Begegnungsbild:
Der ganze Ausdruck im Detail

Gesichter sind die stärksten Stimmungsträger. Aber bisweilen lässt sich eine Situation auch durch ein anderes Moment ausdrücken.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Barbara Sucker).

Kommentar der Fotografin:

Canon EOS 7D, (1/250), f/5.6, 145.0 mm, ISO 250

Peter Sennhauser meint zum Bild von Barbara Sucker:

Ein Kleinkind – im Bild nicht zu sehen – reicht einem Elefanten ein Salatblatt. Diese Farbfotografie zeigt ausschliesslich die direkte Übergabe: Von links reicht, absolut mittig und rechtwinklig fotografiert, der Arm des Kindes mit leicht abgewinkelter Hand das Salatblatt dem Rüssel des Elefanten, der von rechts ins Bild reicht. Im Hintergrund unter dem Kinderarm sind in der Unschärfe gerade noch zwei sitzende Zuschauer auszumachen.

Immer wieder ist in unseren Rezensionen der Hinweis zu finden, dass bei menschlichen – und auch bei tierischen – Tätigkeiten das Gesicht der Protagonisten im Zentrum stehen sollte, weil sich die Stimmung der Situation im Ausdruck am stärksten widerspiegelt.

Und weil wir Menschen grundsätzlich an anderen Lebewesen und ihrem Befinden interessiert sind, die Situation mit ihnen teilen wollen.

Das heisst allerdings nicht, dass diese Stimmung, die Befindlichkeit der im Motiv stehenden Wesen, nicht auch in anderen Dingen zum Ausdruck gebracht werden kann: Körperhaltung, Kontext, Situation.

Hier sind zunächst die sehr gegensätzlichen Körperteile zweier Wesen zu sehen. Der glatte, haarlose und etwas patschhändige Arm des Kindes und der feuchte, runzlige und borstige Rüssel des Elefanten. Beides wären Details, die unsere Aufmerksamkeit an sich schon auf sich ziehen würden, aber in dieser Aufnahme steckt ausserdem die Aktion des Gebens und Nehmens. Und dazwischen steht das bestens bekannte Grün eines Kopfsalat-Blattes, des Objekts im Austausch.

Die Handlung des Bildes ist sofort erfasst, also wenden wir uns als Betrachter den Protagonisten zu. Und weil wir sie nur sehr beschränkt sehen, versuchen wir, aus den Details die Situation zu rekonstruieren.

Das ist in diesem Fall sehr reizvoll, weil viele Möglichkeiten gegeben sind, aber durch genaue Beobachtung dennoch viel gesagt werden kann. Das Kind scheint eine leichte Scheu zu haben, streckt das Salatblatt aber dennoch mutig dem Rüssel hin – mit ganz leicht abgewinkelter Hand, die schnell zurückgezogen werden kann, aber nicht angestrengt weit vom Körper gestreckt.

Der Elefant dagegen scheint seinerseits sehr behutsam nach dem Blatt zu greifen, indem er die Rüsselspitze sehr früh zu einer Greifhand formt. Die Gegensätzlichkeit von Grösse und Alter allein aus den Körperteilen, der Haut und ihrer Farbe, den Runzeln und Borsten des Elefanten schafft eine Spannung, und dennoch scheint die Begegnung eine respekt-, um nicht zu sagen liebevolle zu sein.

Dass wir die Szene mit den Zuschauern im Hintergrund teilen, fügt dem ganzen eine gewisse Vertrautheit, eine Sicherheit des inszenierten Vorgangs hinzu: Dieses Bild gibt keinen Anlass zur Sorge, sondern ausschliesslich zur Freude über die Begegnung. Glänzende Kinderaugen sind dabei für einmal nicht nötig, und das macht das Foto zu etwas Speziellem.

Man hätte die Szene auf viele andere Arten, mit anderer Perspektive, aus Sicht des Kidnes oder mehr vom Elefanten her aufnehmen können – ich bin der Ansicht, dass dieser Ausschnitt just auf Hand (oder Rüssel-) Höhe bei höchster Reduktion auf den Moment und den Vorgang den grössten Ausdruck birgt und der Betrachterin zugleich Interpretationsspielraum lässt. Selbst die Zuschauer im Hintergrund, die mich auf den ersten Blick kurz störten, tragen etwas zur Stimmung bei und sind deshalb goldrichtig.

Ein Erinnerungsstück, das sich nicht im Fotoalbum „ich und der Elefant“ verstecken muss, sondern grossformatig an der Wand Platz finden kann. Und eine Überlegung wert, wieviele ähnliche Situationen bei der „Dokumentation“ eines Kinderlebens ähnlich ausdrucksstark und jenseits der klassischen Familienfoto-Komposition aufgenommen werden könnten.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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11 Antworten
    • Jürgen Schulte says:

      Ich hätte es nicht treffender beschreiben können. Noch einen Tipp an Barbara: Biete das Bild doch mal dem WWF an. Wäre doch ein wunderbares Leitmotiv für eine Tierschutzkampagne, oderrrr???

  1. Christian Loose says:

    Für meinen Geschmack hätte das Bild zum einen etwas heller sein dürfen und die Kamera zum Aufnahmezeitpunkt um 45° gedreht, so dass ein diagonaler Verlauf zustande gekommen wäre. Der waagerechte Verlauf des Motivs empfinde ich hier etwas unspektakulär.

    Gruß,
    Christian

    Antworten
    • Peter Sennhauser says:

      Christian, die rechtwinklige Draufsicht ist just, was ich wichtig finde an dem Bild: So nehmen wir als Betrachter nicht automatisch die eine oder andere Position ein, sondern stehen zwischen den beiden Lebewesen und beobachten ihre Begegnung, ohne einseitig involviert zu werden.

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  1. […] und freue mich so, wie das Bild analysiert und wahrgenommen wurde. Ich finde selbst, dass es mein bestes Foto bisher ist und in diesem Fall stinkt Eigenlob nicht Falls es euch interessiert, kann es hier nachgelesen werden […]

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