Nächtliches Kraftwerk: Raum zum Atmen

Den Rahmen zu füllen kann eine gute Sache sein, aber wir sollten nicht vergessen, unserem Blick ausreichend Raum zu lassen, um im Bild umher wandern zu können und den Objekten, die wir abbilden Platz zum Atmen zu geben.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Reinhold Jakobs)

Kommentar des Fotografen:

Nächtliche Eindrücke aus dem Tagebau Garzweiler. Es ist die Kirche von Gustorf, die das Braunkohlektraftwerk Frimmersdorf überstrahlt. Hier treffen zwei Energien aufeinander und komponieren eine heftige Symbolik.

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von Reinhold Jakobs:

Ein Foto, das sofort Aufsehen erregt. Dies ist ein wunderbarer Kontrast zwischen neu und alt, Farbe und Einfarbigkeit und geistlich und wissenschaftlich.

Was als erstes unser Augenmerk auf sich zieht, ist die gelbe Kirche:

Sie steckt in einem Meer von Schwarz im Vordergrund, mit ein paar Kraftwerktürmen und Gebäuden im Hintergrund, die aus der Dunkelheit empor steigen.

Dies, sowie der gespenstische Rauch, der aus den Schornsteinen aufsteigt, ist es, was das Foto für mich so visuell ansprechend macht.

Die gelbe Kirche bricht neben ein paar roten Punkten die ansonsten fast monochrome Szene auf und wirkt dadurch auf dramatische Weise ästhetisch.

Was die Komposition angeht, gefällt mir, dass die Kirche nicht ganz in der Bildmitte ist, und wie die „L“-Form des Kirchturms und des Dachs unseren Blick zurück zu den Schornsteinen und dem Kraftwerk führt.

Aber dieses Foto ist nicht nur wegen seiner visuellen und ästhetischen Elemente interessant. Wie das Kraftwerk drohend über der Kirche aufragt und in sie einzugreifen scheint, ist eine interessante Botschaft, die auf viele Arten interpretiert werden kann.

Ich glaube, die einzige große Veränderung, die ich hier vorschlagen würde, wäre, einen weiteren Bildauschnitt zu nutzen und die Komposition ein bisschen höher anzusetzen. Ein weiterer Winkel würde dem Bild ein wenig mehr Kontext in Relation zur Umgebung verleihen. Und indem die Komposition nach unten gerückt wird, hätte der längste Schornstein mehr Raum zwischen sich und der Bildkante, und außerdem würde die Schwärze im Vordergrund etwas behoben.

Technisch gesehen müssen wir feststellen, dass die Kirche perfekt belichtet ist, während ein Großteil des Bildes allgemein als „unterbelichtet“ bezeichnet würde. Aber diese Unterbelichtung ist eines der Dinge, die dieses Bild so dramatisch machen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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