Foto-Essay: Geschichten konzise erzählen

Reportage- oder Strassenfotografie muss vor allem eines: In jeder Aufnahme eine Geschichte erzählen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Nicolas Bruckmann).

Kommentar des Fotografen:

Das Foto ist in einer Discothek am Nürburgring aufgenommen worden und zeigt GoGo-Girls bei der Arbeit. Eine Freundin von mir ist nebenberuflich GoGo-Tänzerin und hat mich eines schönen Samstagabends zum Fotografieren mitgenommen. Heraus gekommen ist ein kleines Essay, das auf meiner Flickr-Seite zu sehen ist.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Nicolas Bruckmann:

Eine Schwarz-weiss-Aufnahme im Reportage-Stil zeigt, eindeutig mit Blitz aufgenommen, zwei knackige junge Tänzerinnen im Disco-Outfit. Die Fotografie, aufgenommen aus einem tiefen Blickwinkel von der Bühne, auf der die beiden tanzen, nimmt in der linken Bildhälfte im Dunkel des Raums, an dessen hinterem Ende eine Bar zu sehen ist, ein paar junge Männer mit, die sich von der Bühne ab- und einem Gespräch oder einem Bildschirm an der nicht sichtbaren linken Wand zugewandt haben. Unmittelbar am Bühnenrand vor den beiden mehr als formathohen Tänzerinnen ist ein weiterer Besucher der Disco zu sehen, der über seine linke Schulter hinweg die eine der beiden jungen Frauen mustert. Im Halbdunkel hinter ihm sind schemenhaft weitere Zuschauer erkennbar.

Diese Fotografie zeigt eine möglicherweise typische Nachtclub-Szene in einem Stil, der zeitlich überholt scheint:

Technisch sind solche Fotografien mit knallhartem Blitz, der einen Vordergrund voll und einen Hintergrund überhaupt nicht ausleuchtet, nach unserem Empfinden klar der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts zuzuordnen, als Fotografen mit grossen Blitzlichtern auf ihren Kameras um jeden Preis den Vordergrund des Motivs ausleuchten mussten und sich dabei nicht um den Hintergrund kümmern konnten.

Heute haben wir die Methoden, um ausgewogenere Mischungen aus Blitz- und Naturlicht auf den Sensor zu bannen: Von indirekten externen Blitzen (deine Nikon verfügt über ein ausgeklügeltes Fernsteuerungssystem für externe Nikon-Blitze) über den Aufhellblitz zum zweiten Vorhang bei Langzeigbelichtung bis zu punktgenauer Messung. Grosse Distanzen allerdings stellen ein Problem dar, weil auch ein (einzelner) moderner Blitz nicht den ganzen Raum gleichmässig ausleuchten kann. Das Problem der Blitzreichweite wird hier durch den Weitwinkel noch vestärkt, indem Du eine enorme Raumtiefe in die Komposition bringst, die Dein Blitz unmöglich ausleuchten kann.

Das sind aber technische Raffinessen, die Ausrüstung und Planung verlangen und deswegen in der spontanen Street- und manchmal auch in der Reportage-Fotografie nicht angewandt werden können.

Inhaltlich und kompositorisch ist an dem Bild – bei weitem nicht das beste Deiner Serie – meiner Ansicht nach zu kritisieren, dass es keine klare Stimmung oder Aussage vermittelt. Ausserdem – und das spielt in den ersten Punkt hinein – ist die Komposition mit diesem Framing sehr unglücklich: Du schneidest nicht nur der vorderen Tänzerin den Kopf ab, sondern lässt auch denjenigen der hinteren Tänzerin von der Hand der vorderen verdeckt – und schneidest ihr das in diesem Zusammenhang wohl wichtigste Körperteil, nämlich ihr langes rechtes Bein, ab.

Nun könnte man aus der Zusammenfassung der Elemente eine Aussage ableiten, wonach die Tänzerinnen vom Publikum gar nicht und wenn, dann als schöne (kopflose) Körper wahrgenommen werden. Dann würden unsichtbare Köpfe und Gesichter sinnvoll – aber das abgeschnittene Bein noch stärker zum inhaltlichen Problem.

Eindeutigere AussageIch habe mit einem eindeutigeren Bildschnitt versucht, diese Aussage auf die beiden Tänzerinnen und den einen, deutlich ihnen zugewandten Mann zu extrapolieren. Dabei ergibt sich, je nach Sichtweise, eine reizvolle Komplikation – der Mann schaut nämlich nicht auf den Körper der Tänzerin, sondern sucht eindeutig den Blickkontakt mit ihr.

Auf jeden Fall ist die Geschichte in diesem Bild nicht klar erkennbar. Die Männer in der linken Bildhälfte kommen nicht wirklich ins Spiel und stehen im Kontrast zu dem einen rechts; die tanzenden Mädchen sind ebenfalls nicht richtig einzuordnen; durch die harsche Blitztechnik erwartet die Betrachterin der Fotografie aber eine deutliche Bildaussage, ein konzentriertes Motiv wie in den nostalgischen Celebrity- oder Pressefotos.

Ich habe anderswo einmal betont, wie sehr ich die Strassenfotografen bewundere, die es schaffen, mit einem einzigen Bild eine eindeutige Geschichte zu erzählen. Diese Aufnahmen sind häufig weit von einer technischen Perfektion entfernt – was vielfach einen Teil von ihrem Reiz ausmacht – aber zugleich immer dann besonders beeindruckend, wenn die Komposition ungeachtet der Belichtungs- und andere Mängel einfach perfekt sitzt. Das heisst, dass wohl eine klare Handlung oder ein Inhalt erkennbar ist, aber zugleich in einem fast klassischen Schnitt innerhalb des Bildrahmens noch mehr stattfindet, das die Stimmung, die Umstände und die Situation des Geschehens erhellt, vertieft und zugleich ein wenig komplexer macht, ohne aber in einer Konkurrenz zur Hauptaussage zu stehen.

Ähnliches gilt für fotografische Reportagen und Essays: Sie entfalten ihre Wirkung dann am besten, wenn jeder Teil, jedes Bild die Geschichte weiterspinnt, einen klaren Akzent setzt und die Fotografin mit der Komposition insgesamt in eine Richtung deutet. Ich hoffe, das wird hier nicht inhaltlich missverstanden – aber das hat mich an der Dokumentation der Porno-Industrie von Elyse Butler so fasziniert: Jedes Bild erzählt eine eigene Geschichte, und alle zusammen zeichnen ein eiskaltes, lustfreies, anstrengendes Bild von der Arbeit der Akteure.

Deine Bildserie ist durchaus spannend, und ich finde namentlich die Schwarz-Weiss-Fotos passend, weil sie den Dokumentarcharakter und den Kontrast von Lichterglanz und Dunkelheit des Nachtclublebens verstärken, ohne durch die Buntheit von Kleidung und Nacktheit der Tänzerinnen von den Gesichtern abzulenken. Aber diesem einen Bild fehlt jedenfalls eine Klammer, die es zusammenhält und den Betrachtern einen Anstoss in eine bestimmte Richtung gibt.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Kommentare
  1. Nicolas sagte:

    Lieber Peter,

    vielen Dank für die Kritik. Habe sie gerade durch Zufall entdeckt. Deshalb auch die späte Wortmeldung. Deine stilistische Einordnung des Fotos empfinde ich als Kompliment, denn in der Tat ging es mir um genau diese Ästhetik – bekannte Vorbilder sind z. B. viele Fotos aus dem Studio 54 in den 70er Jahren. Geblitzt habe ich übrigens mit einem SB 600.
    Was den Ausschnitt anbelangt, stimme ich Dir nur teilweise zu: Problematisch ist meiner Meinung auch, der zum Teil „abgeschnittene Kopf“ der Tänzerin im Vordergerund, da sie, zusammen mit dem zu ihr aufschauenden, jungen Mann die Protagonistin ist. Das wirkt etwas gedrungen und hätte nicht sein müssen, wäre ich etwas achtsamer gewesen. Kein Problem habe ich dagegen mit dem abgeschnittenen Bein der rechten Tänzerin, weil dieser Schnitt nicht die Eindeutigkeit der Form beeinflusst. Solche Anschnitte sind meiner meiner Meinung nach nur dann wirklich schlecht, wenn man nicht mehr erkennt worum es sich handelt oder wenn man sich nicht vorstellen kann wie ein Gegenstand oder Körperteil „weitergeht“. Abgeschnittene Glieder findet man doch auch bei guten/berühmten Fotografien haufenweise. Sogar bei Studioaufnahmen. Würde mich sehr interessieren wie Du dazu stehst, denn abgeschnittene Sachen kritisierst Du, wenn ich mich recht erinnere (fast) immer.
    Deinen Quadratischen Bildschnitt finde ich absolut zulässig, wenn man das Foto unbedingt auf den „Blickkontakt“ verdichten möchte. Ich würde das nicht machen, denn ich finde die Bar im Hintergrund und die anderen Köpfe in der rechten Bildhälfte nicht ganz unwichtig, weil sie mir ein Gefühl dafür vermitteln wie groß der Raum ist und was für eine sorte Mensch (ich meine das nicht wertend) sich in dieser Discothek aufhällt. Insgesamt gebe ich Dir aber absolut recht: Die Komposition ist ruppig. Ich habe allerdings einen Faible für „ruppig/rau“. Finde ich spannender als „glatt“. Was ich lernen muss, ist „ruppig“ überzeugend hinzubekommen.

    Beste Grüße
    Nic

    P.s.: Auf die „rückansicht“ und die Körperhaltung der Frau bin ich hier jetzt nicht eingegangen, denn das ist nun wirklich geschmackssache ob man sich von diesem Anblick angezogen fühlt oder nicht. Mir gefällts ganz gut . . .

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  2. sk sagte:

    Ein Kommentar nur zu der Aussage „Fehlt erst einmal die Reportageintention, fällt auch die fehlende Geschichte als vermeintlicher Makel des Bildes weniger ins Gewicht“. Ich denke, es geht hier um Stil.

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  3. J.P. sagte:

    Ich teile zwar die von Peter herausgegriffenen Kritikpunkte (abgeschnittener Kopf, halbes Bein, u.s.w.), glaube aber nicht ganz daran, daß der Fotograf hier bewußt einen Reportagestil gewählt und zu diesem Zweck den Blitz eingesetzt hat. 18mm und 3,5er Blende klingt doch zu sehr nach einem Kitobjektiv auf Weitwinkel, mit dem es ohne Blitz oder bei längerem Zoom vermutlich gar kein Bild gegeben hätte. Und eine Langzeitbelichtung auf dem Stativ verbietet sich in einem solchen Umfeld sowieso von selbst. Fehlt erst einmal die Reportageintention, fällt auch die fehlende Geschichte als vermeintlicher Makel des Bildes weniger ins Gewicht. Aus dem Blickkontakt zwischen Tänzerin und Betrachter hätte man zweifellos „etwas machen“ können – aber eben nur, so lange neben dem Kopf des Betrachters (gern etws größer) auch der (vollständige!) Kopf der vorderen Tänzerin abgebildet ist und die Distanz zwischen beiden nicht zu groß wird. Wenn schon Beschnitt, dann bitte ein Hochformat, das zwar den desinteressierten Ellenbogen (Sicherheitsdienst?) ganz links ausblendet, aber dafür die schwungvolle Haltung der Tänzerin nicht auf ein Paar leicht gebeugte Beine reduziert. Wenn man sich mal überlegt, wie ein typischer männlicher Betrachter dieses Bild angeht, landet man – mit Verlaub – beinahe zwangsläufig beim Allerwertesten der vorderen Tänzerin als DEM Blickfang schlechthin. Da Ober- und Unterleib in der selben Richtung gebogen sind, laufen sie quasi wie zwei vertikale Flügel darauf zu. Ein erstaunlicher Balanceakt – noch dazu auf High Heels! Der paillettenbesetzte Minirock assoziiert zudem eine Art Diskokugel. Die erste Tänzerin sticht als hellstes Bildelement hervor, die zweite tritt mit ihrem dunkleren Teint und mangels Blitzreichweite schon deutlich zurück. Sie bildet in einem auf krassen Helligkeitsunterschieden aufbauenden Bild sozusagen den Durchschnitt. Einen weiteren (bewußt abgebildeten?) Kontrast sehe ich zwischen den halb eleganten, halb balancierenden Bewegungen der vorderen und der eher „stämmigen“ Körpersprache der hinteren Tänzerin. Auf jeden Fall stehen beide für ein Querformat zu weit rechts. Die Halle dahinter ist einfach zu dunkel als dass ihre Linien (z.B. die Bögen des Daches) als wirksames Bildelement eingebaut werden konnten. Meiner Ansicht nach ist der Blickfang des Bildes in der Tat zu vordergründig und betont – danach kommt relativ wenig. Man fragt sich, warum die meisten Leute so desinteressiert sind und was sie wirklich beschäftigt, außerdem vielleicht noch, welche Musik gespielt wurde, die zu so unterschiedlichen Tanzbewegungen führt, man mißbilligt u.U. die hässliche Flaschenbatterie – aber das war´s dann schon weitgehend. Für die Romantikerfraktion bleibt immerhin noch der (vermutlich zufällig abgelichtete) Blickkontakt.

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