Grillabendportrait: Abgedrängtes Motiv

Wenn das Hauptmotiv zu sehr an den Rand gedrängt wird, muss das Auge lange suchen. Wenn der Rest des Bildes dann noch schnöder Himmel ist, verliert das Foto an Kraft.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Stefan Schöbi).

Kommentar des Fotografen:

Grillabendportrait, externer Blitz

Profi Robert Kneschke meint zum Bild von Stefan Schöbi:

Kann so ein Foto 1’600 Euro wert sein? Vielleicht: Die Fotografin Jitka Hanzlová aus der Tschechischen Republik hatte mal eine Ausstellung namens „Bewohner“, in der ein Foto von einer ernsten rothaarigen Frau auf einem Balkon vor Hochäusern zu sehen war.

Bei einer Fotografie-Auktion von Van Ham letztes Jahr betrug der Schätzpreis für die Fotografie die erwähnten 1.600 Euro.

Dieses Bild sieht ähnlich aus. Ein ernster junger Mann auf einem Balkon vor Hochhäusern in einer Großstadt.

Aber eben nur ähnlich. Zum einen schaut der Mann unten rechts aus der Ecke des Fotos, als ob gar nicht geplant war, dass er dort auftaucht.

Der Himmel nimmt fast genau die Hälfte des Bildes ein. Dieser Schnitt führt auch dazu, dass die Komposition auf mich langweilig wirkt.

Es ist ein nettes Portrait, vorausgesetzt, der Portraitierte möchte so ernst und cool wirken.

Aber der Grillierabend ist nicht erkennbar. Insgesamt wirkt das Bild ohne Biss. Ich habe eine Weile gebraucht, um Vermutungen zu formulieren, warum das so sein könnte:

Grillabend-Porträt, bearbeitet.Zum einen die erwähnte Aufteilung. Der Mensch zu sehr am Rand, das „Füllmaterial“ (Wolken und Gebäude links) dominieren das Foto zu sehr. Außerdem wirkt der Farbton künstlich, nicht wie die warme Sonnenuntergangsstimmung, die erwartet werden könnte. Aber was heißt Farben? Hier wurde so an den Reglern gedreht, dass die Farben fast zu Grautönen mit leichtem Farbhauch degradiert werden.

Zumindest den einen Punkt kann man ändern. Ich habe den Himmel mal stark beschnitten, und auf einmal rückt das Hauptmotiv mehr ins Zentrum. Außerdem habe ich die Lichter leicht verstärkt, damit die Straße unten nicht zu schnell ins Schwarze absäuft.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Kommentare
  1. Stefan S sagte:

    Vielen Dank für die Kritik!

    Der Titel ist nicht passend, da stimme ich vollkommen zu!
    Die Komposition und die Bearbeitung sind allerdings gewollt so gemacht.

    Die dunkle Strasse und die dunkeln Häuser wirken bedrückend auf das Portrait, welches im Gegensatz sehr gut augeläuchtet ist und somit das Auge sehrwohl auf sich zieht. Der junge Mann wird von der Szenerie geradezu erdrückt, was meiner Meinung nach das Portait und den ernsten Blick noch verstärkt. Dennoch ist mit dem hellen grossen Himmel noch Luft um zu atmen, was den Biss, die Stärke und die Freiheit des Porträtierten erahnen lässt. Man weiss nicht immer wohin der Weg einem führt, es gibt Zeiten da läuft man mit geschlossennen Augen durch dunkle Strassen, und doch ist da ein Licht am Horizont.

    Die Ästetik geht mit dem Schnitt in der Mitte vieleicht etwas verloren, erhöht aber die Aussagekraft des Bildes und lässt Freiheit für eine Interpretation?!

    Die Position des jungen Mannes im rechten unteren Eck ist Bewusst gewählt, sie vollendet die Reihe der Häuserblocks parallel zum Verlauf der Strasse, somit wird die Verbindung von Hintergrund und Vordergrund hergestellt.

    Achtung das ist kein Werbeportrait welches Geborgenheit und Fröhlichkeit aussenden soll. In diesem Sinne, wenn das Bild in Ihnen doch das Verlangen „etwas zu kaufen“ ausgelöst hat, mit 1600 Euro wäre ich zufrieden. Vielen Dank der Vergleich war Spitze :)

    Weitere Kritiken und Interpretationen würden mich freuen!

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  2. Corinne ZS sagte:

    Ich finde das Bild extrem faszinierend, auch wegen der Farbtöne, aber nicht nur. Der direkte Blick des Mannes in die Kamera und unser Blick hin und her, vom Mann auf die Autos, das ist spannend (und mit der Änderung der Helligkeit im korrigierten Bild noch besser). Ich hätte übrigens genau wie Kneschke geschnitten.
    Für mich ist das ein echtes Porträt, ein Porträt mit Mysterium. Kein Model-verträumtguck-unschuldigtu-Hochglanzbild. Ich sehe einen Menschen und einen Ort, durch den ich mit den Augen wandere, und nicht bloss das, was der Fotograf, die Fotografin mit Tricks in uns auslösen wollte.

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  3. Lukas Eggler sagte:

    Ich finde, der Porträtierte „lehnt“ sich zu sehr ins Bild hinein. Vermutlich wurde versucht, möglichst nah an den Rand des Daches heranzugehen, so dass auch die Häuserschlucht besser ins Bild kommt, das wirkt meiner Meinung nach etwas unnatürlich.
    Ansonsten finde ich den Horizont interessant, mit seinem sanften Farbverlauf und leichter Vignettierung, aber vom Hauptmotiv ablenkend.

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