Landschafts-Überblick: Die Gunst der schlechten Stunde

Landschaftsfotografie hat einen schweren Stand. Wer seine Bilder einem grösseren Publikum zeigen will, muss sich was einfallen lassen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Matthias Willems).

Kommentar des Fotografen:

Die berühmten Kreideklippen in der Normandie. Hier habe ich vor allem auf die Kirche und die vielen Menschen geachtet, die als Maßstab dienen. Zwar weiß ich, dass das grelle Licht der Mittagssonne nicht ideal ist, aber es gab leider keine Möglichkeit, zu einem anderen Zeitpunkt die Aufnahme zu machen.

Profi Thomas Rathay meint zum Bild von Matthias Willems:

Matthias, wie ich aus deiner Webseite entnehme bist du seit letztem Jahr ein Kollege als freier Fotograf. Ich sag erst mal:

„Willkommen im Klub der armen Dichter!“ . Laut Wallstreet Journal sind wir Fotojournalisten ganz unten angesiedelt in der Liste der amerikanischen Einkommensgruppen.

Aber wir sind ja nicht in Amerika, und wir legen auch nicht die Hände in den Schoß. Es freut mich, dass du hier ein Bild eingereicht hast und hoffe dir ein paar Anregungen geben zu können.

Du schreibst, das Bild ist in der Hitze des Mittags entstanden, es ging nicht anders:

Das muss ja nicht unbedingt ein Nachteil sein. Vielleicht hättest du sonst keine Personen am Strand gehabt, weil der Felsen einen großen Schatten warf, und schon wäre deine Idee dahin gewesen. Wobei es nicht wirklich viele Personen sind, aber für diese Gegend wohl schon.

Also machen wir das Beste aus der Situation. Solche Vorgehensweisen wird dir in deinem (Profi) Fotografenleben noch öfter unterkommen. Sei dir dessen sicher. Und es ist immer besser, erst mal ein suboptimales Foto zu machen als gar keines, wenn die Situation unwiederbringbar ist.

Das Mittagslicht ist bekanntermaßen eher ungeeignet, Landschaften im freien Feld zu fotografieren. Wenn es sich um Schluchten handelt, in die sonst kein Licht fällt, muss man allerdings manchmal sogar extra zur Mittagszeit dorthin, auch im wald und anderen schattigen Umgebungen kann die Tagesmitte eine ideale Fotografenzeit sein.

Ansonsten ist ja, wie du auch weißt, sonst hättest du es nicht so betont, die Morgen- oder Abendzeit zu bevorzugen. Hier habe ich auch gerade ein kleines Online-Hilfsmittel entdeckt, um die Blaue Stunde an verschiedenen Orten nicht zu verpassen.

Was machen wir aber nun mit deinem Bild? So wie Du es präsentierst, würde es kaum Beachtung finden.

Ich habe ja noch auf der analogen Großformatkamera gelernt und liebe die Verstellmöglichkeiten daran. Also dachte ich gleich an die Tilt/Shift- Möglichkeit bei deiner Aufnahmen. Dafür brauchst du viel Licht – und das ist ja mittags vorhanden: Du machst alsod den Nachteil der Tageszeit zu Deinem Vorteil.

Allerdings hast du keine Fach-Kamera benutzt und bräuchtest eins der teuren Tilt/Shift-Objektiveoder auch nicht: Digitale Bildbearbeitung kann noch etwas bewirken, auch wenn ich persönlich eher zur Zurückhaltung tendiere.

Mit Tilt/Shiftmaker bearbeitete Variante.Im Photoshop kannst du dir eine T/S- Optik zusammenbauen oder aber, da es schnell gehen musste, bin ich auch wieder im Netz fündig geworden und habe Dein Bild bei Tilt/Shiftmaker bearbeitet.

Die Einstellmöglichkeiten sind überschaubar, aber als Anregung, denke ich, geht’s erst ein Mal. Auch hier sollte man aber darauf achten, bei der Motivwahl schon die Weiterverarbeitung im Hinterkopf zu haben, um ein optimales Ergebnis zu bekommen.

Denn das Bild entsteht im Kopf und nicht in der Kamera.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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10 Kommentare
  1. Der Bebilderer sagte:

    Lieber Thomas,

    stellt sich die Frage was „schön“ ist. Begriffe der Kritik müssen präzise angewandt werden. Ein schönes Bild zu schiessen sollte nicht der Anspruch des Fotografen sein – oder wie siehst Du dies?

    Beste Grüsse aus der immerkritischen Ecke,
    Yves aka „Der Bebilderer“

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  2. Thomas Rathay sagte:

    Hallo Yves und alle anderen,
    findet ihr nicht, dass es genug Plätze im WWW gibt, wo Bilder immer „schön“ sind. M.E. nach werden hier die Bilder eingestellt, um ehrliche Kritik zu hören. UND klar gibt es hier schöne Bilder(wie dieses) und das wird auch nicht verschwiegen, nur ist „schön“ immer noch subjektiv.
    Und mit der T/S Methode versuchte ich genau was du sagtest, das BILD herauszuholen.
    Nur mal ohne Beschnitt, sondern so, dass auch mal was anderes gezeigt wird.
    Ich denke etliche kennen keine Großformatkamera auf optischer Bank mit ihren Verstellmöglichkeiten…

    Schöne
    Grüße,
    Thomas

    Antworten
  3. Der Bebilderer sagte:

    Ich habe mir erlaubt das Bild zu kopieren und in LR mal versucht aus dem Ausschnitt was rasuzuholen. Bei den meisten Bilder wird das Bild im Bild nicht gesehen. In diesem Fall sind die kleinen Menschen am Strand von Interesse, der Pfad zur Kirche und der Kreidefels wären wohl die Interessantesten Inhalte die der Bildgestaltung dienten. Das Bild ereugt aber keinen Kontext zwischen den Objekten. Der Standort ist schlecht gewählt um etwas Spannendes aus Bild rauszuholen.

    Der einzige Punkt der das Bild einigermassen aufwerten kann ist ein 16:9 Crop, so dass die Landschaft der Sicht des Menschen näher kommt.

    Dann zur Tilt-Shift „Methode“. Ein solcher Hinweis zur Anregung der Diskussion verwirrt mich. Und zwar weil sich fokussiert.com als Seminar für anspruchsvolle Fotografie bezeichnet … warum nicht einfach mal ein Bild als „schön“ bezeichnen?

    Antworten
  4. Rose - Marie sagte:

    Hallo,

    die Bearbeitung mit Tilt/Shiftmaker macht aus dem gar nicht so schlechtem Bild, einen “ etwas komischen “ Anblick. Das passt ganz und garnicht….

    Gruss
    Rose – Marie

    Antworten
  5. Schtonk! sagte:

    Schöne Landschaft! Nur der Dreck vorne auf dem weißen Sandstrand stört – da gehört mal durchgekämmt und etwas Insektenpuder gestreut! ;o)

    Und nein, das Tilt-Shift ist völliger Unsinn. Das wirkt wie mit Sonnencreme-Bratzn auf die Linse gedappt!

    Antworten
  6. Thomas Rathay sagte:

    Ja hallo zusammen,
    freut mich, dass ihr so über das Bild und die Kritik nachdenkt. Das wollte ich damit erreichen.
    Dass Effekte eine Bildidee ersetzen wollte ich auf keinen Fall suggerieren. Wenn das so rüberkam, war das ein Missverständnis.
    Ich persönlich würde eben auch versuchen, die Perspektive zu wechseln und einen anderen Zeitpunkt zu finden.
    NUR was könnte man aus diesem Bild machen, war die Frage von mir an mich.
    Frohes Weiterdiskutieren, Matthias und uns allen ist damit auf jeden Fall geholfen!
    Danke,
    Thomas

    Antworten
  7. dierk
    dierk sagte:

    diese „Luftaufnahme“ ohne Vordergrund hat mich auch sehr gestört.

    Die Bearbeitung mit Tilt/Shiftmaker überzeugt mich auch nicht und sieht für mich(!) eher nach Effekthascherei aus, sorry.

    Da der Himmel schon kaum Wolken hat, würde ich die vorhandenen möglichst Kontrastreich machen – und dann lieber gleich das Ganze in S/W mit leichter Vignette:-)

    viele Grüsse
    dierk

    Antworten
    • bee sagte:

      Das Foto ist eine schöne Aufnahme.

      Aber mit dem Tilt/Shift machst du es komplett kaputt. Denn die Bearbeitung wirkt genau so, wie es in diesem Fall genutzt wurde: In dem Gefühl, dass das Foto an sich nicht genug hergibt, musste ein Effekt her.

      Das Bild im Original zeigt wunderbar die massige, mächtige Felsformation und die kleine Kirche darauf. Und gibt einigen Interpretationsspielraum. Spontan fällt mir ein:
      „Auf diesen Stein will ich meine Kirche bauen“,
      „Die Natur ist mächtig, der Mensch klein“,
      „Der Weg zu Gott ist steinig“

      Damit wird das Bild zwar nicht zu einem absoluten Meisterwerk, aber zu einem guten, sauberen Foto mit Spielraum zur Interpretation.
      Ich persönlich hätte die Kirche noch etwas mehr betont, sie liegt mir zu sehr am Rand. Und dann das Bild so gelassen.

      Durch die T/S-Bearbeitung nimmst du dem Foto diese Aussage. Was bleibt, ist etwas Strand mit einem verschwommenen Etwas im Hintergrund. Sorry, aber die Bearbeitung ist meiner Meinung nach für die Tonne. Denn es bleibt nichts mehr übrig, was dem Bild eine Daseinsberechtigung gibt.

      Und einen Effekt zu nutzen, um ein „langweiliges“ Bild aufzupeppen, ist imho eh der falsche Weg. Effekte können ein Bild betonen, aber nicht retten.

  8. Christian Loose sagte:

    Ohne die Gegend zu kennen würde ich erwarten, dass wenn der Fotograf 5-6m zurück gelaufen wäre, er einen geeigneten Vordergrund gefunden hätte. Somit hätte das Bild Tiefe bekommen.

    Gruß,
    Christian

    Antworten
    • Matthias Willems sagte:

      Hallo,

      erstmal danke für die Kritik und die Kommentare. Viel Bewegungsspielraum hatte ich nicht, da ich selbst auf einer Klippe stand. (Natürlich ohne mich in Gefahr zu bringen) Aber ich hätte vielleicht trotzdem eine bessere Perspektive finden können.

      Gruß
      Matthias Willems

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