Blonde Lolita:
Blitzporträt mit Schattenseiten

Wer schöne und geduldige Modelle zur Verfügung hat, sollte den nötigen Aufwand nicht scheuen, um sie buchstäblich im richtigen Licht erscheinen zu lassen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© S.F.)

Kommentar des Fotografen:

Mein Modell (meine Freundin) in einer wunderbar weichen Situation. Der durch- aber keinesfalls aufdringliche Ausdruck erinnert an eine Lolita, eine unschuldige Verführerin. Das Bild habe ich minimal mit Lightroom bearbeitet, um einen weicheren Teint zu erhalten und die Farben etwas zu korrigieren.

Profi Thomas Rathay meint zum Bild von S.F.:

Da dieses Bild unter der Kategorie Porträt läuft, möchte ich vorab einmal eine Definition setzen:

„Ein Porträt (auch Portrait; v. frz. portrait) ist eine Fotografie oder eine andere künstlerische Darstellung einer oder mehrerer Personen. Die Absicht eines Porträts ist, neben der Darstellung körperlicher Ähnlichkeit auch das Wesen, bzw. die Persönlichkeit der porträtierten Person zum Ausdruck zu bringen. Daher zeigt das Porträt typischerweise das Gesicht der Person.“

Soweit so gut. Das Gesicht des jungen Mädchens ist ja schon mal abgebildet, und ein künstlerischer Ansatz ist gegeben:

Der Fotograf hat sich Gedanken gemacht, was das Gesicht ausdrücken soll. Die entschlossene Verwegenheit mag ich dem Gesichtsausdruck auch nicht absprechen, und dass deine Freundin dem gängigen Schönheitsideal entspricht, ist ebenfalls nicht zu leugnen. Doch nun betrachten wir das Ganze mal aus der fotografischen Sicht.

Für mich sieht das Bild nicht besonders sorgfältig arrangiert aus. An den schönen Reflexen in den Augen erkennen wir die Nutzung eines Blitzes – an den knallharten Schatten allerdings auch. Am störendsten ist derjenige über dem linken Auge. Er zerstört den leichten Durchblick, welcher dem Bild den Reiz gibt, total.

Hier hätte in Ermangelung eines zweiten Blitzes ein Aufheller auf der rechten Seite – irgendeine Form von reflektierender Fläche, die den Blitz aus einem anderen Winkel zurückgibt und damit den Schlagschatten der Haarsträhne verhindert – gute Dienste getan und den Schatten unter dem Kinn auch gleich noch gemildert.

Abgesehen von dem unruhigen Hintergrund, der sich mir thematisch nicht erschließt und das Bild abwertet, ist es bei Portraits wichtig, dass die Augen oder zumindest eines scharf abgebildet ist. Bei der relativ offenen Blende von 4.5 ist es bei deinem Bildaufbau nicht möglich, auf beide Augen scharf zu stellen.

So sollte doch wenigstens das vordere, also das linke scharf sein, weil hier der direkte Kontakt zum Betrachter aufgenommen wird. Die imaginäre Linie führt mich über den Mund, die schön geschwungene Haarsträhne direkt zu diesem Auge. Leider ist es in deinem Bild unscharf und verwirrt den Rezipienten.

Im Moment lese ich ein Buch über außergewöhnliche Portraitfotografie und ein zweites über die gekonnte Retusche von Portraits am Computer. Wenn ich die durch habe, gibt es auch wieder Literaturempfehlungen.

Schlagschatten weg......und in Schwarz/WeissEine Nacharbeitung am Computer im Bildbearbeitungsprogramm ist immer die zweite Wahl für mich. Trotzdem habe ich versucht, an dem Bild zu verbessern, was in der digitalen Dunkelkammer verbessert werden kann.

Was hab ich auf die Schnelle gemacht:

  • linkes Auge scharf gezeichnet
  • Schatten der Strähne entfernt
  • Lippenstift leicht aufgehellt um das ganze Bild lieblicher zu gestalten
  • ein Haar über der mir zugewandten Seite entfernt
  • eine zweite Variante in Schwarzweiß erstellt, ähnlich einer Highkey-Aufnahme

Man hat mir ja schon Verschlimmbesserung vorgeworfen – jetzt bin ich auf eure Reaktionen gespannt.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

9 Antworten
  1. von Mengen says:

    Eigentlich spricht mir die Kritik von Frank Hoffmann
    vollkommen aus der Seele
    Das Bild hat durch beide Bearbeitungen aussergewöhnlich viel verloren und vor allem in der fleckigen Schwarz-Weissbearbeitung
    erinnert es mehr an ein nachlässig geschminktes Faschingsmodell als an die Intention des Fotographen eine Art Nabukovsche Atmosphäre“ zu erschaffen :-)

    …mmhhhh.. und der kleine Schlagschatten mag wohl nur im Redaktionsalltag der „Bäckerblume“ Probleme machen .

    Antworten
  2. Frank Hoffmann says:

    @Thomas.

    Das war auch keine Kriti zu Deiner Person!
    Nein, was war Kritik zu dem Ergebnis.
    Nach Sichtung mehrerer ProfiFotobücher bin ich zu dem Entschluß gekommen, dass alles! erlaubt ist.
    manch ein Quatsch oder gar sauschlechtes Bild wird dann noch als DigiArt oder gar Kunst betitelt ;-)
    Ich mache Bilder und bearbeite sie, so wie sie MIR gefallen und stelle in den Foren auch oft den Bewertungskommentar ab.

    Ein Beispiel. Ein Foto von mir wurde in einem Userforum als schlecht bezeichnet, falsch bearbeitet, Horizont schief und so weiter…
    ich musste grinsen, weil ich wusste, dass genau dieses Bild 10 Tage später eine Doppelseite im STE** hatte. ((Bekannte Illustrierte ;-))
    Deshalb lasse ich mich auch ungerne bewerten, weil IMMER zuviel eigene Meinung einfließt.
    Gruß an Dich, Thomas, an den Fotografe und an die anderen Leser.

    Antworten
  3. Thomas Rathay says:

    Hallo hallo,

    @ euphoriefetzen

    würde ich mal nicht so unterstellen, dass Stefan nur seine Freundin zeigen wollte, ist doch ein Fotoblog. Und als Schnappschuss ist´s auch Ok, nur aus dem Kommentar des Fotografen ging das anders hervor.

    @ Frank Hoffmann und Daniel

    Das Stempeln war zugegebenermassen nicht perfekt. Den Anspruch hatte ich auch nicht, da ich nur die Möglichkeiten aufzeigen will und zu Eigeninitiative aufrufen möchte.

    Der Rest ist wie immer Geschmackssache und ich als Berufsfotograf bekomme von meinen Auftraggebern immer zu hören was geht und was nicht. Der Schatten und die Strähne über dem Auge geht eben im Redaktionsalltag gar nicht und würde nicht gedruckt werden.
    Ich muss Bilder machen die meinen Kunden gefallen und ihr macht Bilder die euch gefallen sollen.
    Nur das ich als Kritiker hier als eure „Kunde“ auftrete, der auch noch Hinweise gibt, wie er es gerne hätte.
    Das ist im wahren Leben meist nicht so!

    Grüße in die Runde
    Thomas

    Antworten
  4. Frank Hoffmann says:

    Hallo,
    ich finde das bearbeitete Bild bedeutend schlechter. Farben schlecht. Gesicht wirkt jetzt zu hell und auch noch den linken nasenflügel falsch geklont.
    PS: Schatten gehören zum Leben und machen ein Bild erst geheimnisvoll und interessant.
    Meiner Meinung nach ist das Foto durch die Bearbeitung erheblich schlechter und uninteressanter geworden.
    Die schwarz weiss Bearbeitung ist vollkommen daneben.
    ich dachte, Profis kritisieren hier…?

    Antworten
  5. euphoriefetzen says:

    gib’s doch zu stefan, du wolltest uns doch nur deine freundin zeigen. ;)

    ansonsten schöner schnappschuss nur der hintergrund ist ein wenig zu unruhig.

    =)

    Antworten
  6. Daniel says:

    Hey Thomas,
    deine Kritik gefällt mir. Aber ahhh … du hast ihr den linken Nasenflügel angestempelt …
    Es wäre bestimmt auch schöner, wenn du ihr den Schatten noch aus dem Auge gestempelt hättest ;)
    vlg

    PS: Weiter so Stefan! Anderer Hintergrund (ruhig oder gezielt gesetzt) und etwas Beleuchtungsübung, dann wird das :D

    Antworten
  7. Pascal says:

    Ich könnte mir vorstellen, dass das Bild an Aussagekraft gewinnt, wenn neben der bisherigen Retusche der Hintergrund zusätzlich abgedunkelt wird. So bleibt der Blick des Betrachters auf dem Wesentlichem: Dem Gesicht!

    Die Schwarzweissumsetzung ist mir zu flau aber der High-key Ansatz nicht wirklich gegeben. Aber evt. würde auch ier das abdunkeln des Hintergrundes wunder wirken (obwohl wir dann eher richtig Low-Key gehen würden.

    Nur so als Idee…

    Schöne Grüsse
    Pascal

    Antworten
  8. Stefan says:

    Hi Thomas!

    Vielen, herzlichen Dank für Deine ausführliche Kritik! Ich nehme alle Kritikpunkte mehr als gerne an und werde diese bei meinen nächsten Shootings beherzigen!

    Zu meiner „Ehrenrettung“ möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass dieses Portrait eher Schnappschuss- als Studio-Qualität hat – das war eigentlich alles andere als ausführlich geplant und durchdacht. Leider. Wie Du ja richtig erkanntest, ist der Hintergrund wahllos und es kam nur der Kamera-Blitz aus viel zu kurzer Distanz zum Einsatz.

    Ich versuche mich demnächst aber im Studio (Workshop) und würde mich freuen, wenn das ein oder andere Bild daraus wieder den Weg zu Eurer Bildkritik findet.

    LG,
    Stefan

    Antworten

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