Edgar Lissel:
Bakterien schaffen Bilder

Der Fotokünstler Edgar Lissel arbeitet weder digital noch chemisch-analog, sondern biologisch. Er setzt lichtsensible Bakterien zur Produktion seiner Bilder ein und beschreitet sozusagen einen „dritten Weg“.

Edgar Lissel – aus: Myself

Das Bild oben entstand zum Beispiel dadurch, dass Edgar Lissel seine Hände in eine Agar-Nährlösung tauchte. Die damit übertragenen körpereigenen Bakterien wachsen so nach einigen Tagen den abgedrückten Konturen nach. Lissels Bilder sind derzeit in der Wiener Galerie Raum mit Licht zu sehen: Sphaera Incognita.

Lissel arbeitet seit fast zehn Jahren mit lichtsensiblen Bakterien. Diese Cyanobakterien züchtet er in einem aufwändigen Verfahren. Sie haben fototaktische Fähigkeiten, das heißt, sie bewegen sich zum Licht. So wird Licht auf biologische Weise zum Bild. Für die Bilder aus der Serie „Myself“ nutzte Edgar Lissel die Bakterienkulturen seiner eigenen Hautflora und überlässt den Selbstabdruck so der lebendigen Natur.

Edgar Lissel – aus: Bakterium

Über das (dreiteilige) Bild mit dem Fisch schreibt Edgar Lissel auf seiner Website:

Die Bakterienkulturen, in runden Petrischalen gezüchtet und zu einer Agar-Emulsion gegossen, werden im Kontakt mit den Bildobjekten (Fisch, Apfel, Fliegen und Blatt) dem Licht ausgesetzt. Wie bei Fotogrammen lassen die Objekte nur das Licht auf die Bakterien fallen, das nicht von ihnen selbst zurückgehalten wird. Dorthin wandern die Bakterien und siedeln sich an. So wird die Silhouette der Bildobjekte an den hellen Stellen in der Petrischale von den Bakterien bewachsen. Die Bildobjekte sind der eigenen Vergänglichkeit unterworfen. Während des langen Prozesses der Bildentstehung von mehreren Tagen verändert sich das Objekt. Der Verfall des Originals steht der Entstehung des Bildes gegenüber.

In Wien zeigt Lissel neben diesen Bakterien-Bildern auch eine aktuelle Videoinstallation – das fotografische Bild wird hier zum bewegten. Es geht um Erinnerung, Mnemosyne genannt, nach der griechischen Göttin der Erinnerung:

Das Bild der Außenwelt fällt durch eine Linse in einen begehbaren dunklen Raum und aktiviert eine mit fluoreszierenden Farbpigmenten behandelte Leinwand. Wird der Lichteinfall nach einigen Minuten unterbrochen, flimmert das fluoreszierende Abbild – ähnlich einer Erinnerung – in den dunklen Raum zurück.

Über viele Jahre hat sich Edgar Lissel in verschiedenen Projekten auch mit dem Prinzip der Lochkamera befasst. So beschreibt seine Arbeit „Gotteshäuser“ die Reise mit einem zur Lochkamera umgebauten Lastwagen durch Deutschland. Lissel hat auch ganze Wohnräume mitsamt Mobiliar und den Gegenständen des privaten Lebens zur begehbaren Lochkameras umgebaut. Der Raum wird verdunkelt und durch ein Loch im Fenster dringt Licht auf das fotografische Material. Alle diese Projekte können wir uns auf Edgar Lissels Website betrachten. Texte erzählen von Lissels Denk- und Arbeitsweise.

Edgar Lissel, Jahrgang 1965, wurde in Northeim geboren und lebte viele Jahre in Hamburg. Seit 2005 ist er künstlerischer Mitarbeiter am Institut für Bildende und Mediale Kunst an der Universität für angewandte Kunst Wien.

Edgar Lissel – Sphaera Incognita

Bis 23. Oktober Galerie Raum mit Licht, Kaiserstraße 32, A-1070 Wien
+43 (1) 524 04 94, galerie@raum-mit-licht.at
Geöffnet Mittwoch bis Freitag 14 – 19 Uhr, Samstag 11 – 14 Uhr

Galerie Raum mit Licht
Edgar Lissel

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