Fotografien vom Bodensee-Winter: Was Projektarbeit bringt

Ralf Augustin wollte (wieder) in die Fotografie einsteigen. Statt orientierungslos auf Bildersuche zu gehen, hat er sich ein Projekt gegeben. Das Resultat ist eine Bildserie, die sich sehen lassen kann.

Badetreppe (© Ralf Augustin)

Das Bild vom Sprungtum im Strandbad war der Anlass für mich, den Lehrer und Fotografen Ralf Augustin zu kontaktieren: Er hatte selber in der Bildbeschreibung angemerkt, dass die Fotografie Teile einer Serie, eines fotografischen Projekts war.

[photos title=“Winter am Bodensee – © Ralf Augustin“ pics=“2 3 4 5″]

Erstens hat mich die besprochene Aufnahme gefesselt, wie man der Kritik wohl unschwer anmerkt. Und zweitens höre ich immer wieder (und stelle es auch bei den Profis fest), dass man sich als Fotograf am schnellsten weiter entwickelt und Fortschritte macht, indem man sich einem konkreten Projekt widmet.

Ralf, seit seinem 14. Lebensjahr Fotograf, hat sich mit der D3 von Nikon die erste Digitalkamera geleistet, die seinen (offensichtlich recht hohen…) Ansprüchen genügt. Und dann hat er sich nach einiger theoretischen Inspiration aus verschiedenen Quellen für den Wiedereinstieg in die Fotografie via Projekt entschieden.

Die Selbstgegebene Aufgabe bestand darin, den Winter und seine Stimmung und Besonderheiten rund um den Bodensee einzufangen. das Resultat sind, meiner Ansicht nach, erstaunliche Bilder von grosser Kraft und einem sehr persönlichen Stil – etwas, was viele Hobbyfotografen lange vergeblich anstreben und sich auf der permanenten Suche vielfach verlieren. Die Auswirkungen des Projekts beschreibt Ralf selber so:

Dabei habe ich meine Kamera kennen gelernt, mein fotografisches Auge trainiert, den Wert eines guten Statives zu schätzen gelernt, etc, etc. Und nicht zu vergessen, habe hunderte Kilometer abgespult, bin viel zu früh aufgestanden, ergebnislos tiefgefroren und frustriert ohne Bild wieder nach Hause gekommen. Kurz gesagt: Gnadenlos meine Unzulänglichkeiten aufgezeigt bekommen und meinen Frustrationspegel ausgelotet.

Ist das jetzt alles? Eine Bildserie, eine länger andauernde Erfahrung – und dann auch noch eine Folge-Erfahrung: Seit April, schreibt Ralf, habe er kein einziges vernünftiges Bild mehr geschossen.

Aber da kommt ein weiterer Teil der „Projekt-Therapie“ ins Spiel: Nicht nachlassen, auch wenn über längere zeiträume vermeintlich nichts mehr gelingt (das hat mir auch schon George Barr gesagt, der übrigens in seinem Buch einen ganzen Text zur Frustration und Motivation veröffentlicht hat). Im Herbst wird Ralf weitermachen mit der Bodensee-Serie und dem Projekt; ausserdem steht eine Reise nach New England an, die Motive im Indian Summer ohne Ende bieten dürfte (und mich schon neidisch macht).

Ansonsten möchte ich mich zukünftig wieder mal intensiv mit der Reportagefotografie auseinandersetzen. Obwohl ich weiss, dass man als Hobbyist sich nicht allzu sehr verkrampfen sollte, ist es mir doch wichtig, die einzelnen Bereiche intensiv zu erarbeiten und auch in irgend einer Form abzuschliessen.

Ein Vorsatz, der mit den Projekten eigentlich teilweise bereits erfüllt ist, aber ennoch immer wieder bedenkenswert ist: Ich bin nach jedem Gespräch über Strassenfotografie versucht, es damit zu probieren; bleibe nach einem Landschafts-Fotografie-Workshop überzeugt, ein Landschafts-Fotograf zu sein und konnte mich mehrfach nur knapp bremsen, eine kleine Porträt-Studiobeleuchtungsanlage zu kaufen.

Nichts spricht dagegen, all diese Dinge zu tun und jedes Genre zu versuchen. Aber wirkliche Fortschritte macht man dabei wohl am besten, wenn man sich jeweils eine Aufgabe stellt und sie, notfalls auch über längere Zeiträume und auch in Überschneidung mit andern Projekten, durchzieht.

10 Kommentare
  1. Kopfgedanken sagte:

    Eine wirklich beeindruckende Fotoserie!

    Die im Artikel angesprochene Projektarbeit und ihre Vorteile (sowie auch die kleinen Enttäuschungen) halte ich ebenfalls für wichtig, um sich weiterzuentwickeln. Mein Problem mit länger währenden Projekten ist der Alltag. Nicht immer lässt sich das gut einarbeiten und bleibt so leider doch auf der Strecke. Aber vielleicht gehört auch das zum Durchhalten!? ;)

    Antworten
  2. bee sagte:

    Eine sehr schöne Anregung und ein Mutmach-Artikel. Nicht gleich aufgeben, sondern durchhalten!

    Die Fotoserie ist phantastisch! Klar, reduziert, wunderbare Farben! Ralf, lass dich bloß nicht entmutigen. Du hast einfach den Blick für gute Motive, bleib ja dabei. Und ich möchte mehr Bilder von dir sehen, wenn es geht.

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  3. Esther Bachmann sagte:

    Weil die Fotografie so viele Möglichkeiten bietet, ist es auch wahnsinnig schwer mit den vielen verpassten umzugehen, auszuwählen, wegzulassen, sich für eine/einige zu entscheiden und dran zu bleiben…
    Ist es nun tröslich oder frustierend, dass auch Fortgeschrittene davor nicht gefeit sind?

    @Ralf
    hoffentlich bekommen wir etwas aus der Herbst-Bodensee-Serie zu sehen

    Grüsse, Esther

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  1. […] ein tolles Bild, und der vernebelte Hintergrund ist ohnehin ein Motivteil und eine Art der Freistellung, die ich zu schätzen gelernt […]

  2. […] Ralf Augustin hat einen Winter lang rund um den Bodensee fotografiert und ein beeindruckendes Portfolio aufgebaut. Solche Projekte können einen enorm weiterbringen und helfen, den Fokus zu behalten. […]

  3. […] Ralf Augustin hat einen Winter lang rund um den Bodensee fotografiert und ein beeindruckendes Portfolio aufgebaut. Solche Projekte können einen enorm weiterbringen und helfen, den Fokus zu behalten. […]

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