Farbtemperatur und Weißabgleich: Warm oder kalt?

Für uns schaut die Welt morgens, mittag und abends fast gleich aus. Für die Kamera dagegen nicht. Um die Fähigkeiten des menschlichen Auges nachzubilden, benötigt sie den Weißabgleich – doch der kann einem auch ein stimmungsvolles Sonnenuntergangs-Foto zunichte machen.

Sonnenuntergang im Pazifik
Dieser sich in Wolken und Meer spiegelnde Sonnenuntergang in den Tropen konnte nur mit einem auf Tageslicht fixierten Weißabgleich in seiner einzigartigen Lichtstimmung festgehalten werden. (Bild: W.D.Roth)

Unser Auge und die Bildbearbeitung in unserem Kopf stellen sich auf die Umgebungsbedingungen automatisch ein. Wenn wir von einem hellen in einen dunklen Raum kommen, sehen wir zwar im ersten Moment sehr wenig, doch nach einigen Minuten sieht die Welt wieder ganz normal aus.
Ähnlich ist es mit der Lichtfarbe, also der Verteilung bzw. Intensität der einzelnen Farben im Spektrum: In der Dämmerung tendiert sie sehr ins Bläuliche, deshalb wird auch von der „blauen Stunde“ gesprochen; wenn die Sonne aufgeht, wandelt sich die Lichtfarbe ins genaue Gegenteil, ins Rötliche.

Am Vormittag verschiebt sie sich eher ins Gelbliche, dann ins Weiße. Gegen Mittag ist das Licht relativ kühl, fast schon wieder bläulich. Am Nachmittag wird das Licht wieder gelblicher, bei Sonnenuntergang rötlich und in der Dämmerung wieder blau. Schaltet man am Abend schließlich die Leselampe an, ist diese noch weit rötlicher als der Sonnenuntergang.

Im Allgemeinen werden blaue Farbtöne als kalt, rote und gelbe Farbtöne als warm empfunden. Die Profis sprechen ebenfalls von einer Farbtemperatur, allerdings sind hier die blauen Farbtöne „heißer“ als die roten. Dies ist ein physikalischer Grundsatz: Je heißer ein glühender Körper ist, desto mehr ins Blaue verschiebt sich sein Spektrum.

Man kann das an einer Glühlampe sehen, die über einen Dimmer angeschlossen ist: Bei voller Lichtstärke ist ihr Licht längst nicht so gelblich oder gar rötlich wie im heruntergedimmten Zustand.

Die Farbtemperatur, die in Kelvin (K) angegeben wird, ist also die Temperatur, die ein Gegenstand haben müsste, um mit genau dieser Lichtfarbe zu glühen. Sonnenlicht am Tag erreicht dabei 5.300 K, bei Bewölkung steigt die Farbtemperatur auf 6.000 K.

Im Schatten, wenn nur die bläuliche Reflexion des Himmels auf die Szene fällt, liegt sie bei 7.000 K, und in der Dämmerung steigt sie auf 10.000 K. Bei Sonnenuntergang sinkt die Farbtemperatur dagegen auf 4.500 K, und eine Glühlampe schafft nur 2.700 bis 3.000 K, ist also von jeder Art von Tageslicht weit entfernt.

Kaltes Licht ist heiß

Blitzlicht entspricht Tageslicht, Leuchtstofflampen haben dagegen eigentlich gar keine Farbtemperatur, weil ihr Licht nicht durch einen glühenden Körper erzeugt wird, sondern durch Leuchtstoffe. Ihr Spektrum ist deshalb nicht kontinuierlich, was mitunter zu schlechter Farbdarstellung führt. Im Gegensatz zum Film kann der Weißabgleich einer Digitalkamera sich allerdings zumindest näherungsweise auf das Licht einer Leuchtstofflampe einstellen. Tageslichtröhren liegen dabei bei 6.500 K, sogenannte neutralweiße Röhren bei 5.000 K und die handelsüblichen Energiesparlampen bei 2.700 K, dem funzlig-rötlichen Licht der Glühlampe.

Abgesehen von dem relativ plötzlichen Übergang zwischen Sonnenauf- und -untergang sowie der Dämmerung nehmen wir diese Farbwechsel nicht bewusst wahr – Tageslicht ist Tageslicht. Eine Kamera gibt dagegen genau das wieder, was sie aufnimmt. Ist ein analoges Modell mit Tageslichtfilm gefüllt, erscheint alles, was draußen aufgenommen wurde, halbwegs normal – die Aufnahmen bei Glühlampenlicht werden dagegen extrem gelbstichig. Unsere Augen und unser Gehirn regeln diese Verfärbung normalerweise weg, die Kamera kann das nicht. Eine entsprechender Blaufilter oder ein Kunstlichtfilm ist erforderlich.

Weissabgleich 5300K
Telelandschaftsaufnahme 163 mm am ZUIKO DIGITAL ED 50-200 mm 1:2,8-3,5, Blende 6,3, 1/250 s, Weißabgleich 5.300 K. (Bild: W.D.Roth)

Weißabgleich 2000K
Identische Daten, aber Weißabgleich auf 2.000 K. (Bild: W.D.Roth)

Weissabgleich 14000K
Identische Daten, aber Weißabgleich auf 14.000 K. (Bild: W.D.Roth)

Digitalkameras tun sich hier etwas leichter: Wie der Mensch öffnen sie zunächst einmal neugierig die Augen, sehen sich um und gehen davon aus, dass das, was sie sehen, im Durchschnitt eine neutrale, weiße Beleuchtung zu ergeben hat. Im Gegensatz zum Film legen sie also bei jedem Einschalten den Weißwert neu fest, man spricht vom automatischen Weißabgleich.

Weißabgleich – neutral oder romantisch?

Die Ergebnisse sind meist durchaus brauchbar, doch gibt es auch Situationen, in denen die Kamera aus der Lichtsituation die falschen Schlüsse zieht. Ein typisches Beispiel ist der romantische Sonnenuntergang am Meer, den ein automatischer Weißabgleich gnadenlos neutralisiert. Die Sonne versinkt zwar immer noch vor Capri im Meer, doch nicht mehr tiefrot, sondern eher blassrosa.

Ein Klassiker, bei dem der Weißabgleich häufig danebengeht, ist ein Wechsel der Lichtsituation. Man schaltet die Kamera schon vor der Tür bei Tageslicht ein und macht dann die Aufnahmen innen im Glühlampenlicht. Schließlich können auch noch intensive Farben im Motiv den Weißabgleich durcheinanderbringen.

Daher bietet jede bessere Digitalkamera die Möglichkeit, einen manuellen Weißabgleich durchzuführen oder feste Werte einzustellen. Die Olympus E-520 etwa hat neben dem automatischen Weißabgleich auch noch feste Werte für Sonnenschein, Schatten, bewölkten Himmel, Glühlampenlicht sowie für drei Sorten von Leuchtstofflampen. Zusätzlich gibt es noch eine Einstellung für Blitzgeräte.

Hinzu kommen die Möglichkeit, die Farbtemperatur von 2.000 bis 14.000 K manuell festzulegen, und der manuelle Weißabgleich. Dieser wird im Gegensatz zum automatischen Weißabgleich nicht automatisch beim Einschalten der Kamera ausgeführt, sondern erst beim Auslösen einer gezielt dazu bestimmten Aufnahme, für die am besten eine graue Pappe mit 18 % Reflexion vor die Kamera gehalten wird.

Eine weiße Pappe tut es natürlich ebenso, da es hierbei nicht um eine Belichtungsmessung geht, sie muss allerdings neutralweiß sein. Oft enthält weißes Papier sogenannte optische Aufheller, die aus UV-Licht mittels Fluoreszenz Blau erzeugen und auf diese Art den Weißabgleich verfälschen würden. Hält man also diese graue oder neutralweiße Pappe vor die Kamera, wird der dadurch ermittelte Weißabgleich in dieser Betriebsart gespeichert.

Zugspitzbahn Weißabgleich Glühlampe
Die Talstation der Zugspitzbahn, aufgenommen mit einem Weißabgleich für Glühlampenlicht, wirkt wie eine kalte Wintermorgendämmerung: Nur die im Gebäude sichtbaren Glühlampen sind neutralweiß geraten, alles andere hat einen massiven Blaustich. (Bild: W.D.Roth)

Zugspitzstation Weißabgleich Tageslicht
Mit Tageslicht-Weißabgleich werden zwar die Glühlampen im Gebäude gelblich, dafür erscheint nun alles außerhalb des Gebäudes natürlich und in differenzierten Farben. (Bild:W.D.Roth)

Bei der erwähnten Olympus E-520 drückt und hält man dazu vor dem Auslösen die linke Cursor-Taste , die allerdings zuvor auch noch über das Kameramenü von der Herstellereinstellung „Abblenden“ auf das Speichern des Weißabgleichs umprogrammiert werden muss. Das verkompliziert die Angelegenheit leider etwas.

Fotografiert man im RAW-Format, kann der Weißabgleich im Computer jederzeit neu bestimmt werden. Es wird zwar in der Datei hinterlegt, welche Farbtemperatur die Kamera bei der Aufnahme bestimmt hatte, um dem Benutzer das Erraten der Lichtsituation zu ersparen, doch kann die dann tatsächlich zur Erzeugung des Bildes verwendete Farbtemperatur nach eigenem Geschmack frei gewählt werden. Dies ist oft sehr nützlich, wenn ein Bild verschiedene Lichtquellen enthält und man später feststellt, dass man den Weißabgleich lieber auf einen anderen Teil des Bildes gelegt hätte, wie im Beispiel des Fotos der Seilbahntalstation.

Dies ist eine Leseprobe aus dem demnächst im Franzis-Verlag erscheinenden „Profibuch Olympus E-520“ von fokussiert.com-Autor Wolf-Dieter Roth, das neben Tipps speziell zur E-520 von Olympus auch etliche allgemeine Informationen und Anleitungen zur Digitalfotografie enthält.

1 Antwort

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] public links >> farbtemperatur Farbtemperatur und Weißabgleich: Warm oder kalt? Saved by Dulce on Sun 26-10-2008 iiyama: Neuer 22-Zoll Widescreen mit Spezial Feature OptiColour […]

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.