Morgenschwimmer: Ruhe ohne Pol

Landschafts- oder Szenenfotografie? Es zahlt sich nicht immer aus, eigentlich unerwünschte Elemente ins Bild einzubeziehen: Dabei geht der Fokus der Bildgestaltung schnell verloren.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Franziska Zuber).

Kommentar des Fotografen:

Älteres Paar, das ich am frühen Morgen beim Schwimmen „erwischt“ habe. Das Foto ist im Oktober an der Ostsee entstanden.

Profi Peter Sennhauser meint zum Bild von Franziska Zuber:

Zwei ältere Schwimmer am frühen Morgen also. Ja, wenn man genau hinguckt, erkennt man zwei Personen im Wasser. Ich wette allerdings darauf, dass das nicht das war, was Du Dir ursprünglich zu fotografieren vorgenommen hattest:

Wahrscheinlich bist Du vielmehr am frühen Morgen losgezogen, um das goldene Licht und die Ruhe und die Menschenleere auszunutzen. Dann hast Du Dein Auge nach einem Motiv mit Tiefe schweifen lassen, und dabei zufällig die beiden Herrschaften am Strand entdeckt.

Das ist schade. Denn so, wie Du sie hier abgelichtet hast – aus anständiger Distanz, ohne sie zu stören – geben sie denkbar wenig her. Um mich als Betrachter wirklich zu interessieren, meinem Voyeurismus freien Lauf zu lassen und wildfremde Menschen mustern zu können, sind sie schlicht und einfach zu weit weg.

Zugleich aber fallen sie genügend auf, um den Rest des Bildes, der einen Sonnenaufgang mit unglaublichem Licht auf dem Wasser (und einer grünen Reflexion mitten im Bild) zeigt, nachhaltig zu stören: Einerseits möchte ich, dass die beiden Menschen im Wasser eine Rolle in diesem Bild spielen, das ansonsten rein impressionistisch wirkt – denn ich bin, wie wohl die meisten Betrachter, ständig auf der Suche nach einer Geschichte. Auf der andern Seite bin ich sogleich enttäuscht wenn ich erkenne, dass die beiden nichts hergeben, nichts über sich verraten, noch nicht einmal ihr Alter kann ich schätzen – sie sind einfach zu weit weg.

Das Problem des Bildes ist meiner Ansicht nach seine Unentschlossenheit. Du hast Dich nicht gefragt, was Dein Motiv eigentlich sein soll oder sein wird an diesem Morgen – was unter vielen Umständen eine löbliche Haltung ist, denn mit zu vielen Vorsätzen vermasselt man sich nur zu schnell die Bilder, die auf der Strasse „herumliegen“. Aber umgekehrt kann man sich ein schönes Bild vermasseln, wenn man zu viel reinzupacken versucht und sich nicht auf einen Aspekt konzentriert. Hier hätte die Frage wohl gelautet: Wird dies ein Bild des Morgengrauens über dem Wasser? Dann hätten sich die Schwimmer vielleicht irgendie einbauen lassen, aber ich tendiere bei solchen Gelegenheiten dazu, mich auf mein Hauptmotiv zu konzentrieren und mich nicht von den Aktionen eines „Nebenmotivs“ ablenken zu lassen: Meine Erfahrung und mein Arbeitstempo reichen einfach nicht aus, um zwei Bildtypen zu kombinieren.

Oder wird es ein Bild frühmorgendlicher Schwimmer? Spätestens als Du das Paar gesehen hast, hättest Du Dir diese Frage stellen müssen. Und wenn es um die Schwimmer gegangen wäre, wärst Du nicht umhin gekommen, hinunter zu steigen und möglichst schnell dem Strand entlang näher zu den beiden hinzugehen. Zum einen hättest Du die beiden dann zum Hauptthema des Bildes machen können und die Landschaft als Rahmen nutzen. Oder aber Du hättest sie gleich angesprochen und versucht, etwas reportagehaftes hinzukriegen, vielleicht hättest Du auch am Einstiegspunkt auf die Rückkehr warten und sehen können, was sich damit anstellen lässt.

Zumindest als Fingerübung für Menschenfotografie und Reportage benutze ich diese Gelegenheiten, sobald ich mit jemandem ins Gespräch gekommen bin. Nachdem man ein paar Sätze gewechselt, sich vorgestellt und ein bisschen über die Kamera geplaudert hat, wird es sehr einfach, die Unbekannten darum zu bitten, Modell zu stehen (ohne wirklich Modell zu stehen).

An Deinem Bild gefallen mir die Lichtstimmung (und die Belichtung), die Komposition mit Sonne und Wolkenbild. Der linke Vordergrund allerdings ist etwas zufällig und birgt nichts, was Tiefe verleiht, und die Schwimmer sind zwar da, aber mir bieten sie als Motiv nicht genug, lenken aber vom impressionistischen Ganzen des Bildes ab.

 

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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