„gute aussichten“: Talentschau 2008/2009

Die neun Gewinner der Nachwuchsförderprojekts „gute aussichten 2008/2009“ stehen fest. Einen ersten Preview gibt es an der Frankfurter Buchmesse ab dem 15. Oktober.

Katrin Trautner – aus: Morgenliebe

Noch nie hat es zu „gute aussichten – junge deutsche fotografie“ so viele Einsendungen gegeben wie 2008, teilen die Veranstalter mit. Die Juroren mussten unter 103 eingereichten Arbeiten von 39 deutschen Hochschulen, Akademien und Universitäten auswählen. Und dies, obwohl jede Schule maximal fünf Arbeiten in den Wettbewerb schicken kann.

Die Auswahl „gute aussichten – junge deutsche fotografie 2008/2009“ umfasst genau 174 einzelne Motive, neun Tondokumente, acht Postkarten, zwei Bücher, einen Postkartenständer und eine Seekarte. Die Initiatorin Josefine Raab sagt über die diesjährigen Arbeiten:

„Die bereits im vergangenen Jahr sich abzeichnenden thematischen Verlagerungen setzten sich im aktuellen Jahrgang fort. Während sich weiterhin etliche Arbeiten mit gesellschaftspolitischen und nun auch grünen Themen auseinandersetzen, spielen, analog zu anderen Medien wie Malerei und Film, die Inszenierungen und Vermischungen von Realität und Fiktion als stilistische Mittel eine starke Rolle. Die kritische Auseinandersetzung mit medientheoretischen Fragen ist für die jungen Talente genauso wichtig, wie die Erkundung und Auslotung des Mediums Fotografie an und für sich.“

„gute aussichten“ stellt die neun Gewinner in kurzen Poträts vor:

Laura Bielau – aus: Color Lab GirlsDen Blick auf ihre „fotografische Wunderkammer“ gerichtet, unternimmt Laura Bielau in „Color Lab Club“ (Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig) in spielerischen wie humoristischen Bildern Streifzüge quer durch die Geschichte der Fotografie. Die fototechnischen Experimente (welche als Erfindung der Fotografie gelten können) des Franzosen Joseph Nicéphore Niepce (1765-1833) werden ebenso munter zitiert wie surrealistische Bildschöpfungen Man Rays (1890-1976). In „Labgirls“ bittet die Fotografin professionelle Stripperinnen im roten Licht der Dunkelkammer zur erotischen Selbstdarstellung. Das Ergebnis ist ein visueller Parcours rund um Dunkelheit und Darkroom, welcher das Geheimnis der „dunklen Kammer“ zelebriert.

Markus Georg – aus: Die Macht der BilderMarkus Georg praktiziert in „Die Macht der Bilder“ (Hochschule für Gestaltung Offenbach) eine andere Form der Inszenierung: Hier mutiert eine fein säuberlich in Reih und Glied aufgestellte Anzahl von Möbelpackern mit Umzugskartons zu einem visuellen Abdruck des Brandenburger Tors. Oder ein hoch aufgereckter Mann mit aufgefaltetem Stativ wandelt sich zum Pariser Eiffelturm. Was als visuelle Verkleidung im Postkartenformat daher kommt, ist die Anrufung eben jener wirkungsvollen „Macht der Bilder“, die aus Wäschestücken Assoziationen an Stonehenge zu zaubern vermag. Im drehbaren Postkartenständer stehen anschliessend unsere kollektiv gelernten Bildklischees zur Mitnahme bereit.

Maziar Moradi bedient sich in seiner Arbeit mit dem für den Iran geschichtsträchtigen Titel „1979“ (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg) ebenfalls einer Inszenierung: Mit Mitgliedern seiner Familie, welche die Machtübernahme 1979 durch Ayatollah Khomeini und der iranisch-irakische Krieg aus ihrem bisherigen Leben herausriss und so manchen in die Emigration zwang, spielt er in symbolreichen Bildern exemplarisch ihre durch Kummer, Angst und Verlust gekennzeichneten Schicksale nach.

Reza Nadji – aus: TehranReza Nadjis Arbeit „Tehran“ (Fachhochschule Dortmund) ist eine fotografische Erforschung der am Fusse des Elburs-Gebirges gelegenen Hauptstadt des Iran. In der urbanen Vielfalt architektonischer Erscheinungsformen blitzt immer wieder das Spannungsfeld einer an westlichen Vorstellungen sich orientierenden Gesellschaft und einer unberechenbaren theokratischen Staatsführung hervor. So zeigt Reza Nadji anhand äusserer Gegebenheiten den inneren Zustand einer Gesellschaft auf, die in ihrer jüngsten Geschichte von grossen politischen Umwälzungen betroffen war.Florian Rexroth – aus: Bäume in der Stadt

Florian Rexroth erkundet in „Bäume der Stadt“ (Lette-Verein Berlin) die Begrünung im heimischen städtischen Raum. Bäume, die in der urbanen Landschaft zumindest ein Minimum an kultivierter Natur repräsentieren, werden zu Protagonisten einer Portraitserie. Das städtische Umfeld, durch Verhüllung mit weissen Tüchern weitestgehend unsichtbar, tritt nahezu vollständig zurück. Dergestalt vereinzelt und isoliert verwandeln sich die Gewächse zu Individuen und werden als solche sichtbar gemacht.

Heiko Schäfer legt in „Maritime Incidents“ (Lette-Verein Berlin) sein Augenmerk auf jene Menschen, die alljährlich aus vielen Teilen Afrikas kommen und unter den gefährlichsten Bedingungen versuchen, europäisches Festland zu erreichen. Fotografien authentischer Flüchtlingsboote, unter schwierigen Umständen entstanden, sind mit offiziellen Informationstexten und einer Seekarte kombiniert, anhand derer die Routen und das Schicksal der betroffenen Boote verfolgt werden können.

Juergen Staacks Arbeit „Transcription-Image“ (Kunstakademie Düsseldorf) basiert auf einem ganzen Bündel bildtheoretischer Fragestellungen über die Entstehung und Wirkungsweise von Bildern. Analog einer wissenschaftlichen Versuchsreihe werden Menschen gebeten, ein bestimmtes Motiv in ihrer nativen Sprache zu beschreiben. Anschliessend schwärzen sie das Original des Künstlers. So entsteht ein neues Werk, welches das vorangegangene fotografische Bild als audiovisuelles Zeichensystem in sich birgt. Die Tondokumente werden anschliessend wieder in visuelle Zeichen transkribiert, woraus ein abstraktes Bild entsteht.

Sarah Strassmann erkundet in ihren grossformatigen Tableaus mit dem Werktitel „The Void _ Nothing but Space“ (Fachhochschule Bielefeld) die Darstellbarkeit von Leere. Der physikalische Raum tritt in seiner Materialität vollständig zurück. Stattdessen übernehmen Licht- und Stimmungsqualitäten eine Raumgestaltung, die an persönliche Erinnerungen der Bildautorin geknüpft sind. Auf diese Weise entsteht ein bildhaft anschaulicher Denkraum, der über das Abgebildete hinaus in das Reich der Imagination weist.

Katrin Trautner widmet sich in ihrer Serie „Morgenliebe“ (Fachhochschule Bielefeld) dem Thema Sexualität im Alter. Sie greift damit das in Politik und Gesellschaft viel diskutierte Phänomen einer zunehmend alternden Gesellschaft auf, dessen Auswirkungen auf nahezu allen Ebenen Gegenstand öffentlicher Debatten sind. Trotz des aufgeklärten Zustandes westlicher Gesellschaften galt bislang die fotografisch-dokumentarische Erforschung erotischer Begegnungen alternder Menschen weitestgehend als Tabu. So richtet sich Katrin Trautners Augenmerk auf „die Abbildung einer gelebten Normalität“, die sich in der öffentlichen Wahrnehmung augenscheinlich erst noch als selbstverständlich etablieren muss.

Am Stand von „gute aussichten“ bei der Frankfurter Buchmesse (Halle 5.0, C 977) werden neben aktuellen Gewinnern auch Preisträger der bisherigen vier Jahrgänge zu sehen sein. Die ersten Ausstellungen für die jungen Talente des Wettbewerbs 2008/2009 sind bereits terminiert. Los geht’s am 22. Januar 2009 in Hamburg im Haus der Photographie. Weitere Stationen und aktuelle Hinweise finden sich auf der Website von „gute aussichten“ – es ist wohl noch einiges im Fluss.

gute aussichten

1 Antwort

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.