das gemeinsame Element der subjektiven Sicht auf die Wirklichkeit. Damit bezieht die Gruppe Gegenposition zu einer dokumentarischen Fotografie. Zwar arbeitet bereits eine Vielzahl einzelner Künstler heute auf subjektive Weise, doch bildete sich hier erstmalig unter einem Programm eine Gruppe, die ihre Position an zahlreichen Orten im In- und Ausland zur Diskussion stellt. Die neun beteiligten Fotografen sind:Katrin Amft, Marc Grümmert, Tim Kellner, Thanh Long, Knut Wolfgang Maron, Janet Riedel, Heidi Schneekloth, Michael Strauss und Janet Zeugner.Auf ihrer Webseite „Absage an die Wirklichkeit“ informieren sie über sich selbst und ihre Arbeiten.

Otto Steinert (1915-1978) gilt als einer der bedeutendsten und einflussreichsten deutschen Fotografen der Nachkriegszeit. Bereits mit 14 Jahren begann er zu fotografieren, wandte sich jedoch einer beruflichen Laufbahn als Arzt zu, bevor er sich 1947 ganz der Fotografie zuwandte. Fasziniert von den technischen Möglichkeiten des fotografischen Mediums begann er gestalterisch zu experimentieren, auch mit Fotomontagen und Fotogrammen. Ab 1948 baute er an der neu gegründeten Fachschule für Kunst und Handwerk in Saarbrücken eine Fotoklasse auf. Steinert war kaum an der Wirklichkeit vermittelnden Reportagefunktion von Fotografie interessiert, dafür sehr an deren formbildender Qualität. In der Tradition der experimentellen Bauhaus-Fotografie konzentrierte er sich darauf, über die konsequente Ausnutzung aller technischen und chemischen Möglichkeiten autonome bildnerische Lösungen zu entwickeln. Als zentral sah er den subjektiven Gestaltungswillen an, der das gewählte Bildsujet als Rohmaterial für die Formung einer darstellenden oder auch absoluten fotografischen Komposition nutzt. Steinert war 1949 Mitbegründer der Gruppe «fotoform« und organisierte in den Jahren 1951, 1954 und 1958 die programmatischen Ausstellungen «subjektive fotografie I-III«. Im Jahr 1959 wurde er an die Folkwangschule für Gestaltung in Essen berufen, später zum Professor auf Lebenszeit ernannt. Sein Lehrprogramm, die eigene Praxis wie auch die erste Ausstellung «subjektive fotografie« übten einen enormen Einfluss auf die Anerkennung und Weiterentwicklung der künstlerischen Fotografie in Deutschland aus. In Erfurt werden 47 Arbeiten von Otto Steinert präsentiert.

Otto Steinert: Fotografien – Absage an die Wirklichkeit
Kunsthalle Erfurt, bis 20. April.
im Haus zum Roten Ochsen, Fischmarkt 7, 99084 Erfurt
Geöffnet Di – So 11 – 18 Uhr, Do 11- 22 Uhr, Feiertage 11 – 18 Uhr.
Freier Eintritt jeden ersten Samstag im Monat.

Kunsthalle Erfurt

Absage an die Wirklichkeit

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  2. […] und Plakatmaler studiert er ab 1966 Fotografie an der Folkwangschule für Gestaltung in Essen bei Otto Steinert und schließt sein Studium 1971 ab. Er arbeitet als freier Fotograf und Bildjournalist bei […]

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