Leben auf der Insel:
Der Roman zum Bild

Die besten Fotografien sprechen für sich selber. Wenn zur Interpretation für den Betrachter mehr als ein Titel nötig ist, hat der Fotograf wahrscheinlich das Ziel verfehlt.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Matthias Haltenhoff).

Kommentar des Fotografen:

Habe die Daten zum Bild leider nicht mehr zur Hand. Fotografiert mit einer wasserdichten (gelben) Minolta A20 (?) auf Formentera. Der Traum und die Illusion eines ursprünglichen einfachen Lebens unter diesem Himmel, in dieser kargen und doch beindruckenden Natur die einem wohl einiges abverlangt.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Matthias Haltenhoff:

Hier wären einige Elemente vorhanden, mit denen man arbeiten könnte: Die wunderbare Wolke, der Horizont hinter dem blauen Meer, die Natursteinmauer, die Kakteen und das Häuschen. In der aktuellen Komposition allerdings ist es etwas gar bunt durcheinander gewürfelt.

Eins habe ich den letzten Jahren während vieler Fotosessions (häufiger und schneller aber noch dank der Kritik meiner Bilder durch Kollegen und Lehrer) gelernt: Einfach sticht. Mit der Komplexität Deiner Bildaussage steigt das Risiko, sie zu verpassen, im Quadrat. Umgekehrt steigt die Klarheite der Aussage nicht durch die Zahl der Elemente im Bild.

In dieser Aufnahme sehe ich über einen verwahrlosten Gartenausschnitt mit einer sehr fotogenen Natursteinmauer zu einem Häuschen, dessen Umgebung aufgrund der Kakteen nicht richtig eingestuft werden kann, auf eine Landschaft, die wahrscheinlich einen grossartigen Ausblick bietet, den ich aber auch mehr ahne als sehe.

Ich sehe ein wahrscheinlich gepflegtes Anwesen über die Mauer eines verwahrlosten hinweg – das ist der einzige Gegensatz, den ich ausmachen kann.

Die Einfachheit des Lebens oder die Illusion davon, die Härte der hiesigen Natur – das sind Abstraktionen, von denen ich nicht bezweifeln will, dass sie Dich zu der Aufnahme bewogen haben – aber für den Betrachter sind sie unsichtbar. Im Chaos ist die Einfachheit nicht zu finden.

Schonungslos gesagt: Wenn mir jemand seine Bilder zeigt und bei jedem in drei, vier Sätzen anhebt zu erklären, was er sagen wollte, habe ich ein Problem. Denn in den seltensten Fällen kann ich das, was der Fotograf alles in das Bild hineingelesen hat, erkennen, und schon gar nicht auf den ersten Blick.

Hier werden Ursache und Wirkung verwechselt: Ein gutes Bild ist eines, über das der Betrachter die drei Sätze sagt, welche die Emotionen des Fotografen und seine Gründe für die Komposition und die Aufnahme beschreiben. Eine Fotografie ist keine Informationstafel, die durch logische Verknüpfungen der Elemente gelesen wird.

Wenn ich auf einem Fotorundgang merke, dass ich nachdenke statt zu fotografieren, mache ich sofort eine Kaffeepause: Die Erfahrung hat gezeigt, dass es nichts bringt, wenn ich den Obdachlosen beim Strassenshooting bedeutungsschwanger mit dem Mercedesstern auf einer Motorhaube in eine Reihe zu kriegen versuche. Das ist kein Bild mehr, das ist ein Konstrukt. Wenn mir hingegen im Vorbeigehen die Spiegelung der Obdachlosen in der Mercedes-Motorhaube auffällt, das Licht spannend ist und die Szene kompositorisch funktioniert, dann fange ich an zu fotografieren.

Interessanterweise habe ich das gleiche Thema („Nicht zuviel wollen“)ausgerechnet an einem ganz ähnlichen Bild (allerdings von den Kanarischen Inseln) schon einmal behandelt.

Wenn Du hier – und das kann man ja auch mit einer wasserdichten gelben Minolta – unterwegs warst, um das einfache Leben auf dieser Insel mit der kargen Natur einzufangen, hätten einfache Bilder mit wenigen Elementen vielleicht besser zum Ziel geführt.

Das merke ich immer wieder in selbstgestellten Aufgaben, eine bestimmte Szenerie zu „erfassen“. Die besten Resultate kriege ich, wenn ich mir zunächst Zeit für die Kleinigkeiten am Ort nehme, die scheinbar nichts mit seiner Stimmung zu tun haben. Erstens sind sie leichter zu finden als „das“ Bild, und sie sind leichter zu fotografieren.

Zweitens hängt die Stimmung vielfach von vielen kleinen Elementen ab, und erst, wenn ich mich mit ihnen beschäftigt habe, stellt sich ein Gefühl für den Ort ein – und damit die Chance auf den treffenden Überblick. Mit diesem Vorgehen kann die Emotionalität des Ortes sozusagen „eingekreist“ werden. Die Bilder, die daraus entstehen, entspringen nicht der eigenen Vorstellung und dem logischen Denken, sondern sind der Verknüpfung des augenblicklichen Sehens mit der Emotion des Fotografen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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