Claus Stolz: Sonnenbrände

Claus Stolz betreibt die radikalste Form der Fotografie. Er richtet die Kamera in die Sonne und lässt die Filme anbrennen. Filme, nicht Sensoren!

Claus Stolz: Sonne 106, negative version, 2007

Daraus entstehen Bilder von verblüffender Schönheit und Vielfältigkeit. Seit 15 Jahren arbeitet Stolz nach diesem Verfahren, das er „Heliografie“ nennt. Zu seiner aktuellen Ausstellung in Berlin beantwortete Claus Stolz uns einige Fragen.

Schon Joseph Nicéphore Nièpce nannte das von ihm 1822 entwickelte fotografische Verfahren Heliografie – „von der Sonne gezeichnet“.

Alle Variationen von Claus Stolz‘ sind vom Prozess der Verbrennung beeinflusst – runde, ovale oder lang-gezogene, in die jeweilige Filmemulsion mehr oder minder stark eingebrannte Spuren der Zeit – abhängig von der Belichtungszeit handelt es sich um wenige Sekunden bis zu mehreren Stunden. Die Strahlungsintensität der Sonne, in manchen Werken abgeschwächt oder unterbrochen durch Bewölkung während der Belichtung, das verwendete fototechnische Aufnahmegerät und dessen Einstellungen (hier werden Sammellinsen mit bis zu einem Meter Durchmesser eingesetzt), das Filmmaterial sowie die Technik der Filmentwicklung bestimmen das Ergebnis.

Claus Stolz: Sonne 57, negative version, 2002

Für fokussiert.com beantwortete Claus Stolz Fragen zu seiner Arbeit:

Hat die Frühlingssonne wieder genügend Kraft für neue „Sunburns“?

Claus Stolz: Ja. Aber auch die Wintersonne scheint, sogar bei uns, oft recht kräftig. Ein sommerlich hoher Sonnenstand gibt mir allerdings mehr Möglichkeiten für längere Belichtungen.

Wie entstand die Idee der Heliografien?

Stolz: Ausprobieren, spielen, vielleicht ein wenig Fatalismus und eine gewisse Respektlosigkeit vor dem fotografischen Gerät. Von meinem fotografierenden Vater lernte ich früh, dass man für gute Aufnahmen die Sonne am besten im Rücken haben sollte. Kann man ja auch mal andersrum machen. Außerdem komme ich von der Bildenden Kunst, bin kein ausgebildeter Fotograf. Als Künstler riskiert man vielleicht eher mal, was kaputt zu machen.

Wenn Du eine neue Arbeit planst, wie gehst Du da vor?

Stolz: Grundsätzlich ist die Vorgehensweise immer ähnlich: Ich richte die Kamera bzw. das fotografische Aufnahmegerät mit Linsen von neuerdings bis zu einem Meter Durchmesser in die Sonne aus und belichte das Filmmaterial dann mehr oder weniger lang, von wenigen Sekunden bis zu mehreren Stunden. Bei langen Belichtungen wird der Lauf der Sonne als langgezogene Spur in den Film eingebrannt. Zur Verwendung kommt vom Mittelformat bis zu quadratmetergrossen Filmstücken so ziemlich alles, was erhältlich ist.
Leider wird mit zunehmender Filmgrösse das Angebot sehr viel kleiner, und da die unterschiedlichen Ergebnisse unter anderem von den eingesetzen Filmtypen abhängen und herausragende Ergebnisse oft erst innerhalb von ausgeklügelten und der Wetterlage angepassten Belichtungreihen entstehen, verwende ich verschiedene Formate parallel. Dies muss allerdings, ganz wichtig, sehr wohldosiert geschehen, bei entsprechend intensiver Strahlung und einer großen Optik geht schnell mal ein Film in Flammen auf, aber auch verkohlen und zerbröseln soll der Film ja nicht – bei einer Brennfläche von bis zu etwa 20 Zentimetern Durchmesser ein heikles Unterfangen. Da sollten die Finger nicht zu nah dran kommen. Ein paar Eindrücke davon sind auf meiner Website unter „Making Of“ zu finden.
Die extrem grossen Filmformate zeige ich als Originale in Leuchtkästen, derzeit zu sehen bei meiner aktuellen Ausstellung in Berlin. Tolle Sonnenbrände entstehen oft nicht nur bei strahlendem Himmel, sondern bei einem Wechselspiel von Sonne und Wolken. Da kann bei entsprechendem Wetter während einer Belichtungszeit von einer oder zwei Stunden allerhand passieren. Bilder mit dunklem Hintergrund sind übrigens in der Regel einfach vergrößerte, nicht umgekehrte Negative. Manchmal ist ein Film nach der Belichtung farblich so schön, dass ich ihn nicht gleich entwickeln, sondern zuerst scannen, danach erst entwickeln und anschließend nochmal scannen lasse. Sehr spannend, da passiert mehr an Veränderungsprozessen als man denkt. Ich habe auch schon, soviel sei noch verraten, um das Herauswaschen von Schmauchspuren im Entwicklungsprozess zu vermeiden, Filme vor dem Belichten entwickeln lassen… Ein weites Experimentierfeld also, aber: Alles „legal“, keine digitalen Tricksereien. Und keine Beliebgkeit mit dem Feuerzeug.

Claus Stolz: Sonne 156, 2009

Deine Heliografien stehen ein wenig anachronistisch zwischen der chemischen und der digitalen Fotografie. Welchen Platz nehmen sie da ein? Welche Botschaft schickst Du uns damit?

Stolz: Keine Botschaft. Ist doch Kunst! Genauer: Konkrete Fotografie. Würde ich dringend etwas mitteilen wollen, wäre dies sicher der falsche Weg. Also: Schauen und staunen und wundern. Ein Anachronismus? Nein, das passende Mittel zum Zweck. Ist denn Malerei anachronistisch? Und: Digital kann nicht alles, Sonne zumindest nicht. Die Frage ist doch eher, warum hier keiner vorher drauf gekommen ist.

Träumst Du von Projekten, die Du gerne verwirklichen möchtest?

Stolz: Erstens: mit vollem Equipment, MitarbeiterIn, mit viel und zur richtigen Zeit an den Äquator. Dazu zweitens: Quadratmeterweise Filmmaterial – Ektachrome, Reala, Scala… Und wenn ich noch mehr Zeit hätte, würde ich gerne an meinen, wiederum digital aufgenommenen Bilderserien weiterarbeiten. Nämlich auf meine spezielle Art dokumentieren, was die Menschen gelegentlich so alles tun. Ein paar schöne Beispiele hiervon sind als Diashows auf meiner Website eingestellt. Was vom Traum zum Projekt zum Kunstwerk werden kann, wird sich zeigen. ich arbeite dran. Und das macht richtig Spaß.

Claus Stolz: Sonne 165, 2009

Stolz, Jahrgang 1963, lebt und arbeitet in Mannheim. Auf Claus Stolz‘ Website finden wir noch viel mehr Bilder und Infos. Bei fokussiert.com haben wir schon mal auf ihn hingewiesen: Sonne brennt Bilder. Der Bildband Sunburns (Affiliate-Link), erschienen im Kehrer-Verlag Heidelberg, wurde für den deutschen Fotobuchpreis 2010 nominiert.

Claus Stolz – Sonnen – Heliographien
Bis 13. Juni
Photo Edition Berlin, Galerie und Verlag für Fotografie, Ystaderstraße14a, D-10437 Berlin
+49 (0)30 41717831, contact@photo-edition-berlin.com
Geöffnet Mittwoch bis Samstag 14 – 18 Uhr und nach Vereinbarung

Claus Stolz
Photo Edition Berlin

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