Strassenbild: Komposition und Metapher

Eine gute Gegenüberstellung simpler Details kann zu interessanten Metaphern und aussagekräftigen Fotos führen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Nicolas Bruckmann).

Kommentar des Fotografen:

Das Foto ist vor nicht allzu langer Zeit am frühen Abend auf dem Weg irgendwo hin entstanden. Ich schleppe meine Kamera eigentlich immer und überall hin mit . . . Weil ich noch auf der Suche nach meiner eigenen visuellen Sprache bin kopiere ich (natürlich nicht ausschliesslich!) gerne meine Vorbilder. In diesem Falle William Eggleston. Obwohl Mr. Eggleston, für mein Empfinden mehr „Raum“ in seinen Fotos hat, finde ich, dass Lichtstimmung, Farbigkeit und die „Banalität“ des Inhalts an ihn erinnern. Meiner Meinung nach ist das nachahmen von Vorbildern eine ziemlich gute Lernmethode, von der man sich, meint man es denn ernst, später ganz automatisch löst. Was denkt Ihr darüber?

Profi Douglas Abuelo meint zum Bild von Nicolas Bruckmann:

Ich denke, Du bist in beiderlei Hinsicht auf dem richtigen Weg. Das Nachahmen von Vorbildern ist eine ziemlich gute Lernmethode, und Dein Bild hat etwas vom Geist William Egglestons.

Egglestone schafft Werke, die an der Gesellschaft Maß nehmen, und uns zur Auseinandersetzung mit der Frage „Wer sind wir?“ zwingen können.

Obwohl Dein Bild weniger Raum aufweist, als es seine Bilder gewöhnlich tun, verfügt Dein Foto in ähnlicher Weise über Aspekte, die für Interpretation offen sind und als Kommentar zur Gesellschaft gewertet werden könnten.

Metaphorisch gesehen repräsentieren Autos offene Straßen, Freiheit und Flucht aus dem Alltag.

Das Auto auf diese Weise einzufangen, nämlich den Häusern abgewandt und aus dem Rahmen hängend, könnte andeuten, dass der Besitzer, der vielleicht sogar am Steuer sitzt, bereit ist, loszufahren, um diese kleinkarierte Szene für immer hinter sich zu lassen. Dies ist ein wirksamer Kontrast zwischen der Sicherheit des eigenen Heims und der Vertautheit der Außenwelt und dem Ungewissen.

Kein BlickfangWeil der Lufterfrischer das einzige knallfarbene Objekt in der ansonsten neutral gehaltenen Szene ist, wird unser Blick sofort von ihm angezogen. Ohne dieses (siehe Beispiel) sehr einfache, banale, und gewisserweise kitschige Element wäre das Foto nicht annährend so interessant, und es gäbe weniger Grund zu Spekulation.

Doch fragen wir uns wegen ihm, ob der Wagen nicht zu einem der Anwohner mit diesem gewissen Sinn für Style gehört, oder einen auswärtigen Besitzer hat, dem die üblichen kleinstädtischen Charaktere und Klischees fremd sind. Zugleich zeigt es, wie wir alle unsere Umwelt nach unserem jeweiligen Geschmack formen wollen, um sie für uns bequemer zu machen.

Es war ein Glück, dass Du Deine Kamera dabei hattest und diese Szene bemerkt hast, denn dieses simple Foto ist sehr interessant.

William Eggleston (Affiliate Link)

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare
  1. Schtonk! sagte:

    Also ich finde ja gerade diese Duftbäume spießig.

    Fotografisch ist das Urteil wohl korrekt, auch wenn ich das Bild nicht soooo besonders finde, aber „vielleicht sitzt der Besitzer schon am Steuer, um diese kleinkarierte Szene hinter sich zu lassen“…also das ist ziemlich gehässig und m.E. nicht angebracht, nur weil die Garagen zugegeben potthässlich sind.

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