Kinderporträt in Schwarz-Weiß: Der richtige Augenblick

Auch bei schwierigen Lichtverhältnissen ist es wichtig, nicht gleich zum Blitz zu greifen. Ein lichtstarkes Objektiv oder auch nur das Hochschrauben des ISO-Werts bringen bessere Porträts.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Andrea Gerber).

Kommentar des Fotografen:

Wissbegierig Das Foto entstand im Sommer bei einem Ausflug ins Mathematikum Gießen. Ich hatte das erste Mal mein neues Objektiv dabei (50 mm, 1,8 von Nikon). Die Lichtverhältnisse dort waren sehr schwierig und ich hatte enorme Probleme mit dem Weißabgleich, sowie mit der Belichtung. Dieses Foto meiner 5jährigen Tochter spiegelt den ganzen Tag wieder. Sie war so neugierig, wissbegierig, alles wurde genau unter die Lupe genommen und ausprobiert.

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Andrea Gerber:

Die besten Porträts, ich kann es nur immer wieder erwähnen, sind meistens die, in denen die Porträtierte im Augenblick versunken war oder entspannt genug, daß das Porträt ungestellt wirkt.

Das ist bei Andreas Foto ihrer Tochter voll gelungen.

Auch bei schwierigen Lichtverhältnissen sollte man deshalb gegen den Drang ankämpfen, einen Blitz zu benutzen, oder gar noch den in die Kamera integrierten. Das hätte hier nicht nur den Augenblick, die Stimmung, ruiniert, sondern noch dazu zu Schlagschatten der schlimmsten Sorte geführt.

Bei Innenaufnahmen dieser Art sind mehrere Dinge hilfreich.

  • Ein lichtstarkes Objektiv, wie das hier verwendete Standardobjektiv
  • ein Stativ
  • Die Empfindlichkeitseinstellung (ISO) dere Kamera und
  • die Möglichkeit, das Bildformat zu verändern.

Ich selbst habe mehrere Standardobjektive, und mein 50mm ist das beste Porträtobjektiv das ich habe. Auch wenn man etwas näher heranmuß (obwohl das 50mm auf Crop-DSLR meistens zu einem 80mm-Objektiv wird), die Fotos sind unvergleichlich. Ich denke daher allerdings aber auch, daß Andrea nicht so besonders weit von ihrer Tochter entfernt war. Das Foto wirkt recht körnig, und in einer Situation wie hier wurde wohl kein Stativ benutzt, was auf einen höheren ISO schließen läßt.

In Farbe führt ein höherer ISO-Wert zu störenden Artefakten im Foto, die man aber mit einem Programm wie Noise Ninja abmildern kann. In schwarz-weiß dagegen kann Bildrauschen sogar attraktiv sein. Je nach Motiv und Bildabsicht habe ich auch schon das Bildrauschen in schwarz-weiß Fotos erhöht.

Was den Weißabgleich angeht, gibt es mehrere Möglichkeiten, die dem digitalen Fotografen zur Verfügung stehen. Man kann einfach nur ein weißes Blatt Papier mitnehmen, dieses fotografieren und es dann bereits in der Kamera als Maßstab ansetzen, oder erst bei der Nachbearbeitung. Generell akurater ist eine sogenannte Graukarte.

Weder das eine noch das andere ist aber wirklich vonnöten, wenn man im RAW-Format fotografiert. Hinterher die richtige Temperatur einzustellen, solange etwas im Bild ist, das man als „weiß“ identifizieren kann, ist so einfach, daß ich meistens überhaupt keine Graukarte dabeihabe (und manchmal genügt es sogar, wenn man einfach das Programm festlegen läßt, was die richtige Temperatur sein sollte). Und selbst bei jpgs kann man in einem Programm wie Lightroom noch nachlegen. Ich habe deshalb meine Kameras oft auf 6000K eingestellt, alles andere regle ich in der Nachbearbeitung. Es kommt natürlich auf die Situation an.

Obwohl das Foto fast vollständig symmetrisch ist, macht das auch gleichzeitig hier das Bild aus, weil sich das Mädchen in der Oberfläche perfekt spiegelt. Dieses ist einer der wenigen Fälle, wo Symmetrie funktioniert. Anders aufgebaut wäre das Foto weniger ansprechend gewesen. So, wie es jetzt komponiert ist, denkt der Betrachter automatisch an „Kilroy was here“ und lächelt.

Die Lichter im Hintergrund, nurmehr ausgebrannte Flecken, wirken distrahierend, aber noch distrahierender ist der helle Fleck an der rechten Wange des Mädchens, wohl das Ergebnis eines Lichtes über ihr. Ich hätte das Bild entsprechend nachbearbeitet und zumindest diesen Fleck entfernt – er wirkt entstellend. Das hätte dann ungefähr so ausgesehen:

Hier wurde nur der helle Lichtfleck im Spiegelbild links weggeklont.Das kann in einem Bildverarbeitungsprogramm relativ leicht behoben werden, hier ist es aber durch Klonen und Zurückgreifen auf andere Stellen im Bild in Photoshop geschehen. Noch besser wäre natürlich gewesen, die Szene so abzulichten, daß dieses Problem gar nicht erst entsteht. Das ist aber nicht immer möglich, und hätte hier wohl dazu geführt, daß ein bezauberndes Motiv an uns vorbeigezogen wäre.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. Andrea Gerber sagte:

    Liebe Sofie,
    ich möchte mich hiermit ganz herzlich für die Profikritik bedanken. Witzigerweise habt ihr das Foto ausgerechnet heute am 6. Geburtstag meiner Tochter ausgewählt. Und ich selbst stecke gerade ein wenig in einer Schaffenskrise, was das Fotografieren betrifft. Irgendwie will mir gar nichts mehr gelingen, aber die Kritik motiviert mich auf alle Fälle weiterzumachen.
    Die Flecken haben mich auch gestört, lenken sie den Blick doch zu sehr vom Hauptmotiv ab. Aber ich bin sehr schlecht im Wegstempeln, deswegen wage ich mich nur ganz selten daran.
    Was die Symmetrie betrifft, so achte ich normalerweise auch darauf, dass das Motiv aus der Mitte herauskommt. Aber hier bot es sich durch die Spiegelung irgendwie an.
    Die Iso-Einstellung kann max. 400 gewesen sein. Die leichte Körnung kam durch die Nachbearbeitung zustande. Für meine private Version habe ich sogar noch etwas Korn drübergelegt, weil ich das persönlich sehr mag. Also, nochmal danke an alle, die sich mit meinem Foto beschäftigt haben! LG Andrea

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