‚Photographie‘ im Test: Das Fotografie-Magazin

Das Magazin „Photographie“ ist ein Foto-Printprodukt von altem Schrot und Korn: Bilder statt Bildchen, Inhalte statt Titel, Spitzenfotografie mit Analyse statt Punkt-für-Punkt-Anleitungen.

Photographie, Sommer-Doppelnummer

Foto-Magazine im TestWir testen und bewerten in lockerer Folge Zeitschriften zum Thema Fotografie aus aller Welt - mit Punkttabelle und Fazit.

Ein bisschen Marktgeschrei darf ja wohl sein, und so sehen wir über den inhaltlichen Schwerpunkt „Akt“ hinweg, den die Sommer-Doppelnummer des Magazins „Photographie“ präsentiert.

Einen Hinweis auf seine Klasse liefert das Blatt nämlich auch hier, indem das Titelblatt nicht eine der üblichen umsatzsteigernden Kiosk-Nackedeien in Kriegsbemalung ziert, sondern eine sensationelle Inszenierung von Gisele Bündchen im „Wasserkleid“ des brasilianischen Werbefotografen Fernando Zuffo.

„Photographie“ hebt sich nicht nur in der Schreibweise von den andern Produkten im Zeitschriftenhandel ab, die beanspruchen, sich mit Fotografie zu befassen:

Schon das Inhaltsverzeichnis setzt einen klaren Massstab.

Bilder und Geschichten

heisst die erste und wichtigste Abteilung des Hefts im ungewöhnlichen Hochformat, und mit zehn Geschichten ist dieses Ressort das gewichtigste. Natürlich werden auch in „Photographie“ Kameras und Gadgets vorgestellt, natürlich gibt es einen Objektiv-Ratgeber und mindestens einen theoretischen Fachartikel aus der Kategorie „Fototheorie“.

Aber bereits beim Durchblättern machen seitenlange Bildstrecken mit grossformatigen Aufnahmen, sorgfältigem Layout und meist erklärenden Legenden deutlich, dass sich das Blatt an Leute wendet, die lieber etwas über die neuen Realitäten in der Werbefotografie lernen, faszinierende Resultate perfekter Ausleuchtungstechnik bewundern und zwischen umwerfenden Autorennsport-Bildern noch ein wenig über die Arbeitsweise der Fotografin erfahren.

Ich greife dem Fazit vor, aber das ist gerechtfertigt, denn „Photographie“ ist das erste einer ganzen Reihe von angeblichen Foto-Magazinen die ich in Händen gehalten habe, das sich wirklich mit Fotografie befasst und nicht zwischen mehr oder weniger ansprechenden Bildern möglichst viel Technikkram unterbringt, um die Werbekunden zu befriedigen.

Das mag auch daran liegen, dass das Heft das offizielle Organ des Deutschen Verbands für Fotografie und damit der künstlerischen Fotografie verpflichtet ist.

Faszinierende An- und lesbare Einblicke

Entsprechend lesen sich die Beiträge, die im Verhältnis zu den Bildstrecken zwar relativ kurz, aber dabei angenehm zu lesen und weitgehend von Klischees, technischen Details und „trendiger“ Sprache frei sind: In einfacher, auch für Laien verständlicher und dabei für Fachleute keineswegs langweiliger Art werden in den Textblöcken meist die Fotografen, ihre Arbeitsweise und die Spezialfakten zu den einzelnen, gezeigten Bildern vorgestellt.

Dabei passt sich die Kategorisierung meiner Ansicht nach unnötig den andern Blättern an: Der Beitrag über den Topfotografen Marco Gross und seine Inszenierungen mit hartem Licht, eingereiht unter „Praxis und Knowhow“, wird angepriesen wie ein Lehrgang, ist aber vielmehr ein spannend zu lesender, gut auf die gezeigten Bilder abgestimmter Einblick in die wesentlichsten Merkmale der Arbeitsweise von Gross, angereichert mit einigen bemerkenswerten Zitaten.

Das gleiche gilt für den überaus grosszügig aufgemachten Artikel über die Autofotografin Anke Luckmann, deren spezielle Ästhetik die Menschen am Pistenrand in einem seltsam farbarmen Licht als Protagonisten des Zirkus zeigt, als den die Fotografin den Rennsport nach ihren Schilderungen erfahren hat.

Das unterscheidet sich wenig von den Beiträgen über die Diesel-Werbekampagne des Punk-Fotografen John Scarisbrick oder das auf „Authetizität“ ausgerichtet Hochgebirgs-Shooting von Stefan Schütz mit den Huber-Buam in den Dolomiten: Es sind allesamt Einblicke in die Profi-Fotowelt in Wort und vor allem Bild, die Lust machen, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten das eine oder andere auszuprobieren und die Charakteristik der jeweils ganz unterschiedlichen Bildsprache zu entdecken.

Die Vorteile von Papier gekonnt ausgespielt

Die Produzenten von „Photographie“ machen dabei von einer Eigenschaft des Papierprodukts ausgiebigen Gebrauch, welche den Kauf eines solchen Magazins im digitalen Zeitalter rechtfertigt: Die Bilder sind immer recht grossflächig und vielfach doppelseitig gedruckt, was angesichts des Überformats der Zeitschrift selbst meinen 24-Zoll-Bildschirm übertrifft.

Dabei ist die Gestaltung sorgfältig-zurückhaltend auf den jeweiligen Stoff angepasst; selbst auf einer Doppelseite mit Objektiv-Empfehlungen wurde der Kasten mit den Produktbildern mit einer Farbe hinterlegt, die dem vorherrschenden Ton des faszinierenden Beispielbilds einer Wendeltreppe in der Hamburger Speicherstadt entspricht; Die Serie über die Gewinner der Sony-Awards aus dem News-Teil gönnt nicht nur jedem Preisträger-Bild eine Seite und einen kurzen Text, sondern umrahmt die Fotos passend in einem neutralgrau und so weiter.

Abgesehen von der bedachten Gestaltung ist der Teil „News und Szene“, der sich mit den neusten Kameramodellen befasst, recht konventionell und inhaltlich wie sprachlich eher den übrigen Fotoblättern angepasst. Wenn etwa ein Autor im Vergleich der drei neuen Sony-„Schwestern“ nicht von Sätzen wie dem Abstand nehmen kann „Selten haben Kurven so stark unterstrichen, dass das Wort Kamera im Deutschen weiblich ist“, schlage ich kurzzeitig zurück zur Frontseite, um zu sehen, ob ich noch im gleichen Heft bin – aber abgesehen vom krampfhaft originellen Stil der Technik-Schreiber sind auch diese Berichte erträglich und vor allem verständlich und liefern einige Anhaltspunkte, was von der neuen Ausrüstung mich interessieren könnte.

Ein Vergnügen zum Umblättern

Und vor allem vermögen sie nichts daran zu ändern, dass jedes Umblättern einem Vergnügen wird, weil auf der nächsten Doppelseite neue fotografische Glanzleistungen prangen.

Selbst das Heftthema „Akt“ ist nicht nur in verschiedene Artikel übers ganze Magazin, sondern auch auf sehr verschiedene Stilrichtung vom fast-pornografischen des Aufmerksamkeitshaschers Petter Hegre bis zum beinahe Abstrakten von Solve Sundsbo verteilt. Dass Mittendrin dann auch noch die Gewinner des Leserwettbewerbs ihre Akte zeigen dürfen, kann man dem Magazin ebenso verzeihen wie eine ganze Seite an Lehrmeinungen zum Tamron 18-270 Megazoom, die sich liest wie die Feedback-Spalte unter einer Amazon-Produkt-Seite.

„Photographie“ ist deswegen ein erfreuliches Produkt und seinen Preis von 5 Euro / 9.80 CHF jedenfalls wert, weil es sich auf die beste Art mit dem Medium befasst, die es gibt: Mit grossen, starken Bildern und einem durchwegs künstlerischen Anspruch, der die Technik den Katalogblättern und Testwebseiten überlässt. A propos Website: Da ist bei „photographie.de“ nicht zu viel los, und Layout und Übersicht passen zum Design des Hefts wie die Faust aufs Auge. Aber so ist das nun mal mit den meisten herausragenden Printprodukten. Und „Photographie“ gehört zu denen, die ihre Vorteile gekonnt ausspielen.

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“Photographie” im Test
Verständlichkeit ******
Tiefgang ******
Nutzernähe ******
Aufmachung ******
Aktualität ******
Zusatznutzen (online) ******
Originalität ******
Präsentation ******
Sehschulung ******
Gesamtbewertung 47/54
9 Kommentare
  1. torsten sagte:

    „… nicht von Sätzen wie dem Abstand nehmen kann “Selten haben Kurven so stark unterstrichen, dass das Wort Kamera im Deutschen weiblich ist”, schlage ich kurzzeitig zurück zur Frontseite, um zu sehen, ob ich noch im gleichen Heft bin…“

    Um dann mit einer kurvigen Gisele Bündchen die Bestätigung zu bekommen? ;-)

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  2. Peter Sennhauser sagte:

    @Markus: Ich hab keine grosse Mühe mit zwei grossen Bildern und einem kurzen Text – über Roversi findet sich ja im Netz allerhand, aber die beiden Bilder in dieser Grösse sind wie gesagt eine Stärke von „Photographie“. Das Sony-Zeug scheint mir eine bezahlte Aktion zu sein, indem auch in andern Magazinen ziemlich durchsichtige „Schwerpunkte“ über den gesamten Sony-Kamerapark und Zubehör erschienen sind. Ich will „Photographie“ nichts unterstellen, bin aber überzeugt: Wenn die Leserschaft auch bei Printprodukten mehr reagieren und zeigen würde, dass sie eine Trennung von PR, Werbung und redaktionellen Inhalten absolut voraussetzt, würden die Verlage schnell über die Bücher.

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  3. Markus sagte:

    @Peter, das mit der Werbung verstehe ich natürlich voll und ganz, und grundsätzlich störe ich mich auch nicht daran – Da gibt es ganz andere Kandidaten, bei denen man die Artikel zwischen der Werbung schon mit der Lupe suchen muss. Aber den „Artikel“ über Roversi finde ich schon bemerkenswert. Zwei Bilder, wenngleich riesige, aber nur weniger als eine Viertelseite Text, dann aber gleich ein Mehrseiter über die Sony Alphas … na ja.
    Vielleicht ärgert es mich aber auch nur deshalb, weil ich gerade den Roversi so klasse finde. :)

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  4. Peter Sennhauser sagte:

    @Corinne: Leider hat Zuffo nur eine ziemlich schreckliche Flash-Site und auch keinen text zu dem Bild – und „Photographie“ ist der Vorwurf zu machen, dass ausgerechnet dieses Bild nicht weiter erläutert wird.

    @Markus: Vielleicht sollte man den Redaktoren mal ein bisschen solche Tests zukommen lassen. Das Technikzeug ist nämlich wirklich weitgehend überflüssig (aber aufgrund der Werbekunden ganz einfach unausweichlich).

    @Benny: Danke. Das kommt davon, wenn man Copy/Pasted. Aber Tabellen sind nunmal sehr mühsam zu coden.

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  5. Benny sagte:

    Wenn jetzt noch die Testwertung die richtige Überschrift, nämlich „Photographie“ und nicht „fotocommunity plus“ hätte, wäre der Artikel super passend zu dieser tollen Zeitschrift, die ich mit Begeisterung wegen der großartigen Fotos lese… :)

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  6. Markus sagte:

    Ich habe die Photographie seit ein paar Jahren abonniert und bereue es nicht. Allerdings finde ich, dass ab und zu die „technischen“ Inhalte – Kameravergleiche, etwa – etwas zu sehr Überhand nehmen und die künstlerischen Inhalte verdrängen.

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  7. Corinne ZS sagte:

    Lieber Pit, Du sorgst für mein Stück Glück heute, denn das Bild der in wallendes Wasser gekleideten Bündchen hat mich nicht mehr los gelassen, seit ich es gesehen habe. Ich bin wohl einfach Fan von nackter Haut und Wasser (siehe z. B. http://fokussiert.com/search/zena+holloway). Das Bild der nackten Frau im Aquarium finde ich leider nicht mehr – für Hinweise bin ich dankbar ;-)
    Weisst Du, wie das Bild von Bündchen im Wassergewand gemacht wurde?

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  1. […] ich dann Anfang Juli über einen Arti­kel auf fokus​siert​.com stol­perte, war meine Neu­gierde gänz­lich geweckt. Die bezau­bernde Gisele Bündchen auf dem […]

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