Waldbrand-Landschaft: Aus der Ecke heraus

Starke Linien in einer Landschaft öffnen den Weg zur ungewöhnlichen Komposition.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© damian byland).

Kommentar des Fotografen:

Diese Landschaftsfotografie ist auf meiner Reise durch Amerika entstanden. Mich faszinierten die abgebrannten Bäume, kombiniert mit der Abendstimmung und den letzten Sonnenstrahlen. Für eine bessere Linienführung und um das Bild ein wenig spannender zu gestalten, richtete ich meine Linse so aus, dass sich die Strasse so gut wie’s ging durchs Bild schlängelte. Die Unschärfe im linken Bildteil muss wohl am preiswerten Objektiv liegen.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Damian Byland:

Ein typischer amerikanischer Highway irgendwo im Westen schlängelt sich in weichen Mäandern durch einen Nadelholzwald im Abendlicht. Die Stämme der Bäume ragen in seltsamer Nacktheit gegen den blauen, von Wolkenfetzen durchzogenen Himmel. Der Wald ist abgebrannt, die Stämme werden vom flachen Sonnenlicht zum Leuchten gebracht.

Eine attraktive und zugleich verstörende Panorama-Landschaftsfotografie: Es gleicht den Bildern, die während der Waldsterbe-Debatte in den achtziger Jahren eine Horrorvision toter Wälder vermittelten. Dabei sind Waldbrände in den Weiten des amerikanischen Westens nicht nur normal, sondern für das Ökosystem sogar nötig.

Deine Aufnahme bricht in mehrerer Hinsicht mit den Regeln:

Es ist im Panoramaschnitt komponiert (oder geschnitten) und hat eine klare horizontale Mittenzentrierung.

Davon würde ich bei einer Landschaftsaufnahme, abgesehen von Spezialfällen wie einer Spiegelung in einem See und ähnlich starken Symmetrieelementen generell abraten; aber hier ist die starke Mittelteilung funktionell und sehr wirksam. Auch die Strasse führt direkt in den Bildmittelpunkt, und von dort aus fächern sich die Baumstämme nach links und rechts wie in einer querliegenden Sanduhr auf. Die starke Struktur der Vertikalen in Form der Baumstämme erhält so eine einzige, aber ebenfalls sehr starke horizontale Gegenspielerin.

Dieses Kreuz wird unterstützt von der Strasse, die exakt in die Bildmitte und dort mit weichem Schwung in die Horizontale des waldes führt. In der Diagonalen von unten rechts erhält die Strasse in der spannenden Wolke oben links einen Kontrapunkt. So erhält das Bild, obwohl es durch die Hauptlinien in gleichmässige Felder bevierteilt wird, auch in jedem dieser Felder einen anderen Blickfang.

Wäre diese Aufteilung absolut, sie würde uns wahrscheinlich stören; aber erst nachdem wir uns ins Bild haben führen lassen wird erkennbar, dass die Wellenform des Waldes in einer Drittelsregel von rechts nach links zuerst ab- und dann im letzten linken Drittel wieder anschwillt. Hinter der vermeintlichen Viertelung steckt eine horizontale Drittelung, die mit drei starken Tiefenebenen des Landschaftsbildes einhergeht und von der ohnehin starken dreidimensionalen Komponente der ins Bild hineinführenden Strasse unterstützt wird.

Auch in der Vertikalen wird diese Fotografie in einer Kompositionsebene gedrittelt, mit einem Vordergrund zu unseren Füssen, einem Mitelgrund auf Augenhöhe und dem Himmel darüber.

Diese übereinanderliegenden Linien- und Flächenelemente verleihen der an sich wenige Spannungspunkte aufweisenden Aufnahme jene Räumlichkeit, die als eine der Anforderungen an die Landschaftsfotografie gilt – und sie drücken emotional die Tiefe und Weite aus, die namentlich uns Europäer in dieser Gegend beeindruckt.

So ist es kein grosser Verlust, dass die Aufnahme keinen dedizierten Vordergrund hat, etwa einen nahe stehenden Baum oder ein querliegendes Element, das wahrscheinlich das Spiel der Flächen eher gstört hätte.

Was ich hier vermieden hätte, ist die exaktin die rechte Ecke verlaufende Mittellinie der Strasse, von der ich den Verdacht habe, dass Du sie bewusst so platziert hast. Ecken sind starke Bildstellen, und auch wenn nach der Diagonalmethode alles, was betont werden soll, auf Diagonalen gelegt werden kann, wirken in die Ecken laufende Linien in der Fotografie fast immer übertrieben oder gekünstelt. Hier verleiht der Kniff der Strasse sehr viel mehr Bedeutung, als sie in der Komposition haben soll.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Kommentare
  1. Uwe S sagte:

    Der Ball verlässt beim Fußball das Feld entweder über die Seitenlinie oder über die Torlinie. Es ist schon seltsam, wenn man ausgerechnet die Ecke trifft.

    Warum fällt uns gerade dieses unbedeutende Detail auf? Es handelt sich um ein Bühnenbild vor oder nach Auftritt der Schauspieler. Kein Auto, keine Brücke, kein Elch. Wie in einer leeren Kneipe flüchtet man sich in die Ecken.

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  2. Peter Bundrück sagte:

    Mir gefällt das Bild sehr gut und ich habe auch kein Problem mit der Strasse. Zumal der linke bzw. rechte Strassenrand die Grundliene und die kurze Seite schön aufteilen.
    Zusammen mit der gegenläufigen Wolkenbewegung macht die Stasse schon Sinn so wie sie ist ….Finde ich.

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  3. thomaspom sagte:

    kompliment! eine landschaftsaufnahme, die mich lange gefesselt hat. prima licht und farben.
    bis auf die erwähnte mittellinie eine tolle bildkomposition.
    einzig die bildschärfe hätte durch eine mittlere blende verbessert werden können.

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