Tropfenblatt: Flaches Makro

Makro- und andere Aufnahmen kleiner Dinge bringen die ungewohnte „Perspektive“ einer originellen Fotografie naturgemäss mit. Das heisst nicht, dass man nicht mit kompositorischen Mitteln noch mehr herausholen könnte.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© CorinneZS).

Kommentar der Fotografin:

Vor kurzem bei Regen im Wald aufgenommen mit Sony Cybershot DSC-P100, Kontrast etwas erhöht. Ich versuche weiterhin, Natur so zu fotografieren, dass der eigentliche Gegenstand in den Hintergrund tritt und etwas anderes sichtbar wird. Dazu benutze ich auch, wie hier, das Makro. Das kürzlich in der Bildkritik gezeigte Studiobildniss eines Mannes hat mich animiert, dieses ähnlich aus dem Schwarzen heraus tretende Bild hochzuladen. Leider erzählen meine Bilder noch immer keine Geschichten, aber vielleicht sind sie schon etwas geheimnisvoller? Für mich sieht das Blatt erstaunlich ledrig aus und die Wassertropfen unwirklich plastisch, das gefällt mir.

Peter Sennhauser meint zum Bild von CorinneZS:

Ein gelungenes und auch originelles Bild, das Deinem Anspruch, den eigentlichen Gegenstand in den Hintergrund treten zu lassen, zweifellos gerecht wird. Tautropfen auf einem Blatt haben wir zwar schon hundertfach gesehen – aber selten auf einem verdorrten Laubblatt:

Zusammen mit dem dunklen Hintergrund und dem Lichteinfall von links oben, der die Tropfen so plastisch werden lässt, entsteht ein zwar sofort erkennbares Bild, das uns aber allein schon wegen der Perligkeit der Tropfen festhält: Totes Laub hat nämlich diese Eigenschaft meistens verloren und ist ganz einfach nass und nicht von glänzenden Wasserperlen übersät.

Zusätzlich kommt Dir hier der Umstand entgegen, dass die Tropfen zwar verschieden gross sind, aber dennoch das ganze Blatt bedecken. Das unregelmässige Muster bannt den Blick, und danach beginnt eine Entdeckungsreise auf der Blattoberfläche bis hin zu den halb im Wasser, halb in der Luft liegenden Tannnadeln. Alles in allem finde ich das Motiv bemerkenswert und gut entdeckt.

Nicht ganz nachvollziehen kann ich, warum Du mit Makroaufnahmen eine Geschichte erzählen willst – das ist mir zu viel Anspruch. Immerhin entführst Du die Betrachter hier in eine andere Welt, die die wenigsten von uns so genau schon gesehen haben und wenn, sich nicht die Mühe zum genauen Hinsehen gemacht haben. Das halte ich für einen sehr reizenden Aspekt der Makrofotografie jenseits der vielen Fliegenaugen und Spinnenbeine, die im Web zum Thema „Makro“ zu finden sind. Zu viele Fotografen verlassen sich auf den inzwischen etwas abgenutzten Effekt der „grossen Insekten“.

In einem gewissen Sinne bist Du deshalb in einer beneidenswerten Situation, weil Du mit dieser Art der Makrofotografie ein Spezialfeld gefunden hast, das Du ausloten willst – was erklärtermassen das Ziel eines jeden ambitionierten Amateurs sein sollte, wenn man den Lehrern glaubt. Nicht nur, weil man auf diese Weise zu einem eigenen Stil findet, sondern auch, weil sich durch die verhältnismässig klare Vorstellung des Resultats der Lerneffekt für alle andern, eher technischen oder mechanischen Vorgänge schneller einstellt.

Wer hingegen unschlüssig zwischen Porträt-, Landschaft- und Architekturfotografie hin und herpendelt und dazwischen auch noch die besten Strassenfotos machen will, dem mangelt es an der Konstanz, um die Effekte und Nunacen der eigenen Techniken zu erkennen – das predige ich mir immer wieder selber, wenn ich schon wieder was neues ausprobieren will.

Eine Kritik könnte man an diesem Bild aber wohl dennoch anbringen. Die symmetrische Vertikale im Bildrahmen lässt es lieblos komponiert (respektive gar nicht komponiert) wirken. Das kommt Deinem Anspruch, die eigentliche Gegenständlichkeit zu verwischen, gar nicht entgegen – denn genau so, mit der Blattspitze gegen uns und der Hauptader von uns weg, sehen wir ein Blatt, wenn wir es am Baum genauer unter die Lupe nehmen. Der Blick im rechten Winkel von oben aufs Blatt ist vielleicht als Ansatz gegen die „Insektenlandschaftsbilder“ mit geringer Tiefenschärfe zu verstehen und keine schlechte Idee – aber irgendwie wirkt der Ansatz hier zu platt. Du hebst das Bild damit zwar von der gewohnten fotografischen Perspektive in Makrofotos ab. Aber im Gegensatz zu Deinem Blumenbild geschieht dies nicht gleichzeitig mit einem Bruch mit der Sichtweise, die wir im Alltag haben: Gerade, von oben herab aus der Senkrechten würden wir auch auf das Blatt gucken, wenn wir es auf einem Spaziergang am Wegesrand entdecken.

Es wäre spannend zu erfahren, ob Du mit verschiedenen Winkeln und Ausschnitten experimentiert, und warum Du Dich am Ende für diese Ansicht entschieden hast.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare
  1. Avatar
    Jürgen Schulte sagte:

    Liebe Corinne,
    angesichts Deiner Bilder und Deines Kommentars bezgl. Deines Equipments kann ich Dir nur raten: Kauf Dir irgendeine vernünftige Kamera! Deine Photos sind wirklich wunderschön.
    Gruß
    Jürgen

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  2. Avatar
    Corinne ZS sagte:

    Vielen herzlichen Dank für Ihre ausführliche und sehr interessante Besprechung! Es ist schon ein Privileg, hier Fotos zur Kritik einreichen zu dürfen. Zu Ihrer Frage: Meine Möglichkeiten sind technisch extrem limitiert. Und das wird mir schmerzlich bewusst, je länger ich Ihre Artikel lese. Ich habe weder ein Stativ zur Hand noch wirklich die Möglichkeit, die Tiefenschärfe selber zu wählen, also zum Beispiel zu erhöhen. Das ist auch der Grund, warum ich bisher mit Aufnahmen aus einer anderen Perspektive nichts zustande brachte: der Fokus lag unschön in der Bildmitte und rundherum war’s zu unscharf. Auch bei Bildern von gewölbten Gegenständen (wie Baumstämmen oder Steinen) habe ich dieses Problem. Es geht deshalb aus kurzer Distanz mit meiner kleinen Digitalkamera nur der Blick von oben auf ein Objekt mit möglichst wenig Wölbung bei gutem Licht. Ich versuche zudem, die geringst mögliche Distanz zum Objekt zu finden. Und das ist gar nicht so einfach, seit eines meiner Kinder die Kamera fallen liess und das Gehäuse seither einen Spalt aufweist (den ich beim Fotografieren etwas zusammendrücke). Die Distanzmessung der Kamera ist jedenfalls sehr launisch. Trotzdem halte ich am Fotografieren mit der kleinen Kamera fest und versuche, das Beste daraus zu machen. Denn immer wenn ich eine Spiegelreflex-Kamera zuhause habe, nehme ich sie dann doch nicht mit, weil sie nicht in mein Handtäschchen passt. (Vielleicht sollte ich ein grösseres Handtäschchen kaufen?) Ich habe nach diesem Blatt tatsächlich versucht, weitere Blätter mit spannenderen Ausschnitten zu fotografieren, aber so richtig wollte mir das bisher nicht gelingen. So bleibt es bei „Porträts“ von Blättern, die ruhig in der Bildmitte liegen. Sonst nichts. Immerhin habe ich kürzlich nach vielen braunen mein erstes grünes Blatt fotografiert (immer mit Regentropfen drauf). So klein der Schritt für die Menschheit, so gross ist er für mich ;-) Es würde mich sehr freuen, wenn ich weitere Kommentare zum Bild lesen dürfte!

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