Timotheus Tomicek: Spuren menschlichen Verhaltens

Timotheus Tomicek will uns die „Spuren und Auswirkungen menschlichen Verhaltens“ zeigen. Das „Unsichtbare“ dahinter ist ihm wichtiger als das vordergründig „Sichtbare“.

© Timotheus Tomicek: 5h59

Mit seiner Serie „Some Things Human“ hat der junge Wiener Fotograf den WeldeKunstpreis 2009 gewonnen, gestiftet von einer Brauerei. Nun zieren seine Bilder Etiketten von Bierflaschen – und werden derzeit in Mannheim ausgestellt.

© Timotheus Tomicek: impressionDer Kunstpreis der Brauerei Welde wird von einer unabhängigen Jury vergeben, der unter anderem Kris Scholz, Fotograf und Professor für Fotografie in Düsseldorf, der Kölner Fotograf und Galerist Wolfgang Zurborn sowie der Leiter der Mannheimer Fotogalerie Zephyr, Thomas Schirmböck, angehören. Der 31-jährige Timotheus Tomicek konnte sich gegen 468 Konkurrenten aus acht Ländern durchsetzen und den Hauptpreis gewinnen.

Was motiviert Timotheus Tomicek zu seinen Bildern? Lassen wir ihn im O-Ton selber zu Wort kommen:

„’sehen sie sich selbst eher als fotograf oder als künstler?‘ – diese frage wurde mir gestellt. anfangs fand ich sie dumm. wenn ich etwas über meine arbeit erzählen soll, erzähle ich meistens etwas anderes. erstens etwas anderes als ich gefragt worden bin – und zweitens mit jeweils anderen worten als bei vorausgegangenen versuchen. das geschieht nicht aus prinzip, sondern aus not. mit not meine ich mein unvermögen manche mir wichtigen dinge verbal auszudrücken. der grund dafür ist nicht nur meine ungewandtheit im gesprochenen wort, sondern auch meine skepsis gegenüber eigenschaftswörtern und benennungen. beide treffen nämlich nie jenes ziel, welches aus meiner sicht der sinn sein mag. so bleibt mir in der sprache der wörter nur noch die möglichkeit der umschreibung, die zumeist ein umweg ist. ob eine umschreibung gelingt oder nicht ist so unsicher wie die unmarkierte abzweigung eines weges, die entweder eine abkürzung ist oder ins nirgendwo führt. das betrifft analog auch meine bilder.

© Timotheus Tomicek: la francegrünes licht ist nicht nur grünes licht. es ist unter umständen ein symbol mit ganz bestimmter bedeutung. stellt man es nicht in frage, kann es passieren, dass man beim queren einer kreuzung bei grüner ampel von einem (roten) auto überfahren wird. das ist beängstigend. nicht der unfall, das auto, die ampel, oder die farben grün oder rot, jedoch die blindheit gegenüber leicht durchschaubaren automatisierten abläufen in starren mustern erlernter systeme. das schutz suggerierende grüne licht, im symbol einer ampel, verliert in diesem entscheidenden moment des aufpralles seine rolle, wie ein schauspieler, und die wahrheit mit all ihren konequenzen entpuppt sich für diesen kurzen moment. (die farbe rot des autos hat vielleicht rein ästhetische gründe). so entstehen meine bilder.

© Timotheus Tomicek: tour-eifel‚Some Things Human‘ ist nichts anderes als das aufzeigen von spuren und auswirkungen menschlichen verhaltens. ich vermeide sowohl ausnahmen als auch das außergewöhnliche. stattdessen suche ich das gegenteil von sogenannten attraktionen. die zutaten sind simpler natur. falls es in den bildern eine wahrheit geben sollte, dann ist sie in form von entsprechungen und analogien zu finden. sollte nur das abgebildete selbst in den vordergrund treten, wäre mein ziel verfehlt, was weniger das sichtbare, sondern das in ihm zur ahnung gebrachte unsichtbare ist. es geht darum, den nagel auf den kopf zu treffen. ohne hammer und ohne nagel.“

© Timotheus Tomicek: diary

Kurz: Timotheus Timocek lichtet keine Attraktionen ab, sondern genau das Gegenteil davon. Im Fokus stehen Dinge, die unscheinbar und alltäglich wirken: Ein säuberlich abgerundeter Baumstumpf im Straßenasphalt, ein abgewetztes Sofa, eine abgetretene Treppe oder Parkansichten als Momentaufnahmen eines Sommertages. Es sind also Dinge und Situationen, die im Vorbeigehen nur selten Aufmerksamkeit erregen und über die kaum nachgedacht wird. Tomicek reibt sich an diesen Selbstverständlichkeiten des Alltags. Er bringt uns zu der Frage: Was steckt hinter dem vordergründig Banalen?

Timotheus Tomicek – Some Things Human
Bis 28. Juni
Zephyr – Raum für Fotografie
in den Reiss-Engelhorn-Museen, Museum Weltkulturen, D5, D-68159 Mannheim
Infobüro +49 (0) 621 – 293 31 50, ruth.wieczorek@mannheim.de
Geöffnet Dienstag bis Sonntag 11 – 18 Uhr

Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim
Timotheus Tomicek

9 Kommentare
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    Ulrich Brodde sagte:

    auch ich will mich keineswegs mit hegel messen. noch möchte ich behaupten sein gesamtes werk wirklich zu kennen.

    mit dem von mir leicht veränderten zitat wollte ich eigentlich nur zeigen, wie relativ leicht ein philosophischer unterbau zu etwas ganz anderem geschaffen werden kann.
    ob der unterbau dann mit dem eigentlichen werk mithält ist eine andere frage.

    denn was bleibt, lässt man die erläuterungen und gedanken zu den fotografien von timocek weg? meiner meinung nach bleiben nichtssagende, technisch hingeschluderte bildchen, in die man alles mögliche hineininterpretieren kann – wenn man denn will.

    dem biertrinker wird es egal sein, hauptsache der flascheninhalt schmeckt.

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    Uli Eberhardt sagte:

    Ulrich, mit Hegel werde ich mich nicht messen. „…nicht eine ursprüngliche Sichtbarkeit als solche oder unmittelbar als solche – ist die Wahrheit“ – dieser Satz scheint aber die Idee von der Vielschichtigkeit zu stützen.
    Ich will mit Vilém Flusser antworten aus seiner Schrift „Für eine Philosophie der Photographie“. Dort schreibt er über das Bild:
    „Die Bedeutung der Bilder liegt auf der Oberfläche. Man kann sie auf einen einzigen Blick erfassen – aber dann bleibt sie oberflächlich. Will man die Bedeutung vertiefen, das heißt: die abstrahierten Dimensionen rekonstruieren, muß man dem Blick gestatten, tastend über die Oberfläche zu schweifen. Dieses Schweifen über die Bildoberfläche soll ‚Scanning‘ genannt werden. Dabei folgt der Blick einem komplexen Weg, der zum einen von der Bildstruktur, zum anderen von den Intentionen des Betrachters geformt ist. Die Bedeutung des Bildes, wie sie sich im Zuge des Scanning erschließt, stellt demnach eine Synthese zweier Intentionen dar: jener, die sich im Bild manifestiert, und jener des Betrachters. Es folgt, daß Bilder nicht ‚denotative‘ Symbolkomplexe sind (wie etwa die Zahlen), sondern ‚konnotative‘ Symbolkomplexe; sie bieten Raum für Interpretationen.“
    „Denotativ“ bedeutet Kern der Sache ohne weitere Assoziationen, also dem „was in Wahrheit wirklich ist“, wie Du Hegel zitiert hast. „Konnotativ“ bedeutet: mit Assoziation über diesen eigentlichen Kern hinauszugehen.

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    Ulrich Brodde sagte:

    Die lebendige Substanz ist ferner das Sein, welches in Wahrheit sichtbar oder, was dasselbe heißt, welches in Wahrheit wirklich ist, nur insofern sie die Bewegung des Sichselbstsetzens oder die Vermittlung des Sichanderswerdens mit sich selbst ist. Sie ist als Subjekt die reine einfache Sichtbarkeit, eben dadurch die Entzweiung des Einfachen; oder die entgegengesetzte Verdoppelung, welche wieder die Negation dieser gleichgültigen Verschiedenheit und ihres Gegensatzes ist: nur diese sich wiederherstellende Sichtbarkeit oder die Reflexion des Anderssein in sich selbst – nicht eine ursprüngliche Sichtbarkeit als solche oder unmittelbar als solche – ist die Wahrheit. Es ist das Werden ihrer selbst, der Kreis, der sein Ende als Zweck voraussetzt und zum Angang hat und nur durch die Ausführung und sein Ende wirklich ist.
    (in Anlehnung an die Vorrede in Hegels Phänomenologie des Geistes)

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    Uli Eberhardt sagte:

    Ja, Corinne hat es wunderbar beschrieben. Die erste Ebene des Bildes ist der abgebildete Gegenstand selbst, das Sichtbare: der Blumenkübel, die Tanne und der Eiffelturm dahinter. Die zweite Ebene (oder der Schichten sogar noch mehr) ist der Grund für das Bild: der Grund für den Druck auf den Auslöser, Idee, Absicht, das „zur ahnung gebrachte unsichtbare„. In diesem Fall, ich sehe das genau wie Corinne, ist eine wesentliche Absicht der „fotografierte Comic“, die satirische Zuspitzung, das Groteske dieser banalen Dinge, die in unserer Umwelt herumstehen. Sie zeigen in umgekehrter Weise unser Verhältnis zu dieser Umwelt und damit unser menschliches Verhalten selbst. Humor befreit wiederum vom Ernst dieser Dinge. Mit meinen Bildern verfolge ich ganz ähnliche Ziele und wünschte mir, das eine oder andere Bild selbst gesehen zu haben.

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    Corinne ZS sagte:

    Spannende Diskussion! Ich glaube, dass man in Bildern nicht nur sieht, was der Fotograf sah, sonder auch sich selbst. Ich habe vor ein paar Tagen einige meiner Fotos drei Magnumfotografen zeigen können, die Reaktion der einen Fotografin war: So etwas sah ich noch nie, ich sehe nur Löcher. Mein Fazit: Sie sucht in meinen Bildern etwas, das ich nicht darstelle. Nach ein paar Nächten darüber schlafen würde ich sogar sagen: Ich will es gar nicht darstellen, mir ist das flimmernde Etwas, von dem ich nicht weiss, was es ist, das aber meinen Blick immer wieder aufs Bild zieht, lieber. Deshalb verstehe ich auch das pseudophilosophische Gewölk von Tomicek. Gegenbeispiel zur Untermauerung seiner Aussage: Viele Aktfotos zeigen bloss das Abgebildete, ein flacher Frauenbauch, eine oder zwei Brüste vielleicht. Ich finde das sehr langweilig. Ich möchte mehr von irgendwas, nicht bloss die Haut. Und zum Abschluss möchte ich noch sagen: Ich bin der Meinung, dass Humor die sanfte Brise ist, die unsere hitzigen Tage erträglich machen kann. Diese sanfte Brise weht eindeutig durch Tomiceks Aufnahmen: Der Eifelturm kann von einer mageren Tanne in den Schatten gestellt und überragt werden? Wow! Das ist fotografiertes Comic. Wahrscheinlich ist das Empörende an den Bildern ihre Einfachheit. Aber das ist bei Witzen immer die Basis: So einfach wie möglich, aber nicht einfacher (wie Einstein sagte).

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    Ulrich Brodde sagte:

    ich unterstelle timocek keinesfalls, dass er sein publikum zum narren halten will. sicherlich glaubt er das, was er sagt.
    aber für mich sind seine gedanken halt nicht nachvollziehbar, sie sind für mich pseudophilosophisches gewölk.
    „sollte nur das abgebildete selbst in den vordergrund treten, wäre mein ziel verfehlt, was weniger das sichtbare, sondern das in ihm zur ahnung gebrachte unsichtbare ist. es geht darum, den nagel auf den kopf zu treffen. ohne hammer und ohne nagel.”

    was bedeutet das? die wichtigkeit des banalen, ausgedrückt in blumigen worten um davon abzulenken, dass die von ihm produzierten bildchen auch nur banalitäten sind? auch eggleston arbeitet ähnlich, er ist international anerkannt und hochgelobt – gleichwohl kann ich auch da der anerkennung nicht folgen.

    und mit verlaub – der von stanislaus strachwitz (pseudonym?) abgelassene kommentar ist noch nicht einmal banal sondern einfach nur peinlich.

    und welche bildchen ihn offenbar interessieren sieht man ja in dem mit seinem namen verbundenen link.

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    Uli Eberhardt sagte:

    „Hurz“ ist ein wunderbarer Gag, über den ich immer wieder gerne herzlich lache. Sicher gibt es Leute, die das Publikum mit verklausulierten, vermeintlich intellektuellen Gedanken nur zum Narren halten wollen. Bei Timocek bin ich ganz bestimmt anderer Auffassung. Er zeigt uns seine Weltanschauung (im wahrsten Sinn des Wortes), über die wir sicherlich unterschiedlicher Meinung sein können. Neugierde und Offenheit für andere Positionen sind aber – für mich – grundlegende Lebenseinstellungen. Sie führen oft zu spannenden Erkenntnissen und neuen Ideen, auf die ich sonst nicht gekommen wäre. Kritik ohne jedes sachliche Fundament, Stanislaus, bringt uns gar nicht weiter. Dich selber nicht, mich auch nicht. Ich wüsste gerne, welche Bilder Dich interessieren, dann erst könnte ich Kritik ernst nehmen.

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    stanislaus strachwitz sagte:

    wer ist der typ? die bilder sind einfach nur langweilig! sry. das kommt davon wenn man den leuten in den arsch kriecht mit bussi bussi…peinlich!!!

    (Edit: Porno-Link des Verfassers gelöscht. Ich möchte mich bei der Leserschaft dafür entschuldigen, das nicht rechtzeitig gesehen zu haben.)

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