Kunsthalle Wien: Fotografie als Bühne

In der Kunsthalle Wien gibt’s Bilder von Thomas Ruff – und eine große Ausstellung über das fotografische Porträt.

Nan Goldin, Shiobhan in my Mirror, Berlin, 1992, DZ BANK Kunstsammlung © Nan Goldin, Courtesy Matthew Marks Gallery, New York

Von Robert Mapplethorpe bis Nan Goldin sind in der Ausstellung „Das Porträt. Fotografie als Bühne“ eine ganze Reihe von bekannten und weniger bekannten Fotografen vertreten. Wer schon immer einen tiefen Blick in das große Werk von Thomas Ruff tun wollte, ist in der Wiener Kunsthalle ebenfalls richtig.

Das Bild des Gesichts gilt traditionell als Spiegel der Seele. Ausgehend von Robert Mapplethorpes formalistischer Studiofotografie, Peter Hujars intimen psychologischen Aufnahmen und Nan Goldins visuellem Tagebuch zeigt die Wiener Ausstellung die Entwicklungen der Porträtfotografie seit 1980, so teilt die Kunsthalle Wien mit. Motiviert durch die Suche nach Schönheit und der eigenen Bildsprache, durch Mitgefühl und Zuneigung haben Künstlerinnen und Künstler seither eine unkonventionelle Kunst des Porträtierens entwickelt, die sowohl Glamour und Inszenierung als auch radikalen Realismus, Schnappschuss und dokumentarische Bilder umfasst.

Robert Mapplethorpe, Ken Moody and Robert Sherman, 1983,

Zeitgenössische Porträtfotografie, die keiner Beschränkung mehr unterliegt, stellt den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt und befragt das Verhältnis von Gesellschaft und Subjekt. Ob Liebhaber, Freunde oder Familie bei Sally Mann und Tina Barney, ob Hollywoodstar bei Greg Gorman oder Rockmusiker bei Anton Corbijn, Jugendliche bei Rineke Dijkstra oder Dorfbewohner bei Roger Ballen: Die Porträtierten und ihr sozialer Hintergrund sind so vielfältig wie die verschiedenen künstlerischen Zugangsweisen.

Der Übergang zum digital erzeugten oder bearbeiteten Porträt wird durch Valérie Belin vertreten, deren Modelle sich der dem Ausdruck von Schaufensterpuppen nähern. Anthony Gayton reproduziert historische Fotografie des 19. Jahrhunderts und lässt das Porträt zur Fiktion werden. Insgesamt entsteht so ein Spektrum des Menschenbildes von heute.

Sally Mann, Holding Virginia, 1989,Amy Elkins, Bon, Brooklyn, NY, 2008, Die Ausstellung von Thomas Ruff ist gleich in der Halle nebendran. Er ist ein scharfer und konzentrierter Beobachter seiner Motive. Die Serie von großformatigen Porträts beispielsweise, an der Ruff seit 1986 arbeitet und für die er international bekannt wurde, imponiert durch die beharrliche Emotionslosigkeit, mit der die ihm meist nahestehenden Modelle festgehalten sind. Diese Herangehensweise verhilft ihm zu einem fast chirurgischen Blick, der alles bis ins kleinste Detail gleichwertig wiedergibt.

Von den „Stereoskopien“ aus dem städtebaulichen Mythos Brasilia bis hin zu digitalen Verarbeitungen von auf der NASA-Website frei verfügbaren Bildern des Planenten Saturn ergründet Ruff die Begriffe des Exemplarischen, der Objektivität, der Wirklichkeit und des Zeitgeistes. Über den Begriff der Wirklichkeit sagt er: „Die Wirklichkeit vor der Kamera ist Wirklichkeit ersten Grades, die Abbildung der Wirklichkeit vor der Kamera ist Wirklichkeit zweiten Grades, danach gibt es alle möglichen Abstufungen und Verfälschungen.“

 Thomas Ruff, Porträt (S. Weirauch), 1988

Zeitgerecht zum internationalen Astronomiejahr 2009 zeigt Thomas Ruff erstmals umfangreich Arbeiten aus seiner aktuellsten Serie „cassini“ — subtil manipulierte, von der Cassini-Raumsonde aufgenommene Bilder des Saturn und seiner Monde.

Vor 400 Jahren öffnete der italienische Astronom Galileo Galilei mit seinem Teleskop den Blick zum Himmel. Er revolutionierte damit das Selbstbild des Menschen in Bezug auf das Universum, aber auch sein Verständnis von und den Umgang mit den Begriffen Nähe und Ferne, Oberfläche und Tiefe. „Oberflächen, Tiefen“ – so heißt auch die Ausstellung, die mit insgesamt rund 150 Einzelwerken einen umfassenden Einblick in das vielfältige Schaffen von Thomas Ruff ermöglicht.

Thomas Ruff, zycles 3045, 2008,  Thomas Ruff, Interieur 5D (Tegernsee), 1982,

Ruff, Jahrgang 1958, studierte an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Bernd und Hilla Becher und wird zusammen mit Andreas Gursky, Candida Höfer, Axel Hütte und Thomas Struth zu ebendieser „Düsseldorfer Schule“ gerechnet. fokussiert.com berichtete über die Düsseldorfer Akademie.

 Thomas Ruff, cassini 03, 2008,

Das Porträt. Fotografie als Bühne
Bis 18. Oktober, Halle 2

Thomas Ruff – Oberflächen, Tiefen
Bis 13. September, Halle 1
Kunsthalle Wien, Museumsplatz 1, A-1070 Wien
+43 (0)1 521890, office@kunsthallewien.at
Geöffnet täglich 10 – 19 Uhr, donnerstags 10 – 22 Uhr

Kunsthalle Wien
Wochenzeitung Die Zeit: Ein Porträt von Thomas Ruff

1 Antwort

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] Das Bild des Gesichts gilt traditionell als Spiegel der Seele. Ausgehend von Robert Mapplethorpes formalistischer Studiofotografie, Peter Hujars intimen psychologischen Aufnahmen und Nan Goldins visuellem Tagebuch zeigt die Wiener Ausstellung die Entwicklungen der Porträtfotografie seit 1980, so teilt die Kunsthalle Wien mit. Motiviert durch die Suche nach Schönheit und der eigenen Bildsprache, durch Mitgefühl und Zuneigung haben Künstlerinnen und Künstler seither eine unkonventionelle Kunst des Porträtierens entwickelt, die sowohl Glamour und Inszenierung als auch radikalen Realismus, Schnappschuss und dokumentarische Bilder umfasst. Mehr finden Sie unter fokussiert.com […]

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar zu Kunsthalle Wien: Fotografie als Bühne | Wien Reisen - Kultur und Erholung Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.