Martin Parrs Welt:
Fotografische Grotesken

Eine neue Gelegenheit, die groteske Welt von Martin Parr zu besichtigen: „Parrworld“ im Haus der Kunst in München, bis 17. August.

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Martin Parr: Russia. Moscow. The Millionaire Fair, Crocus Expo International Exhibition Center, 2007, © Martin Parr

Dass Martin Parr, Mitglied der Fotoagentur Magnum, auch sammelt, ist nicht jedem bekannt. Die Ausstellung „Parrworld“ präsentiert seine Sammlungen von Postkarten, Objekten, Fotobüchern und Fotografien und stellt sie einer Auswahl aus seiner eigenen neuen Serie „Luxury“ gegenüber. Zusammengenommen ergeben diese Sammlungen eine Art mediale Wunderkammer, ein Psychogramm ihres Urhebers und eine augenzwinkernde Analyse des Mediums Fotografie.

Martin Parr über seinen Hang zum Sammeln:

„Ich habe ein sehr starkes Sammel-Gen… Die Krankheit ist früh ausgebrochen. Schon als kleiner Junge richtete ich im Keller unserer Doppelhaushälfte in Chessington, Surrey, ein ganzes Museum ein, mit Ausstellungsstücken wie Gewöllen, Fossilien und Vogelnestern. Über die Jahre haben sich dann meine Sammelgewohnheiten verschoben und verfeinert. Ich habe Briefmarken gesammelt, Busfahrkarten, viktorianische Pennies, und – als meine bislang größte Sammlung: Fotobücher.“

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Aus Parrs Postkartensammlung: Limbo! Limbo! © John Hinde Ltd.

Postkarten

Die Stücke dieser Sammlung können fast ein ganzes Jahrhundert beschreiben. Als die Tageszeitungen technisch noch nicht in der Lage waren, Fotografien zu drucken, gab es bereits eine große Nachfrage nach Bildmaterial, das aktuelle Ereignisse zeigte. Das Interesse an Sensationen führte im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in der Form der fotografischen Bildkarte zu einer besonders zeitnahen Berichterstattung. Eine Auswahl dieser Nachrichtenbilder steht am Anfang der Sammlung von Postkarten, die Parr vor 30 Jahren begann. Weitere Schwerpunkte bilden Studioporträts, die Produktionen der Fotografen Warner Gothard und John Hinde, Ferienpostkarten und Kuriosa wie „Boring Postcards“, die Autobahnen, Plattenbauten und Innenräume zeigen.

Fotografiebücher
Um das Medium Fotografie und um das gedruckte Bild geht es auch bei Parrs Sammlung nationaler und internationaler Fotografiebücher. Die Sammlung zeigt die Geschichte des Fotobuchs anhand einer Auswahl besonders wichtiger oder interessant gestalteter Publikationen, von Ikonen der Buchkunst bis zu Publikationen unbekannter Verlage..

Fotografische Sammlungen
Parrs Interesse an gesellschaftlichen Themen spiegelt sich auch in seinen fotografischen Sammlungen wider, die in einen britischen und internationalen Teil aufgeteilt präsentiert werden. Der erste Teil bildet die umfangreichste Privatsammlung, die zur Zeit in Großbritannien besteht. Aus ihr wird eine Auswahl sozialdokumentarischer Positionen von u.a. Tony Ray-Jones, Chris Killip und Graham Smith aus den Siebziger- und Achtzigerjahren zu sehen sein. Die aktuelle zeitgenössische britische Fotografie ist u.a. durch Keith Arnatt, Mark Neville, Jem Southam oder Tom Wood vertreten. Der internationale Teil dieser Sammlung wird repräsentiert durch Fotografen, die Parr beeinflusst haben oder zu denen er eine persönliche Beziehung entwickelt hat: Bilder von Robert Frank, Garry Winogrand oder William Eggleston stehen Aufnahmen von Freunden wie John Gossage oder Gilles Peress gegenüber.

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Martin Parr: Dubai, The Cartier International Dubai Polo Challenge, 2007, © Martin Parr

Luxury
Für seine neue Serie „Luxury“ hat Martin Parr an Orten wie Dubai, Durban oder Moskau Modenschauen, Kunst- und Luxusmessen, Pferderennen sowie in München beim Oktoberfest fotografiert. Bescheidenheit ist nicht unbedingt eine ausgeprägte Charaktereigenschaft der Vertreter eines internationalen Jetsets, die stolz die Insignien neuen Geldes und äußerlichen Wachstums präsentieren. Nach seinen früheren Projekten über die Arbeiter- und Mittelklasse wendet sich Parr mit den Mitteln der Groteske nun dem Phänomen einer neuen internationalen Upperclass zu. Im Magnum-Blog berichtet Martin Parr gerade über Geschehnisse bei der „Beijing Motor Show“ – Überschrift: „Auto Crazy“.

Martin Parr: Parrworld
Haus der Kunst, Prinzregentenstrasse 1, 80538 München, bis 17. August
Telefon +49 89 21127-113, E-Mail: mail@hausderkunst.de
Geöffnet Montag – Sonntag 10 – 20 Uhr, Donnerstag 10 – 22 Uhr

Haus der Kunst München
Martin Parrs Bilder bei Magnum

3 Antworten

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  1. […] Dein Aufnahmestandpunkt war zudem recht niedrig. Was das bewirkt, sieht man bei einem Porträt wie diesem sehr deutlich, denn ihr übergeschlagenes Bein sieht im Bezug zum Rest ihres Körpers riesig aus. Der Low Key hat auch das nicht beheben können. Und zu guter Letzt noch dieses: ich weiß zwar, dass ihre linke Hand locker auf ihrem rechten Bein ruht, aber das riesige linke Bein verdeckt sie und lässt die Pose dadurch, nun ja, etwas merkwürdig wirken. […]

  2. […] Zu Martin Parr sagen wir hier nichts mehr – wir haben oft genug berichtet, zuletzt über seine Ausstellung “Parrworld” in […]

  3. […] der zeitgenössischen Fotografie präsentieren wird. Mit dabei: Magnum-Fotograf Martin Parr, der wie eben berichtet zur Zeit auch in München ausstellt. Dann Kathy Ryans, Bildredakteurin des New York Times Magazine, […]

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