Abstrakt-Foto: Ruhe vor dem Film

Abstrakte, minimalistische Fotos können von einer Vielzahl an Symmetrien leben – bei diesem Foto von Kinosesseln entstehen sie durch Linien, Farben und Verteilung entstehen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Gabriel Allon).

Kommentar des Fotografen:

Als erster im Kino (Riff Raff, Zürich), zufällig die Kamera dabei. Das Licht und die Farbe der Sitze ergaben eine einzigartige Stimmung. Im Photoshop wurde nur beschnitten, die Farben sind wie auf dem JPG aus der Kamera.

Profi Robert Kneschke meint zum Bild von Gabriel Allon:

Der erste Gedanke beim Blick auf das Bild: Was ist das? Eine Tastatur oder Pflastersteine von unten? Nein. Erst der zweite Blick lässt den Ort der Fotografie klarer erscheinen. Die Sessel in einem Kino, aus der Betrachterperspektive (im Film gerne „Point of View“ oder POV genannt).

Minimalistische Fotos, die sich eher an abstrakte Grafiken statt an purer Subjektwiedergabe orientieren, es aber dennoch schaffen, die Balance zwischen Entfernung und Erahnung des Motivs zu halten, sind selten, und das vorliegende Foto von Gabriel Allon ist ein gutes und gelungenes Beispiel dafür.

Das Foto der Kinosessel vor Beginn der Vorstellung erfüllt den Anspruch an ein gutes Foto auf mehreren Ebenen. Die Farbpalette reduziert sich auf Gelb- und Braun-Töne. Das führt dazu, dass der Verteilung der minimalen Farbunterschiede viel Sorgfalt gewidmet werden muss.

Die unscharfen Sessel unten führen den Blick ins Bild hinein, werden schärfer, quirliger, bis die Muster genau in der Mitte des Bildes aufhören und von drei Farbstreifen abgelöst werden, einem mittleren Braun, ein tiefdunkles Braun, welches ungefähr halb so breit ist wie der mittelbraune Streifen und eine hellgelbe Fläche mit einem radialen Helligkeitsverlauf von der Mitte an die Ränder.

Der Helligkeitsverlauf spiegelt sich auch in den Sesseln darunter wieder. Diese Fläche wiederum ist ungefähr drei Mal so breit wie der mittelbraune Streifen.

Sowohl Farbe, Breite als auch die Linien führen zu einer Symmetrie auf verschiedenen Ebenen, die das Bild trotz der Schlichtheit spannend und sehenswert machen. Dazu kommt, dass auch inhaltlich eine Aussage zu erkennen ist. Das Bild drückt eine Erwartungshaltung aus, die Sessel stehen symbolisch als Platzhalter für die Zuschauer, die noch kommen werden.

Der Kinosaal, entzerrt, entrauscht und gemittet.Bei solchen Bildern mit wenig klar erkennbaren Motiven gewinnt jede Feinheit an Wichtigkeit. Hier hätte das Bildrauschen, entstanden durch die im dunklen Raum notwendigen ISO 1600, mittels Photoshop etwas reduziert werden können. Außerdem ist die Mittellinie nicht 100% gerade und das Foto ist leicht tonnenförmig. Ich habe die drei genannten Elemente in Photoshop korrigiert. Entstanden ist diese Version, die noch einen Hauch ausgeglichener wirkt.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare
  1. Gabriel Allon sagte:

    @Robert Kneschke: Vielen Dank für die Bildkritik und die konstruktive Anregung zur weiteren Verbesserung des Bildes!

    @Markus: Ich hatte das Gefühl, dass in der quadratischen Form mehr Spannung steckt. Ich kann aber das unbeschnittene Original mal heraussuchen und online stellen, dann kannst du gerne schauen, ob sich da auch noch etwas herausholen liesse.

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  2. Markus sagte:

    Die abstrakte Schlichtheit des Bildes gefällt mir. Vielleicht hätte ich noch die erste Lehne unten abgeschnitten, da sie schräg ist und nicht zum Rhythmus der restlichen Sitze passt.
    Da es sich um einen Kinosaal handelt und falls noch Platz an den Rändern ist, wäre eventuell auch ein Beschnitt im Leinwandformat interessant.

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