Schilfblätter: Abstrakt oder Natur

Die Entscheidung, ein Naturbild oder eine Abstraktion zu machen, muss nicht immer vor Ort fallen. Aber es hilft sehr, zu wissen, was man will.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Joe Platzer).

Kommentar des Fotografen:

Kürzlich beindruckten mich die vom leichten Wind bewegten Schilfgräser mit den herbstlichen Farben. Für mich als Foto-Anfänger gings zunächst um die Herausforderung, diese scharf abzubilden und zudem vom dominierenden Hintergrund abzuheben. Inzwischen finde ich persönlich das Bild ganz „nett“… Eure Meinung?

Peter Sennhauser meint zum Bild von Joe Platzer:

Ganz nett ist das Bild auf jeden Fall – auch wenn die leise Bewegung der Schilfblätter, die es Dir angetan hat, nicht sichtbar ist.

Die eleganten Bogen, die verschiedenen Spielarten des Lichts darauf – die sind sichtbar und machen einen eigenen, wenn auch wahrscheinlich anderen Charme der Blätter aus.

Mich stören zwei Dinge.

Zum einen – und das ist das kleinere Problem – ist der Hintergrund noch immer relativ unruhig, auch wenn die Sony bei 150mm Kleinbildequivalent und Blende 3.5 eine ganz ansehliche Freistellung hinkriegt. Der Preis, den Du dafür zahlst, ist die Unschärfe noch im Bereich des Motivs (linke Bildhälfte). Du brauchst die Unschärfe zwar, um den Hintergrund verschwinden zu lassen, aber hier ist das Schärfenfeld wiederum so stark beschränkt, das auch die Schilfblätter nur vereinzelt wirklich im Fokus liegen. Ich nehme deswegen an, dass Du relativ dicht am Motiv standest (und deswegen das Superzoom deiner Kamera von weit über 400mm Kleinbildäuquivalent nicht ausgenutzt hast).

Gleichzeitig wirkt der Ausschnitt, die Komposition der Schilfblätter, eigenartig beliebig. Das finde ich wesentlich problematischer als die Probleme mit Freistellung und Fokus. Du hast zwar die weichen Bögen der Blätter gesehen, die Varianten des Lichteinfalls, der für mindestens vier verschiedene Schattierungen und Farben sorgt: Von zartdurchscheinend bis knallrot oder weissglänzend.

Aber Du hast es versäumt, die Blätter mitsamt ihren Spitzen zu arrangieren. Das Resultat ist ein Bild, auf dem verschieden beleuchtete Schilfblätter zu sehen sind. Es hätte aber auch ein Bild werden können, auf dem geheimnissvolle, lebendig geschwungene Gebilde in verschiedenen Farbtönen sich wiegen. Oder ein harsches Linienmuster voller Wirren und Durcheinander.

Dazu hättest Du die Gräser besser beobachten und ihren Linienfall im Bild kontrollieren müssen. Es ist schwer zu sagen, wie der Ausschnitt anders hätte gewählt werden können, aber nicht, dass er mit Vorteil anders gewählt worden wäre.

Du schneidest ein Blatt oben ab, zwei andere hängen aus dem Nichts des rechten Bildrands in den Ausschnitt hinein – mit leichten Standortänderungen hättest Du sicher einen Ausschnitt gefunden, der diese Brüche vermieden und vielleicht sogar ein noch besseres Lichtspiel gebracht hätte. Du hättest auch das Gegenteil tun und noch mehr und entschiedener Blätter anschneiden, sprich einen kleineren Ausschnitt des Gewirrs mit nur zwei oder drei der sanften Bögen wählen können.

Dazu hättest Du Dich aber vor Ort entscheiden müssen, was genau Dein Bild will. Ob es eine Fotografie der leicht bewegten Blätter des Schilfgrases werden sollte – oder eine abstraktere Aufnahme, deren gegenständliches Motiv fast gar nicht mehr erkennbar wäre, um dafür die Lichtspiele und die geschwungenen Bögen stärker zur Geltung zu bringen.

Dazu hättest Du den unscharfen Bereich in der linken Bildhälfte wohl eher weggelassen, die weichen Wellen in der Bildmitte ins Visier genommen und rechts ebenfalls etwas weggelassen. Den Ausschnitt hättest Du mit einer Erhöhung der Brennweite und entsprechender Reduktion der Schärfentiefe, also einer noch besseren Freistellung vom Hintergrund erzielen können – je länger die Brennweite bei kurzem Abstand zum Motiv, umso stärker der Freistell-Effekt.

Die Frontale Stellung zur Reihe der Blätter begünstigt meiner Ansicht nach die abstrakte Ebene des Bildes; ginge es Dir hingegen um eine Naturaufnahme, dann wäre ein Akzent mit mehr Tiefe angebracht – eine andere Position zu der Schilfreihe, so dass die Halme nicht in einer Reihe parallel zur Bildebene, sondern vielmehr im rechten Winkel dazu gestanden hätten und von der Unschärfe im Hintergrund bis zur Unschärfe im Vordergrund durch den Schärfentiefenbereich hindurch vorhanden wären.

Die erste, Deine Aufgaben hast Du gelöst – Zeit für neue Herausforderungen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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