Babyporträt: Das Filmstar-Format

Die Ästhetik der Fotografie orientiert sich gerne auch an andern Medien – hier mit einem Kleinkind-Porträt im 16:9-Breitwandformat.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Sven Kellenberger)

Kommentar des Fotografen:

Dieses Foto zeigt den nachdenklich, verträumten Blick von Oliver an seinem ersten Geburtstag. Ein erhöhter Standort des Fotografen ist ja normalerweise bei einem Kinderportrait nicht ideal, allerdings empfinde ich es in diesem Fall nicht unbedingt als störend. In meinen Augen macht es das Foto sogar interessanter.

Trotzdem habe ich mit der Wahl des Formates 16:9 diese Tatsache etwas abzumildern versucht. Auch habe ich versucht mit diesem Format an die Grossaufnahmen von Filmstars, wie man Sie von der Kinoleinwand kennt, zu erinnern. Mit der Bearbeitung in Schwarzweiss wollte ich diesen Effekt noch etwas verstärken.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Sven Kellenberger:

Oliver, offenbar des Fotografen Sohn, blickt in diesem Breitformat-Porträt in Schwarz-Weiss von schräg unten nach rechts an der Kamera vorbei. Der verträumte, nachdenkliche Blick des Jungen sticht ins Auge, das Porträt wirkt, wie von Sven beabsichtigt, ein wenig wie das Standbild eines Films.

Grundsätzlich finde ich deine Analyse in fast allen Punkten treffend:

Ein Blickwinkel von oben ist für Porträts in der Regel nicht wünschbar (ebenso wenig wie von unten, was den Porträtierten schnell arrogant erscheinen lässt – von unschönen Details im Körperprofil wie Doppelkinn etc mal abgesehen…), der Einsatz von Blitz und andern Kunstlichtern verlangt Vorbereitung und Planung, und Schwarz-Weiss kann bei Porträts grade so reduzieren, dass die wichtigsten Eigenschaften des Motivs stärker hervortreten.

Dieses Porträt ist vom technischen Standpunkt her auch in der Umsetzung gelungen; die Brennweite von 50mm respektive 80mm auf der APS-C-Canon ist eine gute Porträt-Länge, und die Blende von 3.2 sorgt für just das richtige Mass an Freistellung. Der Blickwinkel ist in dieser Aufnahme nicht störend, abgesehen davon, dass Kleinkinder im „realen leben“ auch häufig zu uns aufsehen. Die Schrägstellung des ganzen Ausschnitts wirkt, ebenso wie der ganz leicht vom Objektiv abgewandte Blick des Kleinen, positiv auf die Bildspannung.

Was den Blitz angeht, liesse sich indes noch anmerken, dass ein stark gezügelter interner Blitz zusätzlich zum indirekten externen grade bei solchen Aufnahmen als Spitzlicht-Produzent in den Augen des Motivs gar nicht so schlecht funktioniert. Nicht umsonst verwenden Profis häufig Ringblitze, um den Augen des Modells Glanz und eine spannende Spiegelung zu verpassen.

Zum Beschnitt des Bildes im Breiten-Format moderner Fernsehgeräte mit 16:9: Solche Referenzen an ein anderes Medium, namentlich den Film (wobei Cinemascope, die echte, alte Breitleinwand, einem Verhältnis von 1:2.39 entspricht) können durchaus ihre Wirkung zeigen.

Nur stellt sich Dir das gleiche Problem wie den Filmregisseuren, welche mit flachen Rahmen wie dem gängigen 1:1.85-Format Bilder schaffen müssen, die das Format füllen. Kinofilme mit Vertikalen sind deswegen besondere Herausforderungen für Kameraleute und Regisseure – eine Western-Wüste ist wesentlich besser zu inszenieren als eine Hochhausschlucht mit einem Spinnenmann drin…

Meister wie Sergio Leone haben sich das Format mit Extremen zu Nutze gemacht, bis hin zu Revolver-Duellen, welche die Gegner ganz an den Bildrändern und dazwischen nichts zeigen (was im Beschnitt für TV-Ausstrahlung zu erbärmlichen Hin- und Her- Schnitten führt).

Der kritische Punkt in der Aufnahme Deines Sohnes ist der leere Bildteil links. Dort muss nun keineswegs ein Duell-Gegner oder auch nur sonst ein Objekt vorhanden sein – aber der Raum muss irgendwie mit dem Modell in Verbindung gebracht werden, sonst wirkt er überflüssig und ablenkend.

Konkret wäre es beispielsweise wünschbar, dass der Raum eher rechts zu sehen ist, die Blickrichtung des Kleinen unterstützt und seine Abwendung antizipiert – hier ist allerdings kaum anzunehmen, dass sich Oliver nächstens nach links abdrehen wird.

Experimente mit ungewöhnlichen Bildformaten sind eine spannende und lohnenswerte Sache, weil sie, auch wenn man mit bereits gemachten Bildern herumspielt, das Auge schulen. Allerdings ist dabei schnell erkennbar, dass die Entscheidung für ein Format und einen Bildbeschnitt für den Betrachter nachvollziehbar sein muss, weil er ansonsten das ganze Bild aus dem Gleichgewicht kippen kann – und damit ist auch klar, dass das Format mit dem Motiv in Einklang stehen muss.

So wird die Raumaufteilung bei extrem schmalen Formaten zur Knacknuss, während Quadrate sich für Symmetrien eignen, und so fort. Deswegen sollte die „Beschneidung“ des Bildes idealerweise im Kopf des Fotografen noch vor dem Drücken des Auslösers erfolgen. Weil das eine der schwierigsten Seiten der Fotografie ist – die Sensoren und die Sucher unserer Kameras haben nun mal ein festes Format – bieten einige Kompaktkameras inzwischen auch Umschaltfunktionen auf verschiedene Seitenverhältnisse, was sinnvoll sein kann, wenn man den Monitor als Sucher benützt – im Fall einer Spiegelreflex aber eben nicht praktikabel ist.

Ein sehr umfangreiches und lesenswertes Werk (ich arbeite noch dran) zur Komposition und insbesondere den Bildformaten ist Michael Freemans „Der fotografische Blick“ (Affiliate-Link), auf Deutsch erschienen im Markt und Technik Verlag, auf Englisch als „Photographer’s Eye“ (Affiliate-Link) bei Ilex als Taschenbuch und aufdatiert mit spezieller Referenz für die Digitalfotografie erhältlich.

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