Porträt auf den Geleisen:
Schöne Idee, unglücklicher Ausschnitt

Bei Porträtfotos spielen die Verbindung zum Menschen, das Licht und der Auschnitt eine große Rolle. Hier stimmt jedenfalls die Verbindung zum Menschen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© André Bax).

Kommentar des Fotografen:

Ich versuchte hier ein Umgebungsportrait zu schaffen, das dem Modell auch Raum für seine Persönlichkeit gibt. Bewußt möchte ich auf Farbe und Weichzeichner-Techniken verzichten. Ich bin ja Eure harte Kritik schon gewohnt ;) Also immer haut drauf ))

Profi Jan Zappner meint zum Bild von André Bax:

Du erwartest eine harte Kritik? Nun, bevor ich zum Sahnehäubchen komme dieses: Auf deinem Flickr-Stream sehe ich einige Varianten dieses Portraits. Vor allem sehe ich aber, dass die Bilder dort bearbeitet sind. Und zwar ziemlich gut. Die Kontraste sind verstärkt, die Schärfe nachgebessert, einzelne Bildbereiche explizit bearbeitet.

Bei dem eingereichten Bild auf fokussiert sehe ich nichts davon. Gar nichts. Also entweder es ist dir hier egal oder es hat vielleicht jemand anderes für dich gemacht. Auf jeden Fall verstehe ich es nicht, denn qualitativ ändert sich durch die Bearbeitung doch eine ganze Menge. Deshalb die dringliche Bitte, keine so unbearbeiteten Bilder einzureichen. Die Nachbearbeitung gehört zum Prozess des Fotografierens dazu.

Was mir auffällt an diesem und den anderen Bildern auf Flickr: Du hast ein gutes Gespür für Menschen. Mir gefällt die Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit, die Dion (der Portraitierte) ausstrahlt. Diese Fähigkeit hat nicht jeder Fotograf. Es macht Dir und den Menschen vor der Kamera Spaß, zusammen an einem Bild zu arbeiten. Das ist sehr gut.

Was mir weniger gefällt ist Dein Framing, also die Wahl des Ausschnitts. Ich finde ihn zu wahllos, beliebig. Die Szene auf dem Bahndamm mit den Eisenbahngleisen und dem Wald im Hintergrund ist gut gewählt. Jedoch ist im Bild selber nach meinem Geschmack einfach zu viel von jedem Element zu sehen: Damit verlieren alle Elemente zusammen wieder an Bedeutung, vor allem aber der Mensch.

Konkret: Mir ist zu viel Platz links neben dem Menschen. Der Rucksack ist ein wenig achtlos zur Seite gelegt. Die Gleise sind nicht wirklich ins Bild integriert. Ein Fuß ist halb abgeschnitten.

Probier bei Gleisen das nächste Mal eine mittig, hochformatige Komposition aus. Dion zwischen die Gleise setzen und die Gleise von unten nach oben durchs Bild laufen lassen, einfach zum üben eines Linienverlaufs.

So, und nun das Sahnehäubchen. Das Hochkant-Bild von Dion auf Flickr ist richtig, richtig gut. Aufteilung, Stimmung und Bearbeitung passen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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13 Antworten
  1. Roland Horni says:

    Als ich das Bild im Tumb sah, gefiel es mir sofort, deshalb habe ich es auch angeklickt. Das erste, das mir auffiel beim Betrachten des Vollbildes war der abgeschnittene Fuss, es wirkt so zufällig, sicher hat das der Fotograf nicht bewusst gewollt. Der Rest der Bildkomposition ist meines Erachtens aber in Ordnung. Es entsteht bei mir der Eindruck von Fernweh, fast von Verzweiflung. Da sitz ich nun und habe doch schon meinen Daumen wundgestreckt, doch alle Züge brausten vorbei, nun blockiere ich eben mal die Strecke…;-)Der so achtlos hingeworfene Rucksack drückt doch diese „Verzweiflung“ aus.
    Nun, das ist meine Geschichte, die ich da so aus dem Bild lese, ein anderer Betrachter mag das anders sehen und die Absicht des Fotografen war sicher auch nicht die meiner Betrachtungsweise.
    Zur Problematik der Abstimmung von Hauttönen möchte ich Dir den Typ geben: versuche bei der SW-Umwandlung diese zu steuern, indem Du die Regler für Rot, Gelb und Grün verschiebst, bis es passt. Wenn nötig, aber etwas zeitaufwändig, vorher maskieren, sollte es ganz genau werden, möglichst mit dem Zeichenstift und dann den Pfad in eine Auswahl umwandeln. Dies verhindert, dass durch z.B. Verschieben des Rot- oder Grünreglers auch das Grün der Wiese und des Waldes verändert werden, was von Dir vielleicht nicht gewollt ist.

    Zum Bild auf Flickr: Hier zeigt sich wieder exemplarisch, das bessere ist der Feind des Guten!

    Zur Diskussion um die Gefährlichkeit von Fotoshootings auf und um Geleise: ich denke mir mal, der Fotograf hat da gewusst, was er tat und das Geleise war ausser Betrieb. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

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  2. Schtonk! says:

    @Andre: Ok, ich glaubs Dir. Erkennen kann man das halt nicht. Und damit bleibt das Problem mit der Vorbildfunktion.

    Und @Peter, sorry, wenn man immer wieder 2-3h später ins Büro kommt wegen „Personenschaden“ auf der Bahnstrecke, ist man vielleicht etwas übersensibel.

    Daß das Bild selbst schön ist, bestreitet ja niemand. Aber ich dachte auch sofort dran „huch, soll der Rucksack geköpft werden“? Und wenn dann noch in der Kritik der Vorschlag kommt, sich ins Gleis zu setzen…dafür kann der Fotograf nichts, aber der Rezensent hat anscheinend nicht nachgedacht…dieses Gleis schaut halt einfach benutzt aus, da kann man solche Gedanken bekommen.

    (Was habe ich im ersten Post eigentlich Schlimmes geschrieben, daß der nicht erscheint?)

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  3. Peter Sennhauser says:

    @Uwe: In der Tat, emotional werden sollte man in unserem Blog eigentlich wegen der Bilder, nicht wegen der Umstände des Shootings. Es ist unbestreitbar gefährlich, ziemlich dumm und obendrauf verboten, Bahnanlagen zu betreten, und dass sich Lokführer ganz besonders aufregen, dafür habe ich alles Verständnis. Aber spannender fände ich eine Diskussion rund um das Bild – und das gilt für all unsere Kritiken.

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  4. Patrick says:

    Wo bleiben wir denn da, wenn um der Kunst willen keine Ordnungswidrigkeiten mehr begangen werden. Bitte lasst Euch von solch‘ prosaischen Gemütern bloß nicht einschränken…

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  5. Schtonk! says:

    Ich sehe die „Vorbildfunktion“ eher als Gefahr.

    Jemand sieht das Bild und hockt sich dann auch so hin. Und so ein Zug ist schneller, als man denkt. Bei 160 km/h ist nix mehr mit Wegspringen.

    Wenn das Gleis stillgelegt wäre, wäre es bewachsen.

    (Ein früherer Post ist noch moderiert)

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  6. Jan Z says:

    Lieber JayBee,

    ich habe schon stillgelegte Gleise gesehen und auch betreten. Vielleicht ist das hier ja auch der Fall? Ich bespreche hier primär das Bild und keine Ordnungswidrigkeiten.

    Ansonsten kann ich dir natürlich nur zustimmen: Das Betreten von Bahnanlagen ist äußerst gefährlich und hat vielleicht deine oben beschriebenen Folgen.

    lg, jan z

    Antworten
  7. Peter Sennhauser says:

    JayBee: Eine Frechheit ist es vor allem, dem Fotografen oder dem Kritiker irgendwas zu unterstellen. Deine Erfahrungen im Berufsalltag in Ehren – es gibt private Geleise, stillgelegte Geleise, Geleise in andern Ländern und weiss ich was.

    Ordnungswidrigkeiten sehe ich den ganzen Tag, und sie sind wesentlich bedrohlicher für viel mehr Menschen, wenn es sich um die Idioten handelt, die rechts blinken und links abbiegen, am Steuer SMS Tippen oder ganz einfach besoffen fahren. Das wäre mal ein Gebiet, wo sich moralische Strafpredigten wirklich lohnen würden.
    Hier dagegen würde ein Hinweis auf die Stressbelastung der Lokführer reichen.

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  8. JayBee says:

    Mit der Kritik gehe ich konform.

    Allerdings ist es eine Frechheit, in der Bildkritik zu einer Ordnungswidrigkeit aufzufordern.

    Das Betreten von Bahnanlagen ist für Unbefugte untersagt!!!

    Ich bin selbst als Lokführer täglich auf den Gleisen unterwegs. Und ich mußte schon einige Male die Bremse anfassen, weil irgendwelche Idioten (und darunter waren auch Fotografen mit ihren Modellen) auf den Gleisen umherliefen.

    Nur ‚mal als Denkanstoß: Wenn der Lokführer ernst macht und die Meldekette in Bewegung setzt wird sofort die Betreffende Strecke gesperrt. Gelichzeitig wird die BuPol informiert.

    Sollte diese im weiteren Verlauf die betreffenden Personen ausfindig machen kommen einerseits empfindliche Bußgelder zusammen wegen des Tatumstandes des „Betretens von Gleisanlagen“. Andererseits werden die betreffenden Personen mit zivilrechtlichen Klagen über Schadensersatz aufgrund von Verspätungen zu rechnen haben. Und hierbei zählt jeder Zug. Je angefangene 10 Minuten 500 EUR…

    Nur ‚mal so zum Nachdenken…

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  9. Andre`Bax says:

    Hallo Jan,
    erst einmal vielen Dank für deine Kritik.

    Auf dem Foto zu sehen ist ein Arbeitskollege von mir.
    Er wünschte sich für seine Website und seine Freundin einige Fotos.
    Für mich eine gute Gelegenheit mal wieder ein Portrait zu machen.

    Ich finde diese Möglichkeit hier Fotos einreichen zu können toll.

    Zur Bearbeitung des Fotos möchte ich folgendes sagen.
    Einige Punkte gehören bei mir immer zum Standard.

    Wie zB. unscharf Maskieren, Tonwertkontrolle bzw. Korrektur und ein abschatten der Bildecken.
    Dieses habe ich auch bei diesem Foto gemacht.

    Erst nachdem ich das Foto hochgeladen hatte viel mir auf, dass im oberen Bildbereich die Zeichung nicht so schön ist.
    Auch den abgeschnittenen Fuß habe icherst dann bemerkt.
    Ich sehe oft Fotos mit angeschnittenen Körperteilen und bin mir immer unsicher wie das auf andere wirkt.

    Im übrigen habe ich das Fotos im Kanalmixer mit einem Grünfilter umgewandelt.

    Ich finde es sehr schwer beim umwandeln der Fotos einen natürlichen Hauteffekt zu erzielen. Vielleicht habt ihr da noch einen Tip für mich.

    Vielen Dank für deinen Tip zu meinem Schnitt. Daran muß ich unbedingt Arbeiten. Schließlich möchte ich ja besser werden.Mein Gefühl hat mir das in diesem Moment leider nicht gesagt.

    Ach ja, vielen Dank für das Sahnehäubchen :).
    Freut mich sehr.

    LG.André

    Antworten
  10. RudiRalala says:

    Erst habe ich die Überschrift gelesen (unglücklicher Ausschnitt), mir dann das Foto angeguckt und überlegt, wieso denn das? Weil die Schiene in die Ecke links unten verläuft, weil er aus dem Bild rausguckt …?

    Dann habe ich die Kritik gelesen, und achja, stimmt mit den Elementen usw.

    Dieser Aha-Effekt macht diese Rubrik für mich immer wieder zu einem kleinen kurzweiligen „Bilderrätsel“.

    Vielen Dank für die bisherigen und künftigen Beiträge, ich lerne viel daraus (hoffe ich).

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