Naturabstraktion: Schneckenmuster

Fotografie beruht darauf, Dinge zu sehen. Tolle Motive wolle dann aber auch richtig inszeniert werden.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Renate Erker).

Kommentar des Fotografen:

Mir haben die gleichen Farben gefallen. Die Schnecke hat eine runde Form, die sich im Loch der Rost-Felge wiederholt.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Renate Erker:

Die gewundene Spirale eines Schneckenhauses mit breiter Farbpalette von Weiss über Grün und Ocker bis Schwarz liegt in dieser sehr hoch geschnittenen Fotografie in der Rundung eines in ähnlichen Farben verwitterten Radfelgens, von dem nur ein Ausschnitt zu sehen ist.

Die Ganzheit des Schneckenhauses wird im untersten Bilddrittel durch ein kreisrundes Loch in der Felge nochmals aufgegriffen; aus der Radöffnung wachsen einige Gräser ins Bild hinein, deren markantestes in einer Diagonalen aus der unteren Bildmitte nach rechts oben verläuft.

Deine Bildbeschreibung sagt alles, was dieses Bild ausmacht:

Die Schale der Schnecke in ihren vermeintlich unscheinbaren, bei genauem Hinsehen aber bewundernswert vielfältigen Farbschattierungen passt wie der kleine Zwilling zu den ebenso vielfältigen Farben der verwitternden Felge.

Schon darin läge ein spannender Kontrast zwischen Natur und ihrer „Rückeroberung“ menschengemachten Materials in Form der Felge. Dazu gesellt sich aber als Ergänzung das Zusammenspiel der Formen von Schneckenhaus und perfekter Rundung des rostigen Metallteils. Sehr gut gesehen!

Allerdings wünscht man sich als Betrachter unweigerlich, mehr von der Schnecke zu sehen, sprich einen kleineren Ausschnitt vorzufinden. Ich behaupte, Du bist einer typischen Verführung erlegen, indem Du die Gräser als weiteres Element im Bild behalten wolltest, das eine zusätzliche inhaltliche Ebene schafft.

Das ist meiner Meinung nach des Guten zu viel. Was Du in der knappen Bildbeschreibung nämlich selber perfekt hinkriegst – die Reduktion auf das ausgesprochen Wesentliche des Bildes – machst Du mit den Gräsern und dem hohen Schnitt des Bildes teilweise zunichte.

Auch wenn ein Bruch mit den Runden Formen auf den ersten Blick wünschbar scheint, lenkt namentlich der aufdringlich gerade Grashalm im Vordergrund hier mit der Diagonalen nur unnötig vom Hauptmotiv ab.

Hinzu kommt die suboptimale Komposition: Grundsätzlich ist der Verlauf der Rundungen der Felge sehr schön in den Ausschnitt eingepasst – von links unten im hohen Bogen in das obere rechte Bilddrittel – Aber leider rücken durch den Bildschnitt die zentralen Elemente, nämlich Schnecke, Felfenloch und Grashalm allesamt genau in die vertikale Bildmitte, was sehr störend ist.

Der gesamte untere Bildteil ist schon fast wieder ein Motiv für sich – das Loch in der Felge und die heraus wachsenden Gräser. Aber in dieser Komposition ziehen sie den Blick nur von der Schnecke in den fast gleichfarbigen Ringen der Felge weg und tragen nichts zum Bild bei.

Hinzu kommt, dass Du mit einer recht weit geöffneten Blende, einer Brennweite von umgerechnet 28mm (4,7mm an der kompakten Panasonic DMC-TZ5)und einer sehr geringen Distanz zum Motiv mit einer Schärfenuntiefe zu kämpfen hattest, die leider nur geringe Teile des Bildes überhaupt scharf werden liess.

Was hättest Du tun können? Zuerst hättest Du gegen die innere Stimme den Ausschnitt auf die Schnecke in der Felge reduzieren müssen (was nicht heisst, dass nicht ein paar zusätzliche Aufnahmen mit einem weiteren Ausschnitt zur Sicherheit hätten gemacht werden können).

Dann hätte ich an Deiner stelle die Gräser sachte beiseite gebogen und sogar auch etwas von dem trockenen Grashalm in der Felge weggeräumt (über derlei Eingriffe streiten nicht nur Golfspieler im Rough, sondern auch Landschaftsfotografen in der ganzen Welt – ich halte sie für absolut vertretbar). Und schliesslich hätte ein Stativ und manuelle Einstellung an der Kamera zur einer kleineren Blende und einer deutlich längeren Belichtungszeit für durchgehende Schärfe führen können.

Alles in allem ist Dir hier ein grossartiges Motiv aufgefallen und ein recht gutes Bild gelungen, das aber zugleich ein paar kompositorische Kanten und Gussgrate hat und deutlich macht, wo die Grenzen des schnellen Knipsens mit der Kompaktkamera liegen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. Renate Erker sagte:

    Vielen Dank für diese ausführliche Beschreibung. Lustigerweise habe ich das Bild ein bißchen beschnitten und gedreht, um Schnecke und Loch in eine Linie zu bekommen (habe ich mal gelesen: bei Hochformat eine Linie).
    Zum Stativ und Unscharfen möchte ich noch sagen, dass du Recht hast und ich noch ein bißchen üben muß. Ich würde mir wünschen, alle meine Bilder kommentieren lassen zu können! Danke nochmal!!

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