Ruine: Zu gewöhnliche Leere

Gänge ins Unbekannte und eine interessante Gebäudestruktur lassen uns mehr erwarten, als ein reines Situationsbild leisten kann.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Bodo Viebahn).

Kommentar des Fotografen:

Die Aufnahme machte ich in der Ruine des Frauensanatoriums der Belitzer Heilstätten. In all dem Verfall und der düsteren Atmosphäre reizte mich die Anziehungskraft des Lichts in dem verfallenen Treppenaufgang, wie die Hoffnung auf einen Ausweg.

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von Bodo Viebahn:

Was haben alte Gebäude an sich, dass sie so viele von uns zum Fotografieren animieren? Selbstverständlich haben sie dieses Unbekannte, dieses mysteriöse Flair. Wir sehen sie an und fragen uns, wie es passiert ist, dass sie in so schlechtem Zustand geraten sind, wer darin gelebt oder gearbeitet hat und wer die Arbeiter waren, die jeden Ziegelstein an Ort und Stelle gebracht haben.

Ganz allgemein reichen aber ein paar marode Mauern, Gewölbe und eine Treppe nicht aus, um ein interessantes Foto hervorzubringen. Es sei denn, ein kreativer Fotograf findet einen Weg, daraus ein außergewöhnliches Foto zu machen.

Wie so oft bei Amateurfotografie wurde bei diesem Foto viel zu wenig in diese Richtung unternommen.

Vielen professionellen Fotografen hätte diese Szene auch gefallen, aber sie hätten gewusst, dass bei einem einfachen Schnappschuss ein langweiliges Foto entstanden wäre. Du hättest hier zum Beispiel durch die Benutzung von künstlichem Licht kreativ werden können. Ein effektiver Trick ist es, eine lange Belichtungszeit zu wählen und dann entweder mit einem Scheinwerfer oder mit einem in der Hand gehaltenen Blitz ausgewählte Stellen der Szene zu beleuchten.

BEarbeitet von Douglas Abuelo

Wie du in dem Beispiel sehen kannst, macht es manchmal schon einen gewaltigen Unterschied, wenn man die digitale Dunkelkammer benutzt, um die Farben satter zu machen.

Interessant ist, dass du eine Idee im Kopf hattest, was dieses Foto repräsentieren soll: die Hoffnung auf einen Ausweg, wobei du wahrscheinlich einen spirituellen Ausweg meinst. Falls das tatsächlich der Fall ist, wäre entweder goldenes Abendlicht oder interessantes künstliches Licht perfekt gewesen, dem Betrachter deine Interpretation zu vermitteln.

Obwohl du den Rahmen für die Szene sehr gut gewählt hast, müsstest du noch etwas hinzufügen – oder dich mit einem gewöhnlichen Foto zufrieden geben.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Kommentare
  1. Bodo Viebahn sagte:

    Hallo Herr Abuelo, hallo Herr Czapski,
    erstmal herzlichen Dank für die Kritik und die Auseinandersetzung mit meinem Bild. Ich bin dadurch angeregt, noch etwas sorgsamer an die Vorbereitung eines Bildes heranzugehen. Bei einem späteren Streifzug hatte ich auch schon eine Taschenlampe dabei und finde die Idee anregend, mit zusätzlichem Licht zu experimentieren. In der Bildbearbeitung habe ich die Farbsättigung im Umfeld der Treppe bewusst zurückgenommen, weil es für mich der erlebten Tristesse näher kam. Mit dem Ausschnitt habe ich wohl zu wenig experimentiert. Mir war der Durchblick durch den linke Torbogen als Zitat für den hoffnungsloseren Weg wichtig. Ob das der Bildaussage dient ist tatsächlich fraglich. In solchen Lichtverhältnissen fotografiere ich gerne mit 1-2 Stufen Unterbelichtung, um ausgefressen Lichter zu vermeiden. Die Idee, dabei mit langen Belichtungszeiten zu arbeiten, um zusätzliche Effekte zu nutzen (wie z.B. Licht), ist eine reizvolle Anregung.
    Ich freue mich jedenfalls sehr über die Entdeckung von FOKUSSIERT.COM als weitere Möglichkeit für mein fotografisches Lernen.
    Gruß
    Bodo Viebahn

    Antworten
  2. J.T. Czapski sagte:

    Hallo Herr Viebahn, hallo Herr Abuelo,
    ich finde es schon recht erstaunlich, wie unterschiedlich solch eine Bildkritik doch ausfallen könnte. Es soll keine Kritik an der Kritik sein, sondern lediglich eine andere – meine eigene Sichtweise auf das Bild.

    Solch Aufnahmen sind wirklich nicht ganz einfach. Diese Motive gehören oftmals genau zu denen wo man denkt „Wow das muss ich festhalten“, es sich dann aber im Nachhinein zeigt das man wenig vom Eindruck transportieren konnte. Umso mehr lohnt es sich, sich vor Ort lange über das Bild, seine Wirkung und seine Aussage Gedanken zu machen. Und abzuwägen welche Bildposition evtl. mehr Sinn machen könnte.

    Vielleicht hätte ich mir als Fotograf im Nachhinein die Frage gestellt, ob das Bild nicht interessanter geworden wäre wenn man den Bildausschnitt etwas enger und somit auf die wesentliche Grundidee des Bildes beschränkt hätte. Jeder Hobbyfotograf kennt das: Man möchte nun mal gerne viel vom Eindruck vor Ort widerspiegeln, deswegen traut man sich oft nicht einen engeren Ausschnitt zu wählen und somit auf Teile des Ortes zu verzichten.

    Ebenfalls stellt sich mir selbst die Frage, ob ein Standpunkt etwas weiter Links (aus Sicht des Fotografen) nicht geschickter gewesen wäre. Das lässt sich jedoch schlecht beantworten wenn man nicht da war. Mir würden jedoch in dem Bild bereits spontan zwei andere Standpunkte auffallen um die genannte Bildidee zu transportieren.

    Die Idee als solches, hier noch mit zusätzlichen Lichtquellen zu arbeiten ist sicherlich sehr löblich, aber nur für die wenigsten auch ausführbar. Wer nicht grad portable Möglichkeiten mit Strahlern hat, dem bliebe dann noch das Blitzen mit kleineren Helfern. Und läuft somit Gefahr das die Bilder ebenso auch wirken werden: „ver“blitzt.
    Eine längere Belichtung ist ebenfalls immer mit Vorsicht zu geniessen. Oftmals geht es auf Kosten der abblätternden Wandfarbe und der gesamten Wirkung. Und kleine Lichtreflexe, wie z.B. dem Spalt Links auf dem Bild brechen plötzlich enorm aus. Wenn man kann, versucht man solche Stellen zu vermeiden. Wer es mit schlechteren Kleinbildkameras probiert, wird aber schnell feststellen, dass einige Stellen plötzlich keine Zeichnung mehr haben und somit verloren gehen. Hier einen gesunden Mittelwert zu finden ist nicht wirklich einfach und deshalb auch umso Anspruchsvoller. Vielleicht hätte es ja sogar die Chance gegeben, mit einer anderen Uhrzeit und anderem Lichteinfall zu arbeiten.

    Doch das Bild einfach in seinen Farben und Kontrasten in einen überdurchschnittlich dramatischen Chinastyle zu ziehen, das kann ich in diesem Fall nur schwer verstehen. Es macht das Bild zu einem billigen Eyecatcher, den man mittlerweile im Internet massenweise zu sehen bekommt. Schon alleine, weil billigere Kameras und mangelnde Kenntnisse der Bildbearbeitungen das schon fast von selbst erledigen.
    Eventuell hätte ich mir sogar als Ziel gesetzt, hier ein sehr feines und wohl durchdachtes Schwarz-Weiß Foto zu machen. Letztendlich ist so etwas eine Frage des persönlichen Geschmacks und der Endwirkung die man erreichen will.

    Just my 2 Cents, ich hoffe mit meiner Kritik niemanden beleidigt zu haben.
    Gruß
    J.T. Czapski

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