Lichtschrift:
Idee vs. Ästhetik

Konzeptbilder benötigen nicht unbedingt fotografische Ästhetik, um eine Aussage herüberzubringen. Bisweilen fasziniert die Idee allein – sogar dann, wenn sie nicht neu ist.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© M David).

Kommentar des Fotografen:

Kurz nach dem Auspacken meiner neuen G9 – sogenannte „Lichttags“ mache ich oft an berühmten Plätzen (nicht in diesem Fall): Kleine Zeichen oder Unterschriften, die nur der Kamera und dessen Betrachter verständlich sind – der Zuschauer wundert sich höchstens kurz über eine oder mehrere Personen, die mit Taschenlampen unsichtbare Zeichen ziehen. Kleine Verwirrungen im Alltag versüßen jedem den Nachhauseweg vom Alltag und dessen Tristesse.

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von M David:

Die meisten Fotos, die bei Fokussiert zum Rezensieren eingereicht werden, würden sehr von ein paar kleinen Veränderungen profitieren.

Kompositorische Verfeinerungen, eine vorteilhaftere Belichtungszeit, ein passenderer Hintergrund, oder das Weglassen unnötiger Elemente sind die Dinge, die ich meistens für verbesserungswürdig halte.

Während viele davon in der Realität objektiv sind, werden einige dieser grundlegenden kompositorischen und technischen Verbesserungen zu stärkeren Bildaussagen führen, wenn sie regelmäßig und auf die richtige Weise angewendet werden.

In diesem Bild hier kann ich, was die Komposition, die Beleuchtung und andere solche Grundelemente betrifft, viele Kommentare abgeben.

Aber ich möchte hier nicht darauf eingehen, wie dieses Bild ästhetischer oder visuell stärker gemacht werden könnte, sondern dass diese Aspekte für diese Art Fotos von geringerer Bedeutung sind.

In diesem Fall ist es das Ziel, das zweidimensionale Medium der Fotografie zu nutzen, um auf kreative Art ein Konzept oder eine Idee umzusetzen, und nicht ein ästhetisch ansprechendes oder kompositorisch ausgewogenes Foto zu schaffen. Die Schrift im Raum gibt dem flachen Bild nicht nur eine dritte, sondern auch eine vierte Dimension: Zur Räumlichkeit gesellt sich die Zeit. Der Schriftzug ist ein zeitlinieares Gebilde, das überhaupt erst durch die Kompression der Kamera – sie fasst hier 15 Sekunden der Zeit in einen einzigen Augenblick zusammen – sichtbar wird.

Meiner Meinung nach ist dieses Foto wegen der Fragen interessant, zu der es uns führt: Wofür stehen die Buchstaben? Was verbirgt sich hinter dem Gesichtsausdruck des Mannes? Was will es ausdrücken?

Optisch ist es nichts besonderes, aber auch nicht unansprechend. Das Setting, erinnernd an ein Filmset der 50er oder 60er Jahre, ist auch recht mehrdeutig und für Interpretationen offen. Der scheinbare Fokus auf der Schrift – die Person dahinter wird nicht durch Schärfentiefe, sondern durch die Bewegung unscharf – verstärkt den Eindruck der Räumlichkeit.

Nehmen wir uns die Zeit und machen wir uns die Mühe, können wir hier unseren eigenen Schluss ziehen, abhängig von unseren persönlichen und kulturellen Erfahrungen.

Obwohl dieses Foto also vielleicht keinen Wettbewerb gewinnen oder in einem Kalender erscheinen wird, machen es sein Inhalt und seine Mehrdeutigkeit interessant.

Nicht nur ie Umsetzung eines Konzepts, sondern überhaupt die Wirkung einer Idee sollte man auch beim Fotografieren des nächsten Sonnenuntergangs in Erwägung ziehen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. Zippo says:

    Ich finde ein Foto gelungen, wenn ich es nicht schon nach 10 Sekunden vergessen habe. Und dieses Foto ist absolut gelungen. Kompositorische Feinheiten, Belichtungszeiten und Hintergründe sind meines Erachtens vollkommen bedeutungslos, wenn das Motiv oder die Bildidee uninteressant ist.

    Daher mein Aufruf an alle: Fotografiert bitte was Interessantes! :-)
    Danke!

    Viele Grüße von Zippo!

    Antworten

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