Tschechische Fotografie: Bisher kaum entdeckt

Die tschechische Fotografie ist international bisher wenig entdeckt, kann sich aber einer Vielzahl origineller und talentierter Fotografen rühmen. Eine Ausstellung in Bonn stellt sie uns vor.

Tono Stano (geb. 1960): Sense, 1992, Sammlung des FotografenOb Surrealismus oder andere Richtungen der Avantgarde-Fotografie, Realismus oder klassische Bildreportage – in allen Richtungen waren und sind tschechische Fotografen vertreten. Die Geschichte der tschechischen Fotografie des 20. Jahrhunderts wird nun erstmals in Deutschland präsentiert – in der Bonner Bundeskunsthalle. Am Sonntag, 15. März, zeigt 3sat einen Film dazu.

Das Spektrum der Ausstellung reicht vom Piktorialismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts über die Avantgarde-Fotografie und die Fotomontagen der Zwanziger- bis Vierzigerjahre bis zu den zeitgenössischen Trends, wie die Bundeskunsthalle dazu mitteilt. Mit rund 450 Fotografien stellt sie die wichtigen Tendenzen, Künstler und Werke der tschechischen Fotografie vor.

Jan Saudek (geb. 1935): Leben,1966, Silbergelatineabzug, © Kunstmuseum, OlomoucSicherlich legt die Ausstellung Schwerpunkte auf Schlüsselfiguren der tschechischen Fotografiegeschichte wie František Drtikol, Josef Sudek, Jaroslav Rössler, Jaromír Funke, Jindrich Štyrský, Vilém Reichmann, Emila Medkova, Jindrich Štreit, Viktor Kolár, Antonín Kratochvíl, Josef Koudelka und andere, die auch internationalen Rang erhielten. Darüber hinaus werden auch weniger bekannte Werke von mehr als 180 anderen Fotografen gezeigt. Aufmerksamkeit wird daneben auf Fotografien gelenkt, die durch den ideologischen Druck während des Zweiten Weltkriegs, der stalinistischen Ära der Fünfzigerjahre und der kommunistischen „Normalisierungs“-Periode nach der Besetzung der Tschechoslowakei 1968 beeinflusst sind.

Josef Sudek: The Last Rose, from the Rose series, 1956, © Museum of Decorative Arts in PragueSomit liefert die Ausstellung ein geschlossenes Bild von der Entwicklung der tschechischen Fotografie im Laufe des 20. Jahrhunderts. In Erinnerung gerufen werden auch die Foto- und Fotomontagearbeiten deutscher Fotografen, die in der Tschechoslowakei zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg lebten oder dort Asyl fanden.

Die tschechische Fotografie ist tief im Mitteleuropa des 19. Jahrhunderts verwurzelt. Sie entwickelte sich nicht isoliert, weder unter der österreichisch-ungarischen Monarchie noch in der demokratischen Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit, als das Land zu den Zentren der europäischen Moderne gehörte. Während des Zweiten Weltkrieges und der vier Jahrzehnte kommunistischer Herrschaft, als Fotografien, Zeitungen und Bücher zensiert wurden, blühte die Fotografie im Verborgenen weiter. Sie wurde durch die französische, deutsche und russische Avantgarde ebenso beeinflusst wie durch die amerikanische, britische und deutsche Reportage- und Dokumentarfotografie oder die internationalen Trends.

Frantisek Drtikol (1883-1961): Akt, 1927, Pigmentdruck, © Museum of Decorative Arts in PragueAm Sonntag, 15. März, zeigt 3sat um 18.30 Uhr dazu den Film „Von Sudek bis Saudek – Tschechische Fotografie im 20. Jahrhundert“. Der Film wurde von Nele Münchmeyer anlässlich dieser Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn gedreht. Die 30-minütige Dokumentation spürt der tschechischen Vielfalt nach und findet sie in der Beobachtung herausragender Künstler aus vier Generationen: Jan Saudek, Jahrgang 1935, mit seinen provokativen erotischen Fotografien; Jindrich Štreit, geb. 1946, und seine Bildreportagen; Jiri David, geb. 1956, der sein Leben den Fragen über Kunst und Philosophie widmet; Dita Pepe, Jahrgang 1973, die ihre Kunst sorgfältig inszeniert. Und sie folgt dem großen alten Mann der tschechischen Fotografie, Josef Sudek, auf historischen Spuren.

Tschechische Fotografie des 20. Jahrhunderts
Bis 26. Juli 2009
Bundeskunsthalle, Friedrich-Ebert-Allee 4, D-53113 Bonn
+49 (0)228-9171200, info@kah-bonn.de
Geöffnet Dienstag, Mittwoch 10 – 21 Uhr, Donnerstag bis Sonntag 10 – 19 Uhr

Bundeskunsthalle Bonn
Jan Saudek
Josef Sudek

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