Krisenfotograf Emilio Morenatti: Kontraste

Der verletzte Emilio Morenatti ist in den USA in ein Rehabilitationsspital verlegt worden und guter Dinge. Wir werfen einen weiteren Blick auf seine Arbeit.

Der Ballonmann. Klick zur Bildstrecke mit Emilio Morenattis einzigartigen Bildern.

Emilio Morenatti und Frau Marta. (keystone)AP-Fotograf Emilio Morenatti, lange vor seiner schweren Verletzung durch eine Strassenbombe Mitte August beim Einsatz in Afghanistan mit amerikanischen Truppen ein Star, ist in den USA in ein Rehabilitationszentrum in Baltimore eingeliefert worden – und fotografiert dort unentwegt weiter.

Morenatti und seine Frau Marta Ramoneda scheinen guter Dinge zu sein:

Er denke, er werde OK sein, sagte Morenatti, er sei vollständig optimistisch. Morenatti musste der linke Fuss amputiert werden.

Ich habe mir nochmals einige tausend seiner Pressebilder angesehen und eine Auswahl getroffen, welche vielleicht etwas von der Kunst des Krisenfotografen offenbart, der mehrfach ausgezeichnet worden ist und dessen Bilder weit jenseits der Nachrichtenfotografie einen künstlerischen Wert haben, dem man sich nicht entziehen kann:

Morenatti fotografiert seine Verlegung. (keystone).Dabei ist mir aufgefallen, dass der Stil des 40jährigen Spaniers sich in den letzten Jahren und vor allem in Pakistan und Afghanistan entwickelt hat. Seine Bilder fallen fast durchwegs durch extreme Lichtkompositionen, meist in der Dämmerung fotografiert, auf. Die meisten Aufnahmen sind leicht vignettiert (das heisst, sie haben eine Randabdunkelung) und sind mit weit geöffneter Blende und lichtstarkem Objektiv aufgenommen. Fast immer weist das spärliche Licht ganz direkt auf das Hauptmotiv, das dadurch nicht im Zentrum des Bildes stehen muss. Die Aufnahmen sind geprägt von starken Kontrasten: Licht und Schatten; Farbe und Pastell, Stillstand und Bewegung. Dabei drängen sich diese Gegensätze niemals zu stark auf, sondern dienen dem Bild sanft zur Unterstützung des Motivs.

[photos title=“Emilio Morenatti“ pics= „2 3 5 11“]

Ein weiteres Merkmal besteht darin, dass die Menschen, die er fotografiert, ihn ausser in gestellten Porträts niemals wahrzunehmen scheinen: Es wirkt, als wäre der Fotograf unsichtbar gewesen, wir werden als Beobachter bisweilen schon fast unverschämt hautnah Zeugen dieser Momente im Leben von Menschen, die andere Sorgen haben, als sich um den Fotografen zu scheren.

Morenattis herausragendste Fotografien haben meistens keinen aktuellen News-Charakter, sondern illustrieren das Alltagsleben der Menschen in der Region, in welcher er arbeitet. Zwischen den Aufnahmen aus seiner Zeit in Palästina (wo er von militanten Palästinensern entführt wurde) und aus Spanien und denen aus Pakistan und Afghanistan ist die Entwicklung des Stils hin zu den lichtärmeren Available-Light-Dokumentationen und der Vignettierung erkennbar. In meiner täglichen Durchsicht der aktuellen Agentur-Fotos sind mir Morenattis Bilder schon immer sofort aufgefallen.

11 Kommentare
  1. Corinne ZS sagte:

    … und eine Bildserie, für die Morenatti einen (weiteren) Preis gewonnen hat, den FotoPres’09. Die Bildserie heisst „Violencia de género, Pakistán“, also Geschlechtergewalt, Pakistan, und wird noch bis zum 21. Februar im Caixa Forum Barcelona gezeigt. Leider fand ich nirgendwo einen geeigneten Link zur Serie und muss deshalb auf die Youtube-Beiträge zum Thema verweisen („Morenatti“ und „Fotopres’09“ eingeben). Achtung: Nur für Menschen mit starken Nerven, die Bilder dieser Form der häuslichen Gewalt gegen Frauen sind entsetzlich.

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  2. Ursula Bolle sagte:

    Man muß nur sehen,um zu verstehen…
    Jedes Foto von E.M. hat seine Geschichte,zeigt sein tiefes Engagement u. gibt einem das Gefühl, für einen Moment dabei zu sein. Das Handwerk eines Künstlers ist Voraussetzung, aber wie E. M. es umsetzt, ist schlicht u. ergreifend GENIAL.Im Innersten berühren seine Bilder u. seine Thematik zu tiefst. Eine Fotoausstellung in Barcelona von ihm(mit noch anderen Fotografen) im „Caixa FOrum“ zeigt 9 Fotos von pakistanischen Frauen, dessen Gesichter durch Säure verstümmelt wurder. Es ist ein stillerAufschrei an die Welt…

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  3. Corinne ZS sagte:

    Seine Bilder haben, natürlich weil sie so unglaublich schön sind, auch gleich eine Kontroverse darüber ausgelöst, wie schön Bilder aus einer Krisenregion sein dürfen. (Sorry für „Krisenregion“. Ist eine unpassende Bezeichnung, bin aber gerade zu faul, um die richtige aus meinem verstaubten internen Thesaurus rauszusuchen). Ich könnte Morenatti deshalb nicht anklagen, denn sein Blick ist für mich vor allem unglaublich menschlich. Das heisst, ich finde, er sieht vor allem die Menschen vor seiner Kamera, nicht in erster Linie die Ästhetik (was zur Zeit gerade Michel Compte vorgeworfen wird und, wie ich meine, zu recht).

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  4. Maximilian Motel sagte:

    Wirklich unglaubliche Bilder, die eine Kultur näher bringen, zu der man sonst schwer Zugang erhält, um die Aufnahmen selber zu erleben.
    Weiter sind die Bilder auch rein ästhetisch betrachtet sehr wertvoll und inspirierend.
    Danke auf jeden Fall fürs Präsentieren! Und wirklich beeindruckend, wie jung der Fotograf noch ist und sich trotzdem immer wieder extremen Gefahren aussetzt!

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  5. Corinne ZS sagte:

    Dennis Stock von Magnum nennt die Bilder „pure art“, reine Kunst. Und Michele McNally von The Times meint:
    “On a daily basis, Morenatti conistently produces a series of powerful, stellar images; wherever he is. He has a unique, sensitive eye. He is a master of light and color, framing and narrative. You can always tell it is a Morenatti picture.” (Täglich liefert Morenatti starke, herausragende Bilder, wo immer er gerade ist. Er hat einen aussergewöhnlichen, sensiblen Blick. Er ist ein Meister des Lichts und der Farbe, des Ausschnitts und des Erzählens. Du erkennst einen Morenatti sofort.)
    Zu Bild 12 der Fotostrecke: Es dürfte sich wohl eher ums Schächten denn ums Schlachten handeln. Auch das Messer und das Blut lassen darauf schliessen. Schächten heisst, dem Tier wird mit einem kräftigen Schnitt die Gurgel durchgeschnitten (Luftröhre und Blutbahnen), während ihm Koranverse ins Ohr gesprochen werden. Das Tier wird also langsam ohnmächtig, bevor es wirklich tot ist. (Falls es nicht, der Moral wegen, vorher elektrisch betäubt wird.)
    Bild 19 scheint nicht von dieser Welt. Wo hat der nur sein Licht her!?
    Ich könnte schon nur aus den diesjährigen Bildern mehrere auswählen, die für mich Ikonen der Fotografie sind (und meinen Blick unwiderruflich verändert haben).
    Morenatti hat eine eigene Homepage, bei mir funktioniert sie allerdings nicht (was an mir/meinem Compi liegen kann): http://www.emiliomorenatti.com
    PS: Ich hoffe, ich werde nicht geschächtet, weil ich Zitate aus dem Internet über Morenatti ungefragt wiedergebe.

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