Kinderporträt: Gebannter Blick

Sieht wie ein Schnappschuss aus, ist aber eine aufwändige Fotomontage: Deshalb lieber gleich auf den richtigen Hintergrund achten, statt ihn später in das Bild retuschieren zu müssen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Roland Horni).

Kommentar des Fotografen:

Klein Marlon sass auf dem Schoss meiner Frau am Wohnzimmertisch und sah sich dieses Bärchen-Buch an. Eine gute Gelegenheit, um ein paar Aufnahmen zu machen. Beleuchtet wurde die Szene nur von der Lampe über dem Tisch und von etwas Tageslicht durch ein Fenster im Hintergrund, also Mischlichtsituation.

Das Licht war nicht gerade so hell, wie man sich wünscht, somit schraubte ich die ISO-Zahl der Kamera auf 800 und wählte Blende 4. Das ergab eine Verschl.-zeit von 1/60s. Da das Obj. einen Bildstabilisator besitzt, dachte ich, das könnte für ein scharfes Bild genügen, trotz effektiver Brennweite von 130mm und machte einige Aufnahmen. Die Farbe und die Hintergrundumgebung gefielen mir aber nicht, und so bearbeitete ich das Bild etwas. Ich stellte das Kind mit Tisch frei, fügte einen Verlaufshintergrund ein und konvertierte alles nach SW. Das war mir dann aber zu „kalt“, so dass ich schlussentlich dem Bild noch etwas Sepia-Tonung verpasste. Mich würde Eure Meinung zum Bild interessieren, z.B. in Bezug auf die Bearbeitung, (darf man so etwas tun, oder wirkt es zu künstlich) Herzlichen Dank.

Profi Robert Kneschke meint zum Bild von Roland Horni:

Ein schlichtes Portrait: Ein Kleinkind sitzt mit einem Bilderbuch an einem Tisch und schaut neugierig in die Kamera. Die Ausleuchtung ist unspektakulär, aber mit dem sehr weichen Schattenverlauf gut gelungen. Umso erstaunlicher ist es, welcher Aufwand bei diesem Bild betrieben wurde. Das Kind saß auf dem Schoß der Mutter vor unruhigem Hintergrund. Beide wurden durch Freistellung aus dem Bild entfernt und durch einen Grauverlauf ersetzt.

Darf man das? Fragt der Fotograf. Ja, man darf viel, zumindest wenn es das Bild bereichert. Auch in diesem Fall ist eine Bearbeitung erlaubt, da der neue Hintergrund durch den Helligkeitsverlauf den Blick auf den Kopf des Kindes lenkt und damit zum wichtigsten Bildbestandteil. Auch technisch ist die Freistellung erstaunlich gut gelungen, nur rechts unter und über dem Ohr ist sie etwas erkennbar.

Die Frage ist eher, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, den Hintergrund des Fotos vor der Aufnahme zu vereinfachen? Leider kenne ich das Ausgangsbild nicht, aber oft ergibt eine geringe Änderung der Aufnahmeposition einen ganz anderen Hintergrund.

Ebenfalls eine mögliche Variante wäre gewesen, die Mutter mehr mit ins Bild einzubeziehen, anstatt sie später wegretuschieren zu müssen. So gespannt, wie der Kleine auf dem Foto guckt, hätte sich die Mutter vielleicht an die Wange schmiegen können.

Um eine bessere Kombination von Blende/Belichtungszeit/ISO-Wert zu erhalten, hätte ein Blitz entweder das Lampenlicht (auf der Kamera gegen die Decke blitzen) oder das Fensterlicht (entfesselt diffus durch Schirm oder Softbox) verstärken können. Es ist natürlich fraglich, ob der spontane Gesichtsausdruck des Kindes so lange erhalten geblieben wäre.

Insgesamt eine gelungene Aufnahme, über die sich sowohl Großeltern als auch das Kind selbst später sehr freuen werden.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Kommentare
  1. cgPhotography sagte:

    Erstmal…Glückwunsch für dieses gelungene Bild. Da ich persönlich Verfechter entstandener Endprodukte bin und mich nicht vordergründig mit der Entstehung von Bildern auseinander setzte, kann ich jegliche Kritik nicht nachvollziehen. Der Eindruck den das vorliegende Resultat vermittelt, erscheint mir doch bei weitem wichtiger, als die Überlegung was hätte…wenn und aber.

    Die Isolation des Kindes aus seiner Umgebung,durch geeignete Bearbeitungsschritte, sowie die kurze Unterbrechung des Gedankenverlaufs des Kindes durch den Fotografen, wirken hier extrem. Ich habe den Eindruck das Kind nimmt die neue Szene zwar wahr, ist mit seinen Gedanken aber immer noch im Bilderbuch versunken. Dies wird in diesem Bild hervorragend, durch den Bearbeitungsstil des Fotografen, vermittelt.

    Diese Art von Bildern gefallen mir besonders gut, weil sie Geschichten erzählen und das Kopfkino zum laufen bringen.

    Gute (Kinder-)Bilder macht man nicht mit 10 Bildern/Sekunde, sondern so wie hier dargestellt. Lieber 1 Bild eine Stunde bearbeitet, als 10 Bilder der selben Situation auf der Festplatte im Sumpf der anderen Fotos verstreut.

    Hier erkennt man, dass der Fotograf sowie der Bearbeiter, eine Aussage herausgearbeitet haben. Ein Hantieren mit irgendwelchen Hintergründen und Lichteinstellungen, wobei ich sagen muss, dass die Lichtverhältnisse in diesem Bild optimal sind, würden die gesamte Situation zerstören. Als Resultat würde man zwar ein Foto erhalten, aber kein Bild.

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  2. Roland Horni sagte:

    Vielen Dank für Deine Bildkritik und für den treffenden Bildtitel, Robert.

    Grundsätzlich gehe ich mit Dir einig, dass man immer vor der Aufnahme die Hintergrundsituation und die Beleuchtung einstellt und klärt, als hinterher lange am Bild zu retuschieren. Doch eine genügend grosse freie Wand ist im Wohnzimmer nicht vorhanden, Blitz und Zubehör waren nicht griffbereit, nur meine Kamera mit dem EF100mmf/2.8MacroIS USM gleich zur Hand. Trotzdem wollte ich dieses, so aufmerksam das Bilderbuch durchsehende Kind auf Chip festhalten. Die Aufmerksamkeit lenkte es dann aber auf den Fotografen, was für mich sehr günstig war und genau dieser, wie Du, Robert schreibst, „gebannte Blick“ gefiel mir schlussendlich besser, als jener Moment, als es in das Bilderbuch sah. Und da hier keine irgendwelche Aufforderung an das Kind erteilt wurde, sieht es meines Erachtens auch so entspannt-gebannt aus. Natürlich – und hier spreche ich auch Christian Gruber an – habe ich die Möglichkeiten meiner Kamera genutzt und im Serienmodus H drauflos gehalten, was aber nicht einmal nötig gewesen wäre, denn das Kind guckte fast minutenlang gebannt auf mich und wunderte sich wohl, was da so rattert. Nun hatte ich also ein tolles Kinderbild auf Chip, aber der Hintergrund war gar nicht befriedigend, so nahm ich Photoshop zu Hilfe, wenn auch mit etwas Bedenken.
    Nein, nur oberflächlich hast Du das Bild nicht angesehen, sonst wären Dir die klitzekleinen Mängel der Freistellung nicht aufgefallen;-) Leider habe ich das Endergebnis der Bearbeitung schon auf die Hintergrundebene reduziert (was man ja auch nicht tun sollte, um nicht die Möglichkeit weiterer Bearbeitungen zu verbauen) Eine Verbesserung erfordert jetzt eine Neubearbeitung von einer Originalkopie her, was ich ev. nochmals versuche. Wenn der Sommer nicht besser wird als die letzten zwei Wochen waren, kann ich ja ein paar Extrastunden mehr am PC verbringen. Aber ich denke, ich darf es jetzt schon als Ausdruck der Mutter überreichen.

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  3. Christian Gruber sagte:

    Dein großer Arbeitsaufwand hat sich zwar gelohnt, ich persönlich hab die Erfahrung gemacht, das es schöner ist, eine Stunde Kinder zu fotographieren als eine Stunde (oder länger) ein Bild zu bearbeiten.
    Um Bewegungsunschärfe zu vermeiden, bei deiner leistungsfähigen Kamera, verwende ich für meine Kinderportrais den Zeitwertmodus TV. Weiters hab ich mir ein 50mm f1.8 Objektiv zugelegt (das billigste was es gibt), was auch noch viel Spielraum gibt. Für spezielle Blenden (bewusste Tiefenschärfe) muss sowieso dann jedes Bild genau betrachtet werden.
    Du besitzt eine Kamera, die 10 Bilder pro sec macht. Bei Kindern nutze das.
    Wobei ich mir nicht sicher bin, ob sie Objektive mit image Stabilisation unterstützt.

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