15 Jahre Reporter ohne Grenzen: Fotos für die Pressefreiheit

Vor 15 Jahren veröffentlichten Reporter ohne Grenzen den ersten Bildband der Reihe „Fotos für die Pressefreiheit“. Am 3. Mai, dem Internationalen Tag der Pressefreiheit, erscheint deshalb ein Jubiläumsband – Titel „Tatorte“.

Yann Arthus-Bertrand - aus: La Terre vue du Ciel, Die Erde von oben

„Tatorte“ der Reporter ohne Grenzen enthält Werke von neun Fotografen, die wir teils schon vorgestellt haben. Die Amerikanerin Taryn Simon zum Beispiel mit ihren Bildern des Verborgenen und des Unbekannten, der Niederländer Jan Banning mit seinen Bürokraten dieser Welt oder Magnum-Fotograf Paolo Pellegrin (As I was Dying).

Die weiteren Fotografen dieses Bildbandes sind: Yann Arthus-Bertrand (Frankreich), Sammy Baloji (DR Kongo), Silke Koch (Deutschland), Benoit Aquin (Kanada), Dorothee Deiss (Deutschland) und Stephanie Sinclair (USA).

In seiner Einführung zum Bildband schreibt Rolf Nobel, Professor für Fotografie in Hannover mit Schwerpunkt Fotojournalismus:

„Einen Tatort bezeichnet man gemeinhin als Schauplatz eines Verbrechens. Diesen Taten liegen aber längst nicht mehr nur die klassischen Motive wie Diebstahl, Raub oder Eifersucht zugrunde, sondern Verbrechen ganz anderer Art. Umweltsünden, Waffenhandel, Kriegsverbrechen, Prostitution, Kindesmissbrauch, Gewalt gegen Frauen, Grundstücksspekulationen, Arzneitmittel-Pfuschereien, Subventionsschwindel und viele andere Verbrechen sind zumeist das Ergebnis einer auf Profitmaximierung orientierten Welt oder von überholten Feindbildern und Rollenverteilungen.
Ausgangspunkt solcher Verbrechen sind postmoderne Chefetagen ebenso wie militärische Lagezentren, HighTech-Labors, Ministerialbüros oder schmuddelige Hinterhöfe, je nachdem. Zwischen diesen Orten und den Schauplätzen des eigentlichen Verbrechens – dem Tatort – stehen ganze Legionen von Erfüllungsgehilfen, deren eigene schlechte Lebensbedingungen sie häufig erst zu Mittätern gemacht haben.“

Sammy Baloji - aus: Mèmoire, Gedächtnis

Für Reporter ohne Grenzen sind die Tatorte auch Orte des Handelns: Die Fotografinnen und Fotografen nehmen uns mit an ganz unterschiedliche Tatorte und führen uns eindringlich vor Augen, wo überall und wie wir Gegenwart und Zukunft verändern, global und lokal, sei es zum Guten oder zum Schlechten: An Schreibtischen werden Entscheidungen getroffen, die zu Krieg, Unterdrückung und Ausbeutung führen. Dinge finden hinter verschlossenen Türen statt, von denen wir nicht mehr als eine vage Ahnung haben. Die Furcht vor dem Unwahrscheinlichen, das passieren könnte, beginnt unser Handeln zu bestimmen. Aber es gibt auch Beispiele, wo Menschen uns durch ihr Handeln Mut machen für Veränderung.

Benoit Aquin - Die chinesische Staubschüssel Stephanie Sinclair - aus Unlikely Hero„Tatorte“ stellt die Bilder und die Arbeit der neun Fotografinnen und Fotografen ausführlich vor.

In Stephanie Sinclairs Reportage „Unlikely Hero – Ungewöhnliche Heldin“ über ein Frauenschicksal in Pakistan werden die Hintergründe erzählt:

„Gesellschaftliche Unterschiede zwischen dominierenden und armen Clans und jahrhundertealte Prinzipien führen dazu, dass die junge Frau auf Anordnung eines Stammesrates von mehreren Männern eine Stunde lang vergewaltigt wird. Von da an ist Muchtarans Schicksal nicht mehr alltäglich.“

Die Betroffene kommt selbst zu Wort:

„Erst als internationale Medien meine Geschichte aufgriffen, reagierten Polizei und Regierung. Sie schenken solchen Vorfällen keinerlei Beachtung, wenn es arme Menschen betrifft.“

Rolf Nobel stellt die Fotografen im Einzelnen vor. So schreibt er zum Beispiel über Dorothee Deiss‘ Arbeit „Als ob nichts gewesen wäre“:

„Bis 1989 war die deutsch-deutsche Grenze ein kaum überwindbares Bollwerk und von scheinbar unendlicher Existenz. Seitdem ist sie Geschichte und die hat sie mit den Jahren fast unsichtbar gemacht, nur hier und da erinnert ein Gedenkstein oder ein Straßenname. Die deutsche Fotografin Dorothee Deiss ist den Grenzverlauf für ihr Projekt mit dem Fahrrad abgefahren. Ihre unprätentiösen und stillen Fotografien erzählen von Provinz und Provinzialität. Nichts lässt erahnen, dass die Grenzbefestigung zwischen den beiden deutschen Staaten zu den bestbewachten der Welt gehörte und an diesem Tatort Menschen bei der Flucht starben.“

Dorothee Deiss - aus: Als ob nichts gewesen wäreOder Silke Koch: Sie fotografierte mit archivalischer Genauigkeit „verdächtige Objekte“, so heißt auch ihre Serie. Es handelt sich um Gegenstände verschiedenster Gestalt, die leicht für Bomben gehalten werden können, jedenfalls in einem Klima der Angst vor terroristischen Anschlägen nach dem 11. September 2001 und später in London. Die Fotokünstlerin Silke Koch, Jahrgang 1964, hat schon bei der Biennale in Venedig ausgestellt und lebt in Leipzig und Berlin.

Silke Koch - aus: Suspicious Objects - Verdächtige ObjekteSandra Maischberger hat ein Grußwort zum Bildband geschrieben: „Meine Solidarität gilt allen bedrohten Medien und verfolgten Kolleginnen und Kollegen“, schreibt die ARD-Moderatorin darin („Menschen bei Maischberger“). 15 „Tat“-Beispiele aus der Arbeit der Reporter ohne Grenzen und die Jahresbilanz der 2008 während oder wegen ihrer Arbeit getöteten Journalistinnen und Journalisten ergänzen den Band.

Mit dem Verkauf der Bildbände finanziert Reporter ohne Grenzen Öffentlichkeitsarbeit, Anwaltskosten und medizinische Hilfe für verfolgte Journalistinnen und Journalisten und kann sie bei akuter Gefährdung außer Landes bringen.

Der Band „Tatorte“ – Reporter ohne Grenzen (Affiliate-Link) kostet zehn Euro.

Reporter ohne Grenzen

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