Kornfeld im Weitwinkel: Nah und weit zugleich

Die Weite eines dramatischen Himmels und ein reifes Kornfeld reichen bei kleiner Brennweite für ein stimmungsvolles Landschafts-Stilleben – solch ausgewogene Bilder brauchen allerdings einen oder zwei kompositorische Widerhaken, um nicht nach der ersten Betrachtung schal zu werden.

Horst Fuchs: Kornfeld mit Mohnblüte
Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Horst Fuchs). – Nikon D300 – 1/640s – f/8 – ISO200 – 10mm (15mm)

Kommentar des Fotografen:

Aufgenommen habe ich dieses Bild auf dem Heimweg von der Arbeit. Der zerrissene Himmel und die bereits goldenen Weizenhalme zeigten für mich ein richtiges Sommerbild auf. Als Farbtupfer habe ich noch eine Mohnblüte eingefügt, die leider nicht an dieser Stelle wuchs.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Horst Fuchs:

Dies ist eines dieser Bilder, die auf den ersten Blick (und in geringer Auflösung wie auf dem Kamera-Monitor, auch jenem einer D300) den Wow!-Reflex auslösen – den sie dann bei näherer Betrachtung allerdings nicht oder nur knapp einhalten können.

Wirklich gut gelungen ist der Kontrast aus den Ähren im Nahbereich – die den Betrachter gewissermassen in der Nase kitzeln – mit dem durch die winzige Brennweite verzogenen, weiten Himmel. Ich liebe diesen Effekt:

Grade mit Superweitwinkeln kommt er gut zur Geltung, wenn man einen geeigneten Vordergrund hat, mit dem man die Weite der Aufnahme mit unscharfen Makro-Bereichen brechen kann.

Ebenfalls erfreulich ist der Kontrastumfang: Er beweist, dass bei gutem Licht ein „HDR-Effekt“ ohne Tricks und Vielfachbelichtung erzielt werden kann – ideal ist leichte Bedeckung des Himmels zur Dämpfung der Sonne bei blauen Lücken im Bildausschnitt (und der sensationell gut funktionierende Dynamik-Modus der D300).

Die gute Zeichnung in den Wolken, Schärfe und Kontrast im Ährenfeld und der extreme Verlauf im Blau des Himmels deuten auf den Einsatz eines Polfilters und eine sehr sorgfältige Nachbearbeitung hin, die sich bei diesem Bild jedenfalls gelohnt hat. Nur gerade die Büsche in der Horizontlinie scheinen mir einen Tick zu dunkel.

Das Bild bringt insgesamt die Stimmung eines heissen Sommertags wunderbar zum Ausdruck, an dem sich nur die langsam flockenden Thermikwolken am Himmel bewegen, kurz bevor die sanften Böen eines herannahenden Gewitters eine erste Abkühlung bringen.

Das Manko der Aufnahme hast Du selber erkannt und mit der eingebauten Mohnblüte zu beheben versucht – ich finde übrigens, dass das erstens legitim ist und zweitens hier sehr schön gemacht wurde.

Diese Blüte ist das einzige, was die totale Ausgeglichenheit des Bildes durchbricht und mich genügend anzieht, damit ich mich nicht sofort nach Erkennen der Stimmung abwende: Der Goldene Schnitt von Horizont und Himmel, die leider ausgerechnet gemitteten Kamillen (oder sonstwas-) Blüten, der dynamische, aber nicht wirklich dramatische Himmel, die schmale, wenig Abwechslung bietende Bildmitte, die mit dem Horizont fusioniert – das alles ist sehr schnell erfasst und reizt nicht mehr zu näherer Betrachtung. Die rote Mohnblüte bietet den letzten Anker.

Ich bin ziemlich sicher, dass mit mehr Geduld und vielen Versuchen ein ähnlicher Effekt ohne die Photoshop-Klonung vor Ort möglich gewesen wäre – ein paar Schritte zur Seite, vielleicht ins Kornfeld hinein, eine „Lichtung“ in den Ähren, hätte dem insgesamt ja gezielt ruhigen Bild das Quentchen Abwechslung geben können, den Widerhaken, der den Betrachter festhält und die schön getroffene Stimmung aufsaugen lässt.

Eine Variante wäre mehr Spannung in der Mitte der Bildtiefe gewesen, die sich hier in einer verdichteten Horizontlinie sehr schmal präsentiert – statt der nur wenig spannenden Büsche hätte sich vielleicht ein Bauernhaus, ein alleinstehender Baum oder etwas ähnliches gefunden, das, ohne zuviel Aufmerksamkeit zu erheischen, dem Bild mehr Tiefe verliehen hätte.

Ein Blitz im Kornfeld....Vielleicht auch hätte sich ein Verbleiben am gleichen Ort gelohnt in der Hoffnung, dass der am linken Bildrand sichtbare Wolkenbruch sich weiter in die Bildmitte und näher an den eigenen Standort heranschiebt.

Den darin eingeritzten Blitz finde ich, nebenbei gesagt, eine sehr witzige Idee, die ich aber nach dem ersten Herumzeigen des Bildes wieder entfernen würde…

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1 Antwort
  1. Horst Fuchs sagte:

    Vielen Dank für die sehr ausführliche Kritik. So etwas bekommt man selten zu hören. Ich werde die angemerkten Punkte versuchen in weiteren Bildern aufzunehmen.

    Ein Hinweis zur Dynamik. Das ist nicht nur der gute Dynamikbereich der D300 sondern bei der Aufnahme wurde ein Grauverlaufsfilter benutzt, der den Himmel abdunkelt.

    Ich hatte leider nur 15 Minuten Zeit an diesem Ort ein paar Bilder zu machen. Zeit ist wirklich einer der größten Punkte, der gute Bilder ausmacht.

    Nochmals vielen Dank für die Kritik
    Gruß
    -Horst

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