Urbane Archäologie: Die Qual der Wahl des Ausschnitts

Bei der Wahl des Ausschnitts ist es wichtig, sich VOR dem Fotografieren darüber klar zu sein, wie die bestimmenden Geraden und Diagonalen im Bild verlaufen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Fabian Wiesner).

Kommentar des Fotografen:

Hallo liebe Kritiker, ich komme gleich zum Wesentlichen, will aber dennoch vorher sagen, dass ihr fantastische Kritiken liefert. Mir helfen die Kritiken sehr mein Wissen in der Fotografie weiterzuentwickeln. Ich lese mittlerweile seit ein paar Wochen regelmäßig jede Kritik. Weiter so! Das Bild wurde im HDR-Verfahren erstellt. Das Bild wurde in Photoshop zusammengefügt und zusätzlich mit einem Sepia-Filter versehen.

Das Foto wurde in einer leergelassenen Lagerhalle in Neunkirchen, Bayern, vor zwei Jahren aufgenommen. Mir läuft heute noch ein Schauer über den Rücken, wenn ich an die Tauben denke, die ständig über mich kreisten und diabolische Geräusche von sich gaben. Ich wollte ein düsteres Foto schießen, was mir zusätzlich mit der Sepia-Tönung sicherlich geglückt ist. Zusätzlich wollte ich mit den überstrahlen Fenstern „etwas Licht im Chaos“ machen/gestalten. Die fünf Säulen in der Mitte links an den Fenstern wirken sehr verstörend und ablenkend, als hätte jemand mit einem dicken Edding versucht diese zu umranden, das hat mich schon immer an dem Foto gestört.

Was ich mich schon immer gefragt habe, ist der Ausschnitt falsch gewählt? Hätte ich die Säulen rechts auch nicht einfach wegschneiden können? Das Bild hätte dadurch leider ein sehr quadratisches Format erhalten. Des Weiteren fand ich den in der Mitte zulaufenden Fluchtpunkt sehr störend und irgendwie etwas „langweilig“.

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Fabian Wiesner:

George Barr widmet in seinem Buch „Take Your Photography to the Next Level“, dessen deutsche Ausgabe Peter bereits an dieser Stelle ausführlicher besprochen hat, diesem Thema mehrere Seiten. Er empfiehlt dort, auf einem weißen Stück Papier diese Linien grob aufzuzeichnen, falls man sich nicht sicher ist, ob das, was man im Sinn hat, „funktionieren“ wird. Außerdem regt er an, einen einfachen Plastikrahmen mitzuführen, falls man mit dem berühmten Daumenrechteck nicht klar kommt.

Man kann natürlich hinterher immer nachbessern, aber das Ziel sollte gründsätzlich sein, schon bei der Aufnahme das Bild sauber zu komponieren.

Fabian hat hier ein sehr ansprechendes Foto einer leerstehenden Lagerhalle eingereicht. Das Bild fand ich aus mehreren Gründen sofort interessant. Erstens einmal verrät es ein gutes Auge, und zweitens sieht man an der Nachbearbeitung, daß sich der Fotograf Gedanken zu Bildausdruck und –aussage gemacht hat.

Zum Technischen: der Fotograf hat hier aus drei Aufnahmen ein HDR-Foto zusammengesetzt. Der Kontrast ist dadurch sehr gut gelungen; trotz dieser Bearbeitung sieht das Foto realistisch aus, was bei dieser Technik nicht immer einfach ist. Die Fenster wurden von Fabian absichtlich „überbelichtet“. Ich bin mir nicht sicher, ob das hier wirklich notwending war. „Licht im Chaos“ wäre auch so genug dagewesen. Daß die fünf Säulen in der Mitte links hervorstechen liegt u.a. an der Nachbearbeitung. Wenn es stört, hätte man das in einem Bildverarbeitungsprogramm abschwächen können. Mich persönlich stört es nicht sehr. Jedenfalls weniger als die Art, wie die bestimmenden Linien hier das Foto durchlaufen.

Der Fotograf ist sich nicht sicher, ob der Ausschnitt korrekt gewählt wurde. Und mit diesen Zweifeln liegt er richtig. Der Fluchtpunkt ist zwar mit Bedacht gewählt, aber etwas zu sehr nach rechts verrutscht. Die Säulen rechts dominieren das Foto. Links verläuft eine schief wirkende schwarze Linie an der Kante entlang, was durch die Wahl des Ausschnitts bedingt ist. Hätte man den Ausschnitt nur etwas enger gezogen, wären die Geraden etwas anders auf die Bildkanten getroffen, und der Fluchtpunkt des Fotos läge im Goldenen Punkt. Grob angedeutet ist das hier:

Ausschnitt, andere Wahl

Links gibt es zwar im Vergleichsfoto immer noch eine gewisse „Unordnung“, dafür liegt der eine Balken der Decke, wie auch die Ecke des darunter liegenden Fensters an der linken Kante auf. Unten verläuft die Bildkante durch die Diagonale des Fensterschattens auf dem Boden etc.

Ein Meister seines Fachs auf dem Gebiet der urbanen Fotografie mit Schwerpunkt verfallende Gebäude ist Andrew Moore, der sich unter anderem durch seine Aufnahmen verfallender Gebäude einen Namen gemacht hat. Ich bin in Aperture auf seine Aufnahmen aus der Serie „Detroit“ gestoßen. Wenn man seine Aufnahmen genauer analysiert, stellt man fest, wie sorgfältig alle Hauptgeraden im Bild angeordnet sind. Und auch wenn einem Tauben Schauer in der Lagerhalle über den Rücken jagen – man hat hier genug Zeit das Foto genau zu planen. Außer den Tauben bewegt sich ja nichts…

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Kommentare
  1. dierk
    dierk sagte:

    ich würde bei dem Bild eher einen breiten Ausschnitt nehmen, also so, wie der von Sofie, nur den linken Teil der Fenster mit dazu und unten noch etwas mehr beschneiden. Dass gibt für mich dem Bild eine dramatische Tiefe.
    Ideal wäre für mich ein tiefer Standpunkt und das ganze mit einem 24er Shift senkrecht ziehen (oder ggf. nachträglich mit Photoshop, wenn kein Shift vorhanden ist:-). Damit wäre der Schmutz auf dem Boden besser zu sehen.
    Da es HDR ist, würde ich die Fenster nicht so hell lassen, dunkler sieht es sicher noch düsterer aus.

    dierk

    Antworten
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      OK, laßt mich anläßlich der Fenster nochmal nachlegen. Ich versuche ja meistens, die Dinge zurückhaltend zu formulieren. Ich denke allerdings, daß die Überbelichtung der Fenster hier nicht notwendig war. Düster sieht in der Tat ja per Definition dunkel aus. Wenn irgendwie Staub in der Luft gewesen wäre, also das Sonnenlicht sich dort gefangen hätte oder so, wäre das eine Sache gewesen….

  2. Swonkie sagte:

    ein interessantes bild und die HDR bearbeitung ist gelungen.

    aber „düster“ wirkt das bild bei weitem nicht auf mich. das helle, warme licht mit dem glow effekt um die fenster wirkt eher sehr freundlich. allein der verfall des gebäudes hat natürlich etwas melancholisches.

    Antworten

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